Talsperren

Stauseen Bigge und Lister sind noch zur Hälfte gefüllt

Der Leiter des Talsperrenbetriebs Süd des Ruhrverbandes, Ralf Stötzel, auf der Lister-Staumauer, mit Blick auf den Biggesee mit Niedrisgt-Stand.

Der Leiter des Talsperrenbetriebs Süd des Ruhrverbandes, Ralf Stötzel, auf der Lister-Staumauer, mit Blick auf den Biggesee mit Niedrisgt-Stand.

Foto: Josef Schmidt

Olpe/Drolshagen.  Interview mit dem Leiter des Ruhrverbands-Talsperrenbetriebs Süd, Ralf Stötzel. Er ist sicher: Die Talsperren laufen trotz Dürre nicht leer.

Der Biggesee gewährt wegen der anhaltenden Trockenheit und seinem Niedrig-Wasserstand ungewöhnliche Einblicke. Über den Stausee, seine Geschichte, seine Aufgaben und die Frage, was passiert, wenn der Regen weiter ausbleibt, sprachen wir mit Ralf Stötzel, Bau-Ingenieur beim Ruhrverband und Leiter des Talsperrenbetriebs Süd.

Was machen Sie eigentlich, wenn der Biggesee mal völlig trocken läuft?

Ralf Stötzel: Der läuft nicht völlig trocken.

Warum?

Bigge- und Listertalsperre sind noch etwa zur Hälfte gefüllt, und das würde noch mehrere Monate reichen. Ich bin zuversichtlich, dass der Regen bis dahin kommt und wir im Frühjahr wieder gut gefüllt sind. Ich mach’ mir da jedenfalls keine Sorgen.

Ist das theoretisch überhaupt denkbar?

Theoretisch ist alles denkbar. Von der Praxis her ist es aber ausgeschlossen.

Wegen des Zulaufes aus den umliegenden Flüssen und Bächen?

Ja, wir haben im Durchschnitt jedes Jahr einen Zulauf von rund 225 Millionen Kubikmeter in die Biggetalsperre, bei einem Stauinhalt von rund 172 Millionen Kubikmeter. Die Bigge wird also eher überversorgt.

Sie müssen also eher am Ablauf aufdrehen und Wasser ablassen?

Richtig. Das ist unter anderem die Aufgabe der Talsperre.

Derzeit liegt der Pegelstand bei rund 292 Meter über dem Meeresspiegel. Was war der niedrigste Stand überhaupt?

Der bisher gemessene niedrigste Stand war knapp unter 286 Meter über Normal Null.

Wann war das?

Im Jahr 1976.

Die Möhnetalsperre bei normalem und aktuell niedrigem Wasserstand. (Fotos: Hans Blossey)

Welches sind die Hauptaufgaben des Biggesees?

Die Hauptaufgabe ist, und dafür ist der Stausee mal gebaut worden, die Ruhr mit zusätzlichem Wasser zu versorgen, wenn es dort benötigt wird. Im Sommer würde die Ruhr bei Hagen trocken laufen, wenn die Talsperren ihr gespeichertes Wasser nicht abgeben würden. Darüberhinaus dient der See dem Hochwasserschutz.

Und die Ruhr darf nicht trocken laufen?

Nein, aus der Ruhr wird Trinkwasser für das Ruhrgebiet gewonnen.

Niedrigwasser im Möhnesee

Spektakuläre Luftaufnahmen vom Niedrigwasser im Möhnesee
Niedrigwasser im Möhnesee

Das Trinkwasser des Ruhrgebietes kommt also indirekt auch aus der Biggetalsperre.

Ja. Etwa 40 Prozent des gesamten Zuschuss-Wassers für die Ruhr kommt aus der Biggetalsperre.

Und der Rest?

Der Rest zum überwiegenden Teil aus der Möhne- , aus der Sorpe- und Hennetalsperre.

Sie sind Leiter des Talsperrenbetriebs Süd. Was gehört dazu?

Zum Talsperrenbetrieb Süd gehören die Bigge- und Listertalsperre, der Stausee Ahausen und die drei Trinkwassertalsperren Verse-, Ennepe- und Fürwiggetalsperre.

Und die dienen alle der Trinkwasserversorgung des Ruhrgebietes?

Die drei letztgenannten, also Verse, Ennepetal und Fürwigge haben eher lokale Bedeutung, versorgen also die umliegenden Städte und Gemeinden mit Rohwasser.

Das gilt auch für die Listertalsperre?

