Seniorentanz

Tanzen geht auch ohne Augenlicht

Tanz mit bleib' fit

"Viele begeisterte Tänzerinnen kommen regelmäßig zu den Probestunden der Seniorentanzgruppe "Tanz mit, bleib' fit" aus Olpe. Eine davon ist Katrin Prager. Vor zwei Jahren hat sie ihr Augenlicht verloren. Jedoch nicht ihre Liebe zum Malaika-Tanz."

"Viele begeisterte Tänzerinnen kommen regelmäßig zu den Probestunden der Seniorentanzgruppe "Tanz mit, bleib' fit" aus Olpe. Eine davon ist Katrin Prager. Vor zwei Jahren hat sie ihr Augenlicht verloren. Jedoch nicht ihre Liebe zum Malaika-Tanz."

Beschreibung anzeigen

Olpe.   Zur Seniorentanzgruppe Olpe gehört auch Katrin Prager. Sie kennt die richtigen Schritte, ohne sie zu sehen. Denn die 55-Jährige ist blind.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Katrin Prager tanzt. Geschwind bewegt sie sich im Takt der Musik. Zwei Schritte nach vorne, zwei zurück - die 55-Jährige aus Oberveischede kennt die Schrittfolge. Ihr Königspudel Toni wartet geduldig am Rand des Proberaumes im evangelischen Gemeindehaus in Olpe. Er trägt ein Führ-Gestell, neben ihm lehnt ein weißer Langstock am Stuhl. Denn Katrin Prager ist blind. Sie sieht ihre Mittänzerinnen nicht, hört lediglich die Anweisungen ihrer Tanzleiterin. Trotzdem bewegt sie sich synchron in der Gruppe. Prager ist eine der Frauen, die regelmäßig zu den Probestunden der Seniorentanzgruppe „Tanz mit, bleib fit“ in Olpe kommt.

Am Anfang war der grüne Star

„Drei, vier, fünf, sechs, linke Ferse, rechte Ferse und rückwärts gehen.“ Prager gönnt sich eine Pause. Der flotte Happy Days Mixer ist heute nichts für sie. Sie muss ihr Knie schonen. Für Königspudel Toni hat sie Mörchen dabei. Der dreieinhalb Jahre alte Rüde hat das Leckerchen schon längst bemerkt. Ein Glöckchen ziert sein Halsband. „Damit ich weiß, wo du bist“, erklärt sie ihrem Weggefährten. Seit fünf Monaten sind die beiden unzertrennlich. Er versteht Befehle wie „Such die Tür“, zeigt an, wo Treppen und Hindernisse sind und findet auch den Weg zum Bäcker oder zur Bushaltestelle. Prager lächelt freundlich und wippt ein bisschen mit zur Musik, während die Gruppe weiter tanzt. Sie kann es kaum erwarten, wieder mitzumachen. „Ich war schon immer im Tanzsport aktiv“, erzählt sie. „Es macht so viel Freude, man kommt wieder auf gute Gedanken.“

Aufgewachsen ist die Hobbytänzerin in der DDR, lebte mal in Bayern, mal in Baden-Württemberg - vor eineinhalb Jahren zog es sie und ihren Lebensgefährten ins Sauerland. Erst sollte es nur ein kurzer Urlaub sein, dann verliebten sie sich in das Dorf Oberveischede und blieben. Früher hatte sie als Bürokauffrau gearbeitet, machte auch eine Weiterbildung zur Naturpädagogin. Doch seit 2011 ist sie in Rente. Die Augen machten nicht mehr mit. Der grüne Star nahm ihr schrittweise das Sehvermögen. 1993 mussten ihr die Ärzte nach mehrfachen OPs das linke Auge entfernen. Aber die Mutter zweier erwachsener Söhne hat nie ihren Lebensmut verloren. Über einen Blindenverein hörte sie von dieser Tanzgruppe. Sofort war sie Feuer und Flamme. Wie so viele ihrer Mittänzerinnen.

„Hacke, Spitze, Wechselschritt und wieder von vorne.“ Die Seniorentanzgruppe „Tanz mit, bleib fit“ probt fleißig weiter. Unter ihnen ist auch Herta Maria Halbe aus Olpe. Sie ist 92 Jahre alt und fit wie eh und je. „Nicht rauchen, mäßig Alkohol, viel Sport und keine Aufregung und Stress“, erklärt die toughe, schlanke und agile Seniorin während einer kurzen Pause ihr „Geheimrezept“. Hertchen, wie sie liebevoll genannt wird, kommt gebürtig aus Dessau. Sie ist ein Kriegskind, musste damals mit ihrer Familie fliehen. 1952 kam sie über die Grenze und bekam in Bonn eine Stelle als Säuglingsschwester. Mittlerweile hat sie selbst drei Kinder und ist Oma von - sie muss erstmal nachzählen - vier Enkeln und einem Urenkel. In Olpe kennt man sie nur mit dem Fahrrad. Hertchen Halbe hat gleich mehrere Drahtesel zuhause. Als Reserve. „Ja, falls mal eines kaputt geht“, lacht sie. Sturzhelme kann sie übrigens nicht ausstehen. Die zerstören nämlich die Frisur. Und überhaupt fahre sie ohnehin nicht auf der Straße. Sonne, Regen, Schnee und Sturm - Hertchen schwingt sich auf das Fahrrad. Denn schließlich will sie die Proben der Tanzgruppe nicht verpassen, der sie nun schon mehr als 30 Jahre angehört.

Bewegung gegen die Langeweile

Und dann ist da noch Irmhild Scholdan. Stolz blickt die Tanzleiterin auf ihre Gruppe. „Jeder trägt hier sein Päckchen“, erzählt sie. „Sei es die Sorge um die eigene Gesundheit oder die des Partners. Aber wenn wir tanzen, vergessen wir unsere Probleme. So war Tanzen für mich immer wie ein Kurzurlaub.“

Vor sechs Jahren ist Scholdan in Rente gegangen. Sie war Lehrerin für Deutsch, Kunst und Religion, ist heute 69 Jahre alt. Nur zuhause sitzen, das kam für sie nicht infrage. Sie wollte sich bewegen - so wie damals, als sie noch Marathon gelaufen ist. Seit fünf Jahren ist sie nun Leiterin der Olper Tanzgruppe und vier weiteren in Gummersbach, Nümbrecht und Engelskirchen. Für Scholdan steht fest: „Tanzen ist mein Lebensinhalt geworden“ sagt sie. „Denn wer möchte schon mit Engeln tanzen, wenn das Tanzen auf der Erde noch so viel Spaß macht?“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik