Thyssenkrupp Steel

Thyssenkrupp: Darum sagt Finnentrop „Nein“ zu Liberty Steel

Der Standort Thyssenkrupp Steel in Finnentrop. Der neue Betriebsratsvorsitzende Bernd Sasse weiß: Aus eigener Kraft ist eine Rettung der angeschlagenen Stahlsparte kaum zu machen.

Der Standort Thyssenkrupp Steel in Finnentrop. Der neue Betriebsratsvorsitzende Bernd Sasse weiß: Aus eigener Kraft ist eine Rettung der angeschlagenen Stahlsparte kaum zu machen.

Foto: Flemming Krause

Finnentrop.  Londoner wollen die Stahlsparte von Thyssenkrupp kaufen: Der neue Betriebsratsvorsitzende in Finnentrop hat jedoch andere Vorstellungen:

Die Nachricht, dass der britische Konzern Liberty Steel die komplette Stahlsparte von Thyssenkrupp aufkaufen möchte, traf auch die Beschäftigten aus Finnentrop Ende letzter Woche völlig unerwartet. Bernd Sasse, seit wenigen Tagen Betriebsratsvorsitzender von Thyssenkrupp Steel in Finnentrop, erfuhr mit seinen Kollegen während einer Demonstration in Düsseldorf von dem Kaufangebot.

Ein Szenario, mit dem sich der Mann aus Fretter nicht so recht anfreunden kann. „Für uns ist das derzeit keine Option, wir kennen Liberty Steel überhaupt nicht“, betont Sasse, der kürzlich die Nachfolge von Uwe Schulte angetreten hat. Dieser ist Ende September in den verdienten Ruhestand gegangen.

Viel mehr wünschen sich die Stahlkocher eine Beteiligung des Landes, die Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) im Rahmen der Demonstration zumindest insofern in Aussicht stellte, dass das Land Staatshilfen für systemrelevante Industrien und für die Transformation zum CO2-freien Stahl geben müsste. Schließlich sind rund 27.000 Mitarbeiter von Thyssenkrupp Steel direkt und rund 150.000 indirekte Arbeitsplätze der weiterverarbeitenden Automobilindustrie betroffen. Bekanntlich schreibt Thyssenkrupp Steel auch in diesem Jahr tiefrote Zahlen.

Es braucht große Investitionen

Hoffnung macht Sasse und seinen Mitstreitern ein Satz, den der Ministerpräsident bei der Kundgebung am Freitag gesprochen hatte: „Der Staat darf sich nicht zurückziehen, der Staat muss helfen und mein Bekenntnis ist klar: Wir werden helfen und wir brauchen Stahl.“

Andererseits lehnt Laschet bislang einen Einstieg des Landes konsequent mit der Begründung ab, dass Politiker nicht die besseren Unternehmer seien.

Die Frage eines staatlichen „Einstiegs“ lasse sich nicht einfach mit ja oder nein beantworten, sagt Jochen Ritter (CDU), Mitglied des Düsseldorfer Landtages. Zumindest solange nicht klar sei, unter welchen Bedingungen und mit welchem Ziel das erfolgen solle. Ritter: „Unterstützung hat Thyssenkrupp auf jeden Fall verdient, und zwar sowohl aus Landessicht auf ein Unternehmen, was prägend für NRW ist, als auch aus lokaler bzw. regionaler Perspektive, bevor nach dem Federn-Werk in Olpe andere, womöglich gesunde Standorte in Schwierigkeiten kommen.“

Geld schmilzt so dahin

Für Bernd Sasse ist klar: Es braucht große Investitionen bei der Umstellung auf die Produktion von klimaneutralen Stahl und die Unterstützung der Landesregierung – in welcher Form auch immer –, um die Stahlsparte von Thyssenkrupp zu retten und nicht zuletzt auch die Arbeitsplätze in Finnentrop.

Er weiß: „Unser Unternehmen ist einfach zu groß, um sich gerade jetzt in der Coronakrise selbst zu refinanzieren. Wir brauchen Zeit, die wir nicht haben und Geld, das wir nicht haben.“ Das durch die Veräußerung der Aufzugssparte Ende Juli eingenommene Geld schmelze durch die Finanzverschuldung und die Pensionsverpflichtungen derzeit nur so dahin.

Bei einer Übernahme durch Liberty Steel, die laut Sasse kein schlüssiges Konzept vorgelegt hätten, befürchtet er vielmehr, dass es am Ende überhaupt keinen Gewinner mehr gibt und ein Scherbenhaufen hinterlassen wird. So, wie es bei einer Übernahme durch den indischen TATA-Konzern wohl auch gekommen wäre. Dieser Deal ist jedoch geplatzt. „Gott sei Dank“, erläutert Sasse.

Hinzu kommt die Coronapandemie, die dem Unternehmen extrem wehgetan hat. Der Stahlbereich – und somit auch das Finnentroper Werk – hängt stark von der Automobilindustrie ab, die ebenso von der Pandemie gebeutelt ist. Immerhin habe sich die Auftragslage zuletzt wieder gebessert und die Kurzarbeit in Finnentrop, die im April eingeführt wurde, gehört aktuell der Vergangenheit an. Das Besondere am hiesigen Werk ist, dass die Beschäftigten dank einer Feuerbeschichtungsanlage für Aluminium besonders geeignete Feinbleche herstellen können und der Standort bislang als nicht gefährdet galt.

Tarifvertrag wesentliche Basis

Ganz entscheidend ist, dass der in diesem Jahr beschlossene Tarifvertrag „Zukunftspakt Stahl 20 – 30“ konsequent umgesetzt wird. Darin enthalten sind in erster Linie Investitionen in die Stahlbranche sowie der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis März 2026. Aus grundsätzlichen Motiven sei Bernd Sasse auch gar nicht gegen Konsolidierungsgespräche mit einem Branchen-Konkurrenten. Das Konzept muss aber schlüssig sein. „Wenn der Rahmen nicht passt, dann würde unser Stahl-Segment mit seinen sieben Standorten filetiert.“ Genau das befürchtet er bei einer Übernahme aus Großbritannien.

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