Interview

Stadtarchivar Jürgen Kalitzki zieht nach 34 Jahren Bilanz

Lennestadts erster Stadtarchivar Jürgen Kalitzki an seinem Arbeitsplatz. 30 Jahre ordnete und komplettierte er den „Dokumentenschatz“ der Stadt Lennestadt.

Lennestadts erster Stadtarchivar Jürgen Kalitzki an seinem Arbeitsplatz. 30 Jahre ordnete und komplettierte er den „Dokumentenschatz“ der Stadt Lennestadt.

Foto: Haymo Wimmershoff / WP

Lennestadt.  34 Jahren hütete Archivar Jürgen Kalitzki den Dokumentenschatz der Stadt Lennestadt. Jetzt zieht er Bilanz.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Auf der Fensterbank in Jürgen Kalitzkis Büro im Lennestädter Rathaus steht ein Ziegelstein der früheren Ziegelbrennerei Viebahn, die vor mehr als 100 Jahren auf der Karlshütte in Langenei existierte. Es ist das einzige historische Exponat in dem Zimmer und das hat seinen Grund. Der 62-jährige Verwaltungsfachwirt genießt nach 41 Jahren im öffentlichen Dienst seit 1. Juli seinen Vorruhestand – nicht ohne sichtbare Spuren hinterlassen zu haben. Jürgen Kalitzki war der erste Archivar der Stadt Lennestadt und hat den Aktenschatz der Kommune gesichtet, geordnet und für die Nutzung vorbereitet. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit zwischen Kartons und Regalen voller Aktendeckeln.


Wenn man Archivar wird, dann hat man sicher bereits in der Kindheit in vergilbten Büchern geblättert und man fühlte sich von verstaubten Ordnern und alten Dokumenten magisch angezogen, oder?
Jürgen Kalitzki: Nein, so war es bei mir nicht. Ich habe 1984 ein dreimonatiges Praktikum bei der Stadt Lennestadt gemacht und in dieser Zeit den kompletten Umzug des Rathauses von Grevenbrück nach Altenhundem organisiert. Dann machte sich die Verwaltung Gedanken über das leerstehende Verwaltungsgebäude in Grevenbrück. Zunächst war dort eine Verwaltungsnebenstelle angesiedelt und es reifte die Überlegung, das Gebäude als Archiv zu nutzen. Weil ich mich schon damals für Geschichte und Familienforschung interessierte, habe ich mich auf die Archivarstelle beworben und dann ab 1. Dezember 1985 das Stadtarchiv in Grevenbrück aufgebaut, betreut und verwaltet.

Ausbildung

Das heißt, wer Verwaltung kann, der kann auch Archiv?
Ich habe 1987 eine halbjährige Ausbildung zum Kommunalarchivar in Altena und Bochum gemacht. Das waren die sogenannten „Kölner Kurse“, die vom Westfälischen Archivamt angeboten wurden. Dort wurde das Grundwissen für die Leitung eines Archivs vermittelt, mit Schrift- und Aktenkunde, Landeskunde, Archivrecht und alles, was da zugehört, zum Beispiel das Lesen alter Schriften, wie die deutsche oder mittelalterliche Schriften. 1993 kam dann das Stadtmuseum dazu.


Dann kennen Sie im Alten Amtshaus in Grevenbrück jeden Winkel?
Ja, das Haus kenne ich schon in- und auswendig. Ich habe 34 Jahre darin gearbeitet.

Quellenlage

Als Sie mit dem Archivaufbau begannen, welche Quellen waren vorhanden und wo lagerten die Akten damals?
Anfangs lagerten die Unterlagen, also die Altakten des früheren Amtes Bilstein mit der typischen preußischen Fadenheftung, noch in einem der vielen Keller im Amtshaus in Grevenbrück. Bis 1975 hatte sich dafür niemand interessiert. Erst als das Buch „Bilstein - Land, Burg und Ort“ erscheinen sollte, haben sich die Autoren, darunter maßgeblich auch Günter Becker (heute Lennestadts Stadtheimatpfleger, d. Red.) mit den Altunterlagen des Amtes Bilstein beschäftigt. In dem Zuge hat man die Akten gesichert und zunächst im Städtischen Gymnasium deponiert, in einem völlig ungeeigneten Kellerraum. Dieter Tröps, der damalige Kreisarchivar, hat damals die erste Verzeichnung des Bestands vorgenommen. Diesen habe ich dann übernommen und in Grevenbrück fachgerecht, staub- und lichtgeschützt deponiert und für die Nutzung vorbereitet.



Wieviele Akten waren es denn damals?
Nicht wenige und es kamen noch einige dazu. Heute haben wir einen Bestand von mehr als 5000 Aktenbänden aus dem Amt Bilstein im Stadtarchiv.
Von wann bis wann?
Von 1803 bis zur Gründung der Stadt Lennestadt vor 50 Jahren. Mein Ziel war es, den Bestand zu vervollständigen und abzuschließen. Das habe ich auch weitgehend geschafft. Im Rathaus gibt es jetzt wohl keine Akte mehr aus der Zeit vor 1969. Ich habe dann ein Repertorium erstellt und veröffentlicht. Den Aktenbestand kann heute jeder auf der Internetseite der Stadt Lennestadt einsehen.

Keine Verschiebungen

Wo liegen die Akten aus den Orten der Stadt, die damals nicht zum Amt Bilstein gehören, zum Beispiel Altenhundem oder Saalhausen, die früher im Amtsbezirk Kirchhundem lagen?
Die lagern nach wie vor im Gemeindearchiv in Kirchhundem. Nach der Kommunalen Neugliederung wurden die Archivakten nicht ausgetauscht, sie verblieben bei den früheren Ämtern. Bürger, die also etwas über Saalhausen vor 1969 erfahren wollen, müssen weiterhin zum Kollegen Martin Vormberg nach Kirchhundem.