Ja, da werden ja auch jedes Jahr etwa vier Millionen Kubikmeter Rohwasser von den Kreiswerken entnommen. Aber aus der Bigge wird in der Regel kein Rohwasser entnommen, sondern es fließt über die Lenne in die Ruhr, und erst dort entnehmen die Wasserwerke ihren Rohstoff.

Welche Flüsse speisen den Biggesee eigentlich?

Die Bigge, die Lister, der Olpebach und die Brachtpe. Das sind die vier wesentlichen Zuflüsse.

Wie viele Vorstaubecken gibt es?

Die Lister ist eines, das mit Abstand größte, dann Eichhagen, Kessenhammer, Bremge und Dumicketal.

Welche Funktionen haben solche Vorstaubecken?

Zweierlei. Zum einen, den Wasserstand in den Zuflüssen konstant zu halten, zum anderen die Schwebstoffe dort abzulagern, praktisch herauszufiltern, so dass sie nicht in den Biggesee fließen.

Das Wasser wird also gestaut und gesäubert?

Genau. Aus ökologischer Sicht wird der Wasserstand in den Vorstaubecken immer gleich gehalten. Es läuft nur ab, was zuläuft.

Auch in Zeiten, in denen der Biggesee fast vertrocknet?

Er vertrocknet ja nicht, aber auch bei Bigge-Tiefststand ist das so.

Am vergangenen Wochenende waren tausende Menschen rund um die Bigge unterwegs, auch auf den normalerweise unter Wasser liegenden Wegen. Worauf sollte man achten?

Der Ruhrverband hat mehrfach davor gewarnt, die jetzt trockenen Uferbereiche zu betreten. Ich habe dafür auch kein Verständnis. Es gibt Bereiche, die sind richtig gefährlich.

Sie raten also dazu, wegzubleiben?

Absolut ja.

Die Möhnetalsperre bei normalem und aktuell niedrigem Wasserstand. (Fotos: Hans Blossey)

Dort spazieren aber viele Neugierige her.

Wir können nicht mehr tun, als die Leute zu warnen. Es wird sicherlich auch Uferbereiche geben, auf die man gehen könnte, aber wir wissen nicht, welche das sind. Deshalb ist das Betreten der trocken gefallenen Ufer verboten. Es besteht Lebensgefahr.

Was kann passieren?

Ich sinke ein, habe keine Hilfe und komme allein nicht mehr raus. Das ist wie in einem Sumpf.

Wie viel Liter Wasser sind momentan noch in Bigge- und Listersee vorhanden?

Im Moment sind wir bei 85 Millionen Kubikmeter. Insgesamt passen bis zum Vollstau rund 172 Millionen Kubikmeter in die beiden Stauseen.

Können Sie den Begriff Vollstau erklären?

Vollstau ist die Wasserlinie, ab der das Hochwasser-Entlastungssystem in Betrieb geht. Man kann es sich wie in einer Badewanne vorstellen. In der Bigge haben wir den Hochwasserentlastungsturm. Das ist der Kelch, der in der Nähe des Biggedamms im Wasser steht. Bei einer Stauhöhe von 307,51 Metern über Meeresspiegel würde das Wasser so gerade über den Rand des Betontrichters schwappen und abfließen.

Wenn der Biggesee derart leer ist, kann er dann seine Funktion der Ruhrversorgung noch erfüllen?

Das kann er. Unser System ist für ein sogenanntes Doppeltrocken-Jahr ausgelegt. Selbst zwei trockene Sommer hintereinander sind für unser Talsperrensystem kein Problem.

Wie viel Wasser gibt die Bigge im Schnitt Richtung Ruhr ab?

Die rund 225 Millionen Kubikmeter, die jährlich reinfließen, werden auch wieder abgegeben. Abzüglich dessen, was die Kreiswerke aus der Lister entnehmen und abzüglich der Verdunstung.

Wird in den nächsten Jahren eine größere Baumaßnahme an Bigge und Lister zu erwarten sein?

Wir sind laufend dabei, die Technik auf den neuesten Stand zu bringen. Man darf nicht vergessen, dass die Bigge über 50 Jahre alt ist. Da müssen unsere Leute immer dranbleiben. Zurzeit sind wir mit der Wehranlage in Eichhagen beschäftigt, da wird die linke Wehrklappe ausgebaut und durch eine neue ersetzt.

Stehen irgendwelche größeren Investitionen auf ihrem Terminplan, wie beispielsweise die Arbeiten an dem Staudamm, die das künstliche Absenken des Sees 2015 notwendig machten ?

Nein, eine Maßnahme solchen Umfangs ist absehbar nicht geplant.

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