Verlust

Stein fehlt plötzlich auf jüdischem Friedhof in Attendorn

Der symbolträchtige Stein, den Schützenhauptmann Sascha Koch auf das Grab des jüdischen Schützenbruders Sotig Mai gelegt hat, ist auch zum Entsetzen von Hartmut Hosenfeld (rechts) verschwunden.

Der symbolträchtige Stein, den Schützenhauptmann Sascha Koch auf das Grab des jüdischen Schützenbruders Sotig Mai gelegt hat, ist auch zum Entsetzen von Hartmut Hosenfeld (rechts) verschwunden.

Foto: martin droste

Attendorn.   Auf dem Grab von Sotig Mai auf dem jüdischen Friedhof fehlt seit kurzem ein kleiner Stein. Dieser hat allerdings eine große Bedeutung.

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War es Unwissenheit, Gedankenlosigkeit oder doch gezielte Absicht? Auf dem jüdischen Friedhof in Attendorn fehlt jedenfalls seit einigen Tagen ein symbolträchtiger Stein auf der Grabstätte von Sotig Mai. Den mit einer Aufschrift versehenen Stein von der Vogelrute, wo die Attendorner Schützengesellschaft 1222 ihre Könige ermittelt, hatte nach der diesjährigen Fronleichnamsprozession Schützenhauptmann Sascha Koch hinauf zum Himmelsberg gebracht und auf das Grab von Mai gelegt.

Damit soll an den jüdischen Schützenbruder erinnert werden, der 1851 unfreiwillig für einen großen Skandal gesorgt und durch seine Teilnahme unter einem der „Iserköppe“ genannten Rüstungen an der Fronleichnamsprozession einen jahrelangen Bann der katholischen Kirche ausgelöst hatte.

Fehlen des Steins bei Führung über jüdischen Friedhof bemerkt

Bemerkt hat das Fehlen des besonderen Steins vor einigen Tagen Tom Kleine bei einer Führung mit jungen Leuten auf dem jüdischen Friedhof am Himmelsberg. Kleine ist mit dem ehemaligen Schulleiter und Autor Hartmut Hosenfeld Initiator von „Shalom 2018“. Damit wird in diesem Jahr bei vielen Veranstaltungen an das ehemalige jüdische Leben in Attendorn erinnert. Tom Kleine und Hartmut Hosenfeld sind „entsetzt und traurig“. Kleine schließt aber nicht aus, dass jemand den Stein aus Unwissenheit mitgenommen hat.

Dabei weist eine Infotafel am Eingang zum jüdischen Friedhof extra darauf hin, dass keine Steine von den noch 33 erhaltenen Grabstätten mitgenommen werden dürfen. Denn nach jüdischem Glauben ist eine solche Tat Grabschändung. Die Steine sind ein Symbol für die Ewigkeit.

Weiterführende Schulen pflegen den Friedhof im Wechsel

Der einem kleinen Park gleichende jüdische Friedhof am Rande der Innenstadt wird regelmäßig und im Wechsel von den weiterführenden Schulen der Hansestadt gepflegt. Zurzeit ist die St. Ursula-Realschule an der Reihe. Aber die Schüler wie auch der Bauhof und der Stadtgärtner wissen, wie sie sich zu verhalten haben.

Das rund 1000 Quadratmeter große Grundstück steht allen Interessierten offen und kann bei Stadtführungen besichtigt werden. „Wir sind froh, dass der jüdische Friedhof noch nie geschändet worden ist. Er soll auch weiterhin offen bleiben“, hoffen Tom Kleine und Hartmut Hosenfeld, dass das Mitnehmen des kleinen, symbolträchtigen Steins nur ein Versehen war. Die „große moralische Keule“ wollen sie deshalb erst gar nicht herausholen.

Wird neuer Stein geehrt?

Für Hosenfeld, der sich seit vielen Jahren mit dem jüdischen Leben in Attendorn beschäftigt und darüber mehrere Bücher geschrieben hat, war der Besuch von Schützenhauptmann Sascha Koch und einer großen Abordnung der Schützengesellschaft 1222 in vollem Ornat Ende Mai ein ganz besonderer Tag. „Wir freuen uns sehr, dass endlich wahr wird, was uns versprochen worden ist“, begrüßte er die Schützen nach der Fronleichnamsprozession am Tor des jüdischen Friedhofs mit einem freundlichen „Shalom Attendorn“.

Schützenhauptmann Koch hat sich bereit erklärt, einen neuen Stein von der Vogelsrute auf dem Grab von Sotig Mai zu legen und ihn so zu ehren. Aber vielleicht liegt der Stein schon bald wieder an Ort und Stelle.

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