Gastronomie

Urgestein blickt zurück in Drolshagener Kneipenszene

Der 88-jährige Rudolf Lütticke, Gastronomie-Urgestein und langjähriger Kommunalpolitiker, hat einiges zur Gastro-Szene und über das Kneipensterben in der Stadt zu erzählen. 

Der 88-jährige Rudolf Lütticke, Gastronomie-Urgestein und langjähriger Kommunalpolitiker, hat einiges zur Gastro-Szene und über das Kneipensterben in der Stadt zu erzählen. 

Foto: Josef Schmidt

Drolshagen/Dumicke.   Rudolf Lütticke (88) hat die Goldenen Zeiten miterlebt: Kneipen in jedem Dorf. Er ist aber überzeugt: Gastronomie hat immer noch eine Chance.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Dass es die Gastronomie in ländlichen Regionen nicht leicht hat und vor allem in den Dörfern den Rückzug antreten muss, gehört zu den bitteren Wahrheiten der vergangenen Jahrzehnte. Wer einen Rückblick in die goldenen Zeiten der Kneipen-Ära im Drolshagener Land wagen will, findet im Dumicketal einen kompetenten Ansprechpartner: Der heißt Rudolf Lütticke, ist stolze 88 Jahre alt und zumindest den älteren Drolshagenern ein Begriff: „Wir haben ja hier schon Mitte der 50er-Jahre mit der Gastronomie angefangen“, erinnert sich der rüstige Rentner an die Gründung des Hauses Dumicketal, das heute von seinem Sohn geführt wird.

Aber Lütticke war nicht nur Gastronom, sondern auch jahrzehntelang Kommunalpolitiker und Vorsitzender des Drolshagener Wirtevereins. Zum Werdegang der Gastronomie befragt, kann er sowohl auf sein ausgezeichnetes Gedächtnis setzen als auch auf sein Archiv: „Ich habe hier noch das Mitgliederprotokoll von 1959. Da stehen immerhin 35 Namen drauf.“ Damals, so der Senior, habe es im Drolshagener Land aber mehr gastronomische Betriebe gegeben, „so um die 40, denke ich, allein 35 waren bei uns Mitglied.“

Fremdenverkehr wichtiger Faktor

Eine blühende Zeit der Branche, die aber dann Jahr für Jahr dem gesellschaftlichen Wandel habe Rechnung tragen müssen: „Mit ein Grund waren die vielen Vereinsheime und Clubhäuser.“ Als in den Dörfern nach und nach die Schulen geschlossen worden seien, seien dort Dorfgemeinschaftshäuser entstanden. Alles auch Versammlungs-Orte, an denen die eine oder andere Flasche Bier getrunken worden sei. Ein Absatz, der den Wirtschaften gefehlt habe.

Lütticke erinnert sich: „Wer nicht frühzeitig reagiert und zum Beispiel auf den Fremdenverkehr gesetzt hat, für den kam irgendwann das Aus. Die Entwicklung hat ja nicht nur die Kneipen betroffen, auch die Tante-Emma-Läden verschwanden aus den kleineren Orten, später die Pfarrer, auch die Schulen wegen der fehlenden Kinder.“

Lütticke kann viele Namen seiner früheren Kollegen aufzählen: „In manchen Dörfern gab es drei oder sogar vier Wirtschaften. In Schreibershof den Bremer, die Mühle, auch einen Gasthof Lütticke, in Herpel den Trapp, in Iseringhausen zwei Gasthöfe namens Viedenz, Valpertz und Häner, in Berlinghausen den Albus.“

Viele Skat- und Kegelclubs

Darüber hinaus Kneipen in Halbhusten, Bühren, Wenkhausen, Eichen, in Wegeringhausen zwei, im kleinen Sendschotten auch. Lang lang ist’s her. „Das Dorfleben war damals ein anderes. Es gab viele Skat- und Kegel-Clubs, Handwerker-Stammtische, Frauen-Clubs. Jeder wusste, wie das Haus der Nachbarn von innen aussah.“ Auch der Rückzug der Kirche habe den Kneipen zugesetzt: „Es war doch in den Dörfern Tradition, nach der Messe zum Frühschoppen zu gehen.“ Alles längst vorbei.

Aber Lütticke ist trotz seines fortgeschrittenen Alters und seiner durchaus etwas wehmütigen Rückblende kein Zurückgewandter, blickt sehenden Auges nach vorn: „Die Dörfer haben es teilweise geschafft, die Kurve zu kriegen. Auch die Gastronomie.“ Das Dumicketal beispielsweise zeige sich robust: „Die meisten Häuser werden hier von einer Generation zur nächsten weiter gegeben, stehen nicht leer.“

Tourismus unerlässlich

Die Gastro-Betriebe von heute, sagt der Senior, müssten auf die Kooperation mit dem Tourismus setzen, aber der Tourismus auch auf die Gastronomie, ohne die es nicht gehe. Bemühungen wie zuletzt der Plan Drolshagens, anerkannter Erholungsort zu werden, sei ein Mosaiksteinchen, das helfen könne.

Dabei sei eine gute Küche im Restaurantbetrieb wichtig – und Übernachtungsmöglichkeiten. Wer überleben wolle, dürfe vor Investitionen nicht zurückschrecken.

Die Dörfer, rät Lütticke, dürften nicht stehen bleiben: „Natürlich gibt es kaum noch Bäckereien vor Ort, immer weniger Landwirte. Aber dafür haben sich andere kleine Betriebe und Berufe hier angesiedelt, die es früher gar nicht gab.“

Lüttickes Fazit: Die Gastronomie auch auf dem Lande müsse nicht zwangsläufig verschwinden, sich aber wandeln und anpassen. Wie die Dörfer.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben