Soziales

Wie Alleinerziehende ihre Bindung zum Kind stärken können

Karin Wolf hilft Alleinerziehenden dabei, trotz ihrer besonderen Situation, eine Bindung zum Kind aufzubauen.

Karin Wolf hilft Alleinerziehenden dabei, trotz ihrer besonderen Situation, eine Bindung zum Kind aufzubauen.

Foto: Verena Hallermann

Olpe.  Alleinerziehende stehen vor einer besonderen Herausforderung. Auch im Kreis Olpe. Die Beraterinnen Karin Wolf und Anne Günther geben einen Kurs.

Wenn ein Baby schreit, ist das eine ganz natürliche Reaktion. Es möchte Aufmerksamkeit, die Liebe seiner Mama. Der Wunsch nach Bindung ist etwas, was genetisch festgelegt ist. Doch es ist nicht immer einfach, dem Kind gerecht zu werden. Der Beruf nimmt viel Zeit in Anspruch. Schließlich muss die Miete gezahlt werden. Insbesondere Alleinerziehende stehen vor einer großen Herausforderung. Die katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle (EFL) möchte in Kooperation mit der katholischen Familienbildung KEFB und dem Familienzentrum St. Josef in Siegen-Weidenau diesen Müttern und Vätern helfen, ihre Beziehung zu ihrem Kind zu stärken. Beraterin Karin Wolf erklärt, worum es beim Bindungstraining geht.

Eine sehr komplexe Situation

Stress und Überforderung kennt jede Mutter und jeder Vater. Das Kind möchte einfach nicht schlafen. Weder die Gute-Nacht-Geschichte noch das Lieblingskuscheltier helfen. Trotzdem wird der Wecker morgen früh um sechs Uhr klingeln. Und trotzdem erwartet der Chef volle Arbeitskraft. Das Kind muss pünklich in den Kindergarten oder in die Schule. Ist es krank, muss es zum Arzt. Ein Alltag mit vielen Hürden. Und wenn dann noch kein Partner (und ein entsprechende soziales Netzwerk) da ist, um den Rücken zu stärken, ist der Alltag besonders belastend. Dazu kommt vielleicht noch eine hochstrittige Trennung, die Auseinandersetzung mit einem Anwalt, und Jugendamt. Ganz zu schweigen von der finanziellen Belastung. „Das ist eine sehr komplexe Situation“, betont Karin Wolf, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin bei der EFL. „Es ist also völlig normal, dass dann oft die Energie für die Kinder fehlt.“

Im Rahmen des Bindungstrainings „Wir2“ sollen alleinerziehende Mütter und Väter mit Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren dabei unterstützt werden, diese Belastungssituation zu meistern, die Beziehung zu ihrem Kind zu stärken. Der kostenlose Kurs erstreckt sich über ein halbes Jahr, die Gruppentreffen finden wöchentlich statt. In den vier Modulen beschäftigen sich die Kursteilnehmer mit der Reflexion ihrer Situation und der ihres Kindes und erarbeiten Lösungskonzepte. „Es geht nicht um eine Bewertung“, sagt Wolf, die den Kurs zusammen mit Anne Günther, ebenfalls Ehe-, Familien- und Lebensberaterin bei der EFL, leiten wird, „sondern, es geht darum, die Situation zu verstehen, um im nächsten Schritt zu schauen, was man verbessern kann.“

Kleine Aufgaben für Zuhause

Welche Gefühle und Bedürfnisse habe ich? Wie reagiere ich in bestimmten Situationen? Wie geht es meinen Kindern? Wie kann ich sie darin bestärken, mir ihre Emotionen zu zeigen? Was kann ich machen, um die Bindung zu meiner Tochter oder meinem Sohn zu stärken? Fragen, mit denen sich die Teilnehmer in theoretischer und praktischer Form beschäftigen werden. Jede Gruppenstunde läuft gleich ab. Die Kinder werden zur Betreuung in den Nebenraum gebracht, jeder Teilnehmer erzählt, was ihm heute auf dem Herzen liegt. Im Anschluss werden die Ergebnisse der Hausübungen vorgestellt, kleine Aufgaben, die die Alleinerziehenden mit ihren Kindern durchführen. Das kann zum Beispiel das Vorlesen einer Geschichte sein, wodurch zum einen die Bindung gefördert wird, zum anderen sensible Themen spielerisch aufgegriffen werden. Im weiteren Kursverlauf wird es darum gehen, Lösungen für den Alltag zu finden. Dabei geht es unter anderem darum, den inneren Monolog zu beeinflussen. „Es gibt eine Reihe von stressmildernde Gedanken“, erklärt Wolf. „Sich selbst zu erinnern, was man schon alles geschafft hat, zum Beispiel.“

Es ist ein Thema, das viele beschäftigt. Jede fünfte Familie ist betroffen. In Deutschland sind 88 Prozent der Alleinerziehenden Mütter. Vor allem in den jungen Jahren ist die emotionale Bindung von elementarer Bedeutung. „Erst wenn ich mich sicher gebunden weiß, weiß, dass auf den Kontakt zu meiner Bindungsperson Verlass ist, kann ich mich auch gut in die Welt hinausbewegen und Autonomie entwickeln und wahrnehmen“, sagt Wolf. „Eltern sind für Kinder der sichere Hafen, von dem aus sie die Welt erkunden können. Gibt es da eine Unsicherheit, zum Beispiel weil Vater oder Mutter oft mal so, mal so reagieren oder kaum auf meine Gefühle eingehen, werde ich wenig Vertrauen in die Welt und in Beziehungen aufbauen können. Stresssituationen sind dann eher ängstigend – auch im Erwachsenenalter.“

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