Familientragödie

Tragödie in Maumke: Tatortreiniger spricht über seinen Job

Alexander Belsch ist der einzige Tatortreiniger in der Region.

Alexander Belsch ist der einzige Tatortreiniger in der Region.

Foto: Verena Hallermann

Maumke/Plettenberg.  Wenn ein Leichnam erst nach einiger Zeit entdeckt wird, wird ein Tatortreiniger bestellt. Alexander Belsch gibt Einblick in seine Arbeit.

Manchmal wird der Leichnam erst einige Zeit nach dem Tod gefunden. So wie jetzt in Maumke. Ein Rentner ist in seinem Haus gestorben, ein natürlicher Tod. Die Feuerwehr hat ihn aufgebahrt im Bett gefunden, nachdem Nachbarn den Verwesungsgeruch bemerkt haben. Seine lebende Ehefrau hat neben ihm gesessen. In solchen Fällen wird Alexander Belsch gerufen. Er ist der einzige Tatortreiniger in der Region. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, wie das Haus gereinigt werden muss. Was er schon alles gesehen hat?

Alexander Belsch ist 35 Jahre alt. Vor fast einem Jahr hat er sich als Tatortreiniger und Gebäudereiniger selbstständig gemacht. Er kann ein Zertifikat der Sanitätsschule Nord vorweisen, sein Betrieb in Plettenberg ist bei der Handwerkskammer Südwestfalen eingetragen. Früher hat er als Gabelstaplerfahrer gearbeitet. Nachdem die Firma pleite gegangen ist, hat er sich neu orientiert. Weil er nebenher seinem Cousin, der seit 15 Jahren als Tatortreiniger in Kleve arbeitet, geholfen hat, hat er die Chance ergriffen und zusammen mit seiner Frau Anastasia selbst ein kleines Unternehmen gegründet. „Das kostet natürlich Überwindung“, sagt Alexander Belsch. „Aber man gewöhnt sich daran.“

„Die Masse“ entfernen

Es ist ein aufwendiger und anstrengender Beruf. Denn eben mal kurz wegwischen reicht nicht, erklärt der Experte. Je länger ein Leichnam in einem Haus oder einer Wohnung liegt, desto länger dauern auch die Reinigungsarbeiten. „Es gibt sehr viel zu beachten“, macht Belsch deutlich. „Es muss alles ordnungsgemäß gereinigt und entsorgt werden. Schließlich geht es um die Gesundheit potenzieller Nachmieter oder Mitbewohner.“

Der Ablauf ist immer ähnlich. Alexander Belsch trägt einen Schutzanzug, Handschuhe, einen Mundschutz und Gummistiefel. Die Vorbereitungen nehmen viel Zeit in Anspruch. Der zertifizierte Tatortreiniger klebt zunächst alles mit einer Schutzfolie ab, persönliche Gegenstände zum Beispiel. Schließlich sollen diese keinen Schaden bekommen.

Danach geht es um „die Masse“, wie er sagt. Der Körper scheidet nach dem Tod viele Flüssigkeiten aus. Diese sind in der Regel schon zu einer festen Masse angetrocknet, wenn Belsch mit der Spezialreinigung beginnen kann. Schließlich müssen Staatsanwaltschaft, Polizei und das Beerdigungsinstitut zunächst ihre Arbeit machen. Dann kann der Eigentümer den Auftrag zur Reinigung erteilen.

Mit Hilfe eines sehr starken Allzweckreinigers wird die Masse wieder verflüssigt, mit einer Art Katzenstreu gebunden und in Säcken verpackt. Diese Säcke werden im Anschluss in einer Verbrennungsanlage ordnungsgemäß verbrannt. „Die Gesundheit steht an erster Stelle“, sagt Belsch. „Man weiß nie, welche Krankheiten der Mensch hatte und man muss dabei immer vom Schlimmsten ausgehen.“ Im letzten Schritt wird gewischt und die Flächen mit einem sehr intensiven Desinfektionsmittel bearbeitet. Alles in allem braucht Alexander Belsch mehrere Stunden vor Ort.

Menschlichkeit darf nicht fehlen

Doch zum Beruf des Tatortreinigers gehört noch mehr als die eigentliche Reinigung. Alexander Belsch hat viel Kontakt mit den Angehörigen, spricht mit ihnen, beruhigt sie, hält sie unter Umständen auch davon ab, die Wohnung zu betreten, bevor er mit seiner Arbeit fertig ist. „Die Menschlichkeit darf nicht fehlen“, sagt er. „Das ist ganz wichtig. Man muss sich individuell auf jeden einzelnen einstellen. Der eine verarbeitet das schneller als der andere.“

Weiterhin trägt ein Tatortreiniger eine hohe Verantwortung. Vielleicht hat die Polizei etwas übersehen. Eine Kugel oder eine Rasierklinge vielleicht. Ist das der Fall, muss Alexander Belsch seine Arbeit sofort unterbrechen und die Beamten informieren. Schließlich geht es darum, Ermittlungen nicht zu behindern. Fahrlässigkeit wird an dieser Stelle auch mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft, erklärt der Experte.

Alexander Belsch hat schon viel gesehen. Er erzählt von einem Auftrag in Siegen. Ein Familienvater ist dort an einer Leberzirrhose gestorben. Es waren weniger das Blut, die Schleifspuren bis zum Badezimmer oder die Überreste erbrochener Leber, was ihn mitgenommen hat. Vielmehr waren es die Fotos seiner vielen Kinder – gleich neben den Alkoholflaschen in der Küche. Einer seiner schlimmsten Einsätze war nach einem geplatzten Drogendeal. Eine Person hat eine Kugel in den Kopf bekommen. „Flüssigkeiten zu entsorgen ist halb so schlimm“, findet der Tatortreiniger. „Aber Gehirnmasse von der Wand zu kratzen, das hat mich schon viel Überwindung gekostet.“

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