Abenteuer

Wenden: Klirrende Kälte und ganz wenig Sauerstoff

Manuel Grebe auf dem Giptfel des Kala Pattar. Im Hintergrund der Mount Everest (Mitte), links davon der Nuptse (7864 m) und rechts der Lhotse (8516 m).

Manuel Grebe auf dem Giptfel des Kala Pattar. Im Hintergrund der Mount Everest (Mitte), links davon der Nuptse (7864 m) und rechts der Lhotse (8516 m).

Foto: Birgit Engel

Heid.  Manuel Grebe sucht das Abenteuer. Der Heider war schon bei der Fjällräven Polar dabei, einer Hundeschlitten-Expedition durch die Tundra.

Reisen in extreme Lebensräume sind seine Sehnsucht, sind sein Ziel: Unwirtliche Gegenden nördlich des 66. Breitengrades. Dort, wo klirrende Kälte und Dauernacht oder Dauertag herrscht. Ungastliche Höhen, wo Sauerstoffmangel einem den Atem nimmt. Manuel Grebe (32) sucht das Abenteuer. Der Heider war schon bei der Fjällräven Polar dabei, einer über 300 Kilometer langen Hundeschlitten-Expedition durch die Tundra: arktische Temperaturen, hüfthoher Schnee, Tütennahrung, das Heulen von Huskies, das totale Whiteout.

2021 soll es eine Trekkingtour durch die Rockies von Colorado sein. Und 2019 ging es in den Himalaya auf den Kalla Patthar. 5700 Meter hoch liegt sein Gipfel. Damit ist er um einiges höher als der Mont Blanc, gehört in Nepal offiziell aber noch nicht einmal zu den Bergen.

Umgeben von den eisgepanzerten Riesen des höchsten Gebirges der Erde ist er einfach zu klein. Nichtsdestotrotz ist seine Besteigung alles andere als ein einfache Trekkingtour. „Die Tour ist zwar anstrengend, technisch aber für jeden, der einigermaßen fit ist, zu schaffen. Was einen fertig macht ist die Höhe. Du hast eigentlich die Leistung, aber du bekommst nichts geregelt, kannst schlecht atmen, schwitzt, bist sehr langsam und versuchst nur, irgendwie deinen Körper vorwärts zu schieben“, erklärt Manuel die Herausforderungen.

Langsam steigen, viel trinken

Weil es in großen und extremen Höhen zu Lungen- und Hirnödemen, zur sogenannten Höhenkrankheit, kommen kann, müsse man langsam steigen, viel trinken und sich selbst im Auge behalten. „Da muss man im Fall der Fälle ehrlich zu sich selbst sein“, sagt Manuel. Theoretisch sind erste Symptome schon ab 2000 Metern und damit selbst in der gesamten Alpenregion möglich. Im Himalaya ist die Gefahr ungleich größer. Im berühmten Basislager an der Südseite des Mount Everest, das man auf dem Weg zum Kalla Patthar passiert, ist der Sauerstoffgehalt der Luft gerade einmal halb so groß wie auf Meereshöhe. „Der Scherpa, der uns auf den Gipfel begleiten sollte, wurde selbst höhenkrank, konnte die letzte Strecke nicht mit. Aber wenn du einmal da bist, gehst du weiter. Auch ohne Scherpa“, sagt Manuel Grebe, der mit seinem Kumpel Johannes Weber (25), ebenfalls aus Heid, in 12 Tagen rund 200 Kilometer in großen Höhen getrekkt ist.

„Wenn du wieder in sauerstoffreichere Gegenden absteigst, ist das als wärest du gedopt.“ Startpunkt war Lukla, über 2800 Meter gelegen und berüchtigt für seinen extrem gefährlichen Flughafen mit einer nur 500 Meter langen und bergauf bzw. bergab führenden Lande- und Startbahn. An ihrem Ende oder Anfang, je nach Sichtweise, geht es 600 Meter steil nach unten. Niemand, der zur Everest Region will, kommt daran vorbei. „In regelmäßigen Abständen hört man die Ansagen des Warnsystems aus dem Cockpit. Da darf man nicht nachdenken“, sagt Manuel.

Erster Meilenstein auf beeindruckender Reise

Die Ankunft in Lukla sei der erste Meilenstein auf der insgesamt sehr beeindruckenden Reise gewesen. Der Höhepunkt dann nach sieben Tagen auf den Beinen der Gipfel im wahrsten Sinne des Wortes. Weil von dort die Welt anders aussieht. Ein 360-Grad-Panoramablick in eine majestätische Gebirgslandschaft. „Da stehst du und siehst den Everest zwischen Nupste, Lhotse, Pumori und Ama Dablam. Und du weißt, das sind noch einmal mindestens 3000 Meter mehr und da ist die Todeszone.“

Dass es ihn irgendwann einmal in diese unglaublichen Höhen treiben könnte, wo kaum ein Mensch länger als 48 Stunden überlebt, verneint Manuel mit Bestimmtheit. Es seien schon zu viele Menschen am Berg geblieben. Und überhaupt zähle gerade da weniger das reine Naturerlebnis als vielmehr der Titel. Sowieso: alpines Klettern mit Haken, Seil und Pickel sei nicht seine Welt. „Ich kann mir den Elbrus in Russland vorstellen oder den Kilimandscharo“, sagt Manuel. Was ihn aber ungleich mehr anziehe, das seien Touren gen Norden. „The Last Degree“, der letzte Breitengrad, der Nordpol. Das wäre ein Traum, den er irgendwann verwirklichen will.

Standortbestimmung

Warum aber überhaupt zieht es Manuel Grebe in die Extreme? In ein zeitweises Leben am Limit. „Es ist ein Ausgleich, den ich in meinem Alltag nicht habe“, sagt der Maschinenbautechniker. „Ich bin so eine Art Packesel, fühle mich wohl, wenn ich körperlich erschöpft bin. Und am liebsten habe ich einen Ort zum Schlafen, wo sonst keiner ist.“ „Wie man sich in der Natur verhält, wie man überlebt und in Notsituationen zurechtkommt, das finde ich spannend“, sagt Manuel. Letztendlich gehe es immer um den Respekt und die Achtung vor der Natur, der Umwelt. Genau das nehme er von seinen Reisen mit. Eine Tour in die Extreme sei immer eine ganz persönliche Standortbestimmung.

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