Die Akten stehen also interessierten Bürgern zur Verfügung?
Ja, man kann sich im Internet vorab über ein bestimmtes Thema informieren, ob es überhaupt Akten dazu gibt. Wenn ja, kann man sich anhand der Signaturen im Archiv die gewünschten Akten vorlegen lassen.


Und was findet man dann, nur die Kommunalakten?
In erster Linie, aber nicht nur. Seit der Neufassung des Personenstandsgesetzes werden auch Standesamtsunterlagen nach Ablauf der Schutzfristen Archivgut, die wir dann übernehmen. Das heißt, jetzt kommen auch viele Familienforscher ins Archiv und lassen sich die Standesamtsbücher vorlegen. Daneben gibt es viele Sammlungen, die das gesellschaftliche Leben in der Stadt repräsentieren. Das sind Fotosammlungen, Plakate und Flyer, die ich den vielen Jahren gesammelt habe und nach Orten sortiert habe. Ich bin immer dankbar, wenn Vereine uns ihre Unterlagen übergeben, wenn sie sich auflösen.

Bürger liefern

Das heißt, die Bürger bringen auch von sich aus Akten ins Archiv?
Ja, das kommt vor. Es hat lange gedauert, bis das in der Bevölkerung angekommen ist, dass es ein Archiv gibt, das auch private Fotosammlungen oder Vereinsbestände gern annimmt. Wir wollen ja das gesamte Spektrum der Stadt für die Zukunft dokumentieren.


Welche Kriterien spielen bei der Bewertung der Akten eine Rolle?
Der Archivar muss zunächst bewerten, ob eine Akte überhaupt archivwürdig ist. Nur 25 bis 30 Prozent allen Schriftgutes, das in einer Verwaltung entsteht, findet den Weg ins Archiv. Das ist die klassische und verantwortungsvolle Aufgabe des Archivars. Er legt damit fest, welche Informationen erhalten bleiben. Was vernichtet wird, ist für immer weg.

Digitalisierung

Alles spricht von Digitalisierung, wird es irgendwann das komplette digitale Archiv geben?
Ich habe 1984 noch auf Karteikarten inventarisiert. Heute gibt es eine digitale Datenbank, wo alle Akten verzeichnet sind. Die Archivakten selbst werden immer im Original erhalten bleiben. Fotos und Dias, Filme auf Super-8-Spulen oder Videokassetten werden nach und nach digitalisiert, weil die Haltbarkeit nicht gewährleistet ist in Zukunft kaum noch Abspielgeräte vorhanden sind.


Archivbesucher müssen also weiterhin blättern, die alten Dokumente wurden nicht eingescannt, oder?
Nein. Die Archivakten werden dauerhaft im Original vorgehalten. Wie bereits gesagt, werden Fotos und Filme digitalisiert, weil dies auch für das Material schonender ist, wenn man das Original im Depot lässt. In meiner Ausbildung wurde bereits gesagt, das papierlose Büro ist nahe, es ist aber kaum etwas passiert. Es werden noch einige Jahre ins Land gehen, bis dem Archiv elektronische Daten zur dauerhaften Archivierung angeboten werden. Das ist die Herausforderung der Zukunft. Aber man muss jetzt schon die Vorbereitungen dazu treffen. Dabei geht es schließlich um die Sicherung und die Lesbarkeit der Daten über Generationen. Man sieht ja, wie schnell sich heute Betriebssysteme von Computern und Textformate verändern. Aber die digitalen Akten, die entstehen, muss man auch in 50 oder 100 Jahren noch lesen können. Es gibt Arbeitskreise, auch beim Westfälischen Archivamt, die sich damit beschäftigten.

Stellenwert

Hatte die Archivarbeit im Rathaus immer den Stellenwert, den sie heute hat?
Nein, anfangs gar nicht, ich war ja auch kaum präsent im Rathaus. Aber das hat sich geändert. Weil die Kollegen und Mitarbeiter gemerkt haben, dass ich ihnen auf der Suche nach historischen Informationen meistens weiterhelfen konnte. Sei es mit alten Fotos oder anderen Informationen. Insbesondere bei Jubiläen war ich gefragt.


Das heißt, auch für das Jubiläumsbuch „50 Jahre Stadt Lennestadt“, das bald erscheinen wird, war das Stadtarchiv eine ergiebige Quelle.
Ja, viele Ereignisse der letzten 50 Jahre konnten aus der Zeitungssammlung und der zeitgeschichtlichen Sammlung zusammengetragen werden. An der Bebilderung des Buches ist das Archiv auch maßgeblich beteiligt.

Nachfolge

Warum ist Archivarbeit so wichtig?
Das Archiv ist das Gedächtnis der Stadt. Alles, was 30 bis 40 Jahre zurück liegt, ist aus den Köpfen verschwunden. Wenn man sich zum Beispiel bei Straßen- und Brückensanierungen fragt, warum wurde so oder nicht anders gebaut, dann kommt das Archiv ins Spiel, weil mit den Akten aus alter Zeit die Entscheidungsprozesse nachverfolgt werden können.


Wer hütet jetzt nach Ihrem Ausscheiden den „Lennestädter Aktenschatz“?
Meine Nachfolgerin ist Andrea Bräutigam aus Maumke, die bereits seit über zehn Jahren Mitarbeiterin des Stadtarchivs ist. Ich freue mich, dass ich mein „Lebenswerk“ in kompetente Hände geben konnte.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben