Selbsthilfe

Wenn Angst und Panik das Leben unerträglich machen

Selbsthilfegruppe Depression Olpe

Selbsthilfegruppe Depression Olpe

Foto: Verena Hallermann

Olpe.   Sylvia S. leidet an einer Panikstörung. Schon seit Jahren. Doch die Rentnerin hat einen Weg aus ihrer Angst gefunden. So hat sie es geschafft:

Sylvia S. (Name von der Redaktion geändert) sitzt auf einer Bank. Sie genießt die Sonnenstrahlen. Vielleicht sind es die letzten für dieses Jahr. Doch dieser Gedanke macht ihr keine Angst. Schon lange nicht mehr. Früher hatte sie Panik vor der Dunkelheit. Früher war es für sie nicht mal möglich, befreit auf einer Parkbank zu sitzen. Eine schwierige Zeit, an die sich die Rentnerin nicht gern erinnert. Unserer Zeitung hat sie ihre Geschichte erzählt. Sie möchte anderen Mut machen, die auch an einer Angst- und Panikstörung leiden. Sie möchte anderen erzählen, wie sie es geschafft hat, diesem tückischen Teufelskreis zu entkommen.

Die Geschichte

Neben Sylvia S. sitzt ein kleiner Hund. Die Hundedame ist mittlerweile ihr fester Begleiter. Liebevoll nennt sie das dunkle Wollknäuel „Ziege“. Ziege stammt aus schlechter Haltung, hat eine schlimme Zeit durchlebt. So wie Sylvia selbst. „Wir helfen uns gegenseitig“, weiß die über 60-jährige Olperin und knuddelt das Tier. „Auch wenn sie manchmal richtig bockig sein kann.“ Sylvia lächelt glücklich, strahlt Zufriedenheit und Lebensfreude aus. Doch das war nicht immer so. Ihre Angst- und Panikstörung hat ihr lange Zeit ein Leben in Furcht beschert. Wie ein nasskalter Nebelschleier, der sich über ihre Seele gelegt hat.

Ihre Geschichte beginnt vor mehr als 15 Jahren. Ihr Vater wurde schwer krank, musste am Herzen operiert werden. Jeden Tag hat sie ihn im Krankenhaus besucht. Sie erinnert sich an die vielen Schläuche, die ihren Papa am Leben hielten. „Das Elend hat mich komplett aus der Bahn geworfen“, erzählt sie. „Das war so furchtbar für unsere Familie.“ Die Ärzte hatten ihr gesagt, er würde das schaffen. Doch dann war wieder Wasser in der Lunge. Er starb an einem plötzlichen Herztod. Von heute auf morgen wurde ihre Mutter krank. Sie hat den Tod ihres Mannes nicht verkraften können. Sie bekam Altersdiabetes, erblindete, musste Tabletten nehmen. Dabei war sie vorher nie krank, erzählt Sylvia S. Dann starb ihre Mutter. Knapp ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes. Ein Herztod.

Die Angst

Zwei geliebte Menschen hat Sylvia S. verloren. In kürzester Zeit. In ihrem Leben veränderte sich plötzlich etwas. Negative Gedanken schlichen sich in ihren Kopf. Auf einmal hatte sie Herzbeschwerden. Dachte sie zumindest. Nachts stand sie auf, packte ihre Tasche, schloss die Haustüre auf. Bereit den Notarzt zu rufen. „Ich dachte, ich sterbe jetzt“, erklärt die Rentnerin, wie sich so ein Panik-Schub anfühlt. Sie habe sogar Angst gehabt, vor die Tür zu gehen. Auf ihre Terrasse setzte sie sich nur noch mit einem Fleischermesser. Im Bus ergriffen sie Schweißausbrüche bei dem Gedanken, dass gleich ein Unglück passieren könnte. Übermächtig war die Angst, etwas könnte ihr passieren.

Dann trat der vermeintliche Ernstfall ein. Sylvia S. war stark erkältet. Eines morgens wachte sie mit einem starken Hustenanfall auf. Von jetzt auf gleich ging nichts mehr. Todesangst. Sie kam ins Krankenhaus. Die Ärzte behielten sie da, checkten sie durch - konnten aber nichts feststellen. Sie müsse ruhiger werden, sagte man ihr. Ruhiger werden. Aber wie? Die Angst, an einem Herzinfarkt zu sterben ließ sie im Krankenhaus nicht los. Im Gegenteil. Es wurde schlimmer. Das war der Moment, wo sie darüber nachdachte, ihr Leben zu beenden. Sie hätte es auch getan. Da ist sie sich sicher. Wenn sie dieses Plakat nicht entdeckt hätte.

Die Hilfe

Es war ein Plakat, der Selbsthilfegruppen im Kreis Olpe. Sylvia S. notierte sich die Nummer. Eine gute Stunde hat sie mit der Leiterin der Selbsthilfegruppe „Depression, Angst, Panik erkrankte Menschen im Kreis Olpe“, Petra Weinbrenner-Dorff, gesprochen. Sie ließ sich überzeugen, kam zum DRK-Generationenhaus. Der Schritt fiel ihr nicht leicht. Denn sie hatte nicht mal mit ihrer Familie über ihre Panik gesprochen. Mit niemanden. Fast wäre sie umgekehrt. Doch dann erinnerte sie sich an das Versprechen, dass sie ihrem Vater am Sterbebett gegeben hatte. Sie musste versprechen, ein glückliches Leben zu führen. Und daran wollte sie sich halten. „In der Selbsthilfegruppe hatte ich das erste Mal das Gefühl gehabt, dass man mich versteht“, erinnert sie sich. Die Gruppenmitglieder überredeten sie zum Arzt zu gehen. Sie tat es. Bis heute nimmt sie Psychopharmaka.

Das Leben

Endlich konnte sie leben. Nicht nur wegen der Tabletten. Sylvia S. redete sich in der Selbsthilfegruppe den Schmerz von der Seele, vertrieb den Nebelschleier aus ihrer Brust. Und sie hatte viel zu erzählen. Sylvia S. erinnert sich noch daran, wie erleichtert sie war, als sie alles rausgelassen hatte. Es war nicht nur der schwere Abschied von ihren Eltern. Sylvia S. wurde auf ihrer Arbeitsstelle gemobbt, hat ihren Job verloren, ihre Ehe scheiterte und auch die Partnerschaft ging zu Bruch. All das begünstigte ihre Panikattacken.

„Ich war so stolz auf mich, als ich dann das erste Mal zum Einkaufen in die City-Galerie gefahren bin“, erzählt Sylvia S. und lächelt. „Einfach so, ohne Angst zu haben.“ Heute ist sie glücklich. Mit ihrem kleinen Hund Ziege. Mit den Menschen in der Selbsthilfegruppe, die ihr das Leben gerettet haben.

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