Provinzposse

Junge entsorgt Pizzakarton in Mülleimer - und wird verwarnt

Der Ort des Vorfalls: ein Mülleimer an einem Bushalteplatz an der Straße Mühlwiese in Attendorn.

Foto: Martin Droste

Der Ort des Vorfalls: ein Mülleimer an einem Bushalteplatz an der Straße Mühlwiese in Attendorn. Foto: Martin Droste

Attendorn.   Ein Mitarbeiter der Stadt Attendorn verhängt ein Verwarngeld, weil ein Zwölfjähriger einen Pizzakarton in einem öffentlichen Mülleimer entsorgte.

Der Vorfall hat das Potenzial zur Provinzposse: Ein Mitarbeiter der Stadt Attendorn soll ein Verwarnungsgeld verhängt haben, weil ein zwölfjähriger Junge einen Pizzakarton in einen öffentlichen Mülleimer geworfen hat. Das hätte der Junge aber nicht machen dürfen, denn: Die Verpackung gilt als Hausmüll, der nicht in einem öffentlichen Abfalleimer entsorgt werden darf. Alles klar? Nein? Dann der Reihe nach.

Was genau ist passiert?

Den Vorfall an sich bestätigt Attendorns Ordnungsdezernent Christoph Hesse auf unsere Nachfrage. Demnach hat einer der Attendorner Stadtwächter – ein Außendienstmitarbeiter des Ordnungsamtes – beobachtet, wie der zwölfjähriger Levin an einem Bushalteplatz einen Pizzakarton in einen Mülleimer geworfen hat. Daraufhin hat der Stadtwächter ein Ordnungsgeld von zehn Euro verhängt und kassiert, weil der Pizzakarton nicht in dem öffentlichen Mülleimer hätte entsorgt werden dürfen. Zudem hat der Stadtwächter wohl damit gedroht, er könne auch das Parken des Autos, mit dem Levin und seine erwachsene Begleitung unterwegs waren, auf dem Busparkplatz ahnden. „Der Außendienstmitarbeiter hat nicht den zwölfjährigen Levin, sondern die ihn begleitende Aufsichtsperson verwarnt“, stellt Christoph Hesse dazu klar. Er selber, so Hesse, habe erst aus sozialen Netzwerken über den Vorgang erfahren.

Wie fallen die Reaktionen aus?

Im sozialen Netzwerk Facebook hat der Vorfall einen Sturm der Entrüstung und – jedenfalls in den meisten Beiträgen – eine Welle an Unverständnis hervorgerufen. Bis Dienstagnachmittag ist der Eintrag über 1325 Mal geteilt worden, also unter den Nutzern verteilt worden. Eine typische Reaktion auf das Vorgehen des Attendorner Stadtbediensteten lautet: „Einfach (den Müll, Anm. d. Red.) am Straßenrand liegengelassen wäre bestimmt einfacher und billiger gewesen.“ Der überwiegende Tenor in den Reaktionen: Da benutzt ein junger Mensch schon den Müllebehälter, statt den Abfall auf den Bürgersteig zu werfen – und wird dafür auch noch bestraft.

Hat der Stadtwächter rechtmäßig gehandelt?

Davon geht Ordnungsdezernent Christoph Hesse aus. Er sagt, es handele sich um einen Vorfall, „der geahndet werden kann“. Der Dezernent räumt aber ein: „Ich kann mich nicht erinnern, dass so etwas schon mal geahndet worden ist“. Hesse stellt sich also zunächst einmal vor seinen Mitarbeiter. Zumal aus seiner Sicht mit zehn Euro ein Verwarnungsgeld „im unteren Bereich“ verhängt worden sei.

Auf welcher Grundlage handelte der Stadtwächter?

Christoph Hesse verweist dabei auf das Attendorner Ortsrecht und, was das Parken auf der für Busse reservierten Fläche angeht, die Straßenverkehrsordnung. Nach Ortsrecht dürfe „Hausmüll nicht in Müllbehältern an öffentlichen Flächen entsorgt werden“. Der Hintergrund dieser Regel: Die Abfallbehälter im öffentlichen Raum, die durch den städtischen Bauhof geleert werden, sollen, „schon wegen des geringen Volumens“, nicht zweckentfremdet werden. Sie seien nur für „Kleinabfälle gedacht“.

Fällt die Pizza-Verpackung nun unter Hausmüll oder Kleinabfall?

Das scheint nur mit einem entschiedenen sowohl als auch zu beantworten sein. „Wir scheuen uns keinesfalls zuzugeben, dass das Entsorgen eines (einzigen, Anm. d. Red.) Pizzakartons in einem öffentlichen Mülleimer nicht unter die Kategorie Hausmüll fällt“, teilt die Stadt gestern am späten Nachmittag mit.

Wie geht die Stadt mit dem Vorfall um?

Die Stadtverwaltung kündigt an, den Vorfall zum Anlass zu nehmen, die Straßenordnung und die Abfallentsorgungssatzung „zeitnah zu überarbeiten“, um für die Öffentlichkeit verständlicher zu machen, „was Hausmüll und was Kleinabfälle sind“. Von einer Rücknahme des Verwarnungsgeldes ist allerdings keine Rede.

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