Kiliansdom

Komplikationen nach der Operation

Die Glocken des Kiliansdoms schweigen wieder, auch die Turmuhr steht ab heute wieder still.

Die Glocken des Kiliansdoms schweigen wieder, auch die Turmuhr steht ab heute wieder still.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe.  Wegen Konstruktionsmängeln bei den Glocken und einer Panne bei der Montage des Glockenstuhls muss nachgebessert werden.

Erkranken Sänger an den Stimmbändern oder müssen gar im Halsbereich operiert werden, ist die Sorge groß. Ähnlich ist es dem Kiliansdom bei der zu Pfingsten abgeschlossenen Sanierung ergangen: Von der Implantation des neuen Glockenstuhls hatte sich der Kirchenvorstand nicht nur eine Stärkung des Immunsystems, sondern auch eine spürbare Verbesserung der klanglichen Qualität erhofft. Inzwischen ist klar geworden, dass bei der Operation Komplikationen aufgetreten sind.

Schon beim ersten Probeläuten nach der Sanierung waren störende Nebengeräusche aufgefallen, die mit einer Nachjustierung durch die ausführende Spezialfirma aus Gescher beseitigt werden sollten (wir berichteten). „Wirklich zufrieden waren wir mit dem Ergebnis nicht“, berichtet Domhandwerker Volker Bellebaum. Im Gegenteil: Man könnte sagen, der Patient ist rückfällig geworden. Inzwischen hat sich der Gesundheitszustand derart verschlechtert, dass aktuell nur noch die kleinste der vier Glocken überhaupt betätigt werden kann.

Immerhin gibt es endlich eine klare Diagnose: Das Problem geht von den Klöppeln aus. Diese bestehen nicht nur aus dem aus Stahl gegossenen Hauptkörper, von denen der größte 300 Kilogramm auf die Waage bringt. „So würden die Glocken zwar auch einen Ton geben, aber um diesen weicher klingen zu lassen, ist der kugelförmige Teil mit Bronzepilzen abgepolstert“, erläutert Bellebaum. Dabei handelt es sich um Metallscheiben, die an genau den Stellen auf dem Klöppel montiert sind, die beim Läuten von innen gegen die Glockenhauben schlagen.

Da die Legierung Bronze deutlich weicher ist als der verwendete Gussstahl, ist das Ergebnis ein wärmerer Ton. Zur Befestigung sitzen die Bronzeplatten auf einem Holzstift, der durch eine Bohrung auf Höhe des „Äquators“ durch den Mittelpunkt der Stahlkugel führt.

Endlich eine Erklärung für die störenden Nebengeräusche

„Diese Befestigung funktioniert nicht so, wie es bei dieser Konstruktion vorgesehen war. Das ganze hat sich immer weiter gelockert“, erklärt Bellebaum die störenden Nebengeräusche und führt damit die Probleme auf Ausführungsmängel zurück.

Und damit nicht genug: wie sich inzwischen herausgestellt habe, muss sich der Glockenstuhl beim letzten Schritt der Montage („Die Schrauben waren schon drin, aber noch nicht angezogen“) ungünstig zur Seite geneigt und gegen eine der Schall-Luken gedrückt haben, durch die das Läuten nach außen dringt – für das bloße Auge nur geringfügig, aber durch das schiere Gewicht hat sich eine der Granitlamellen einen Haarriss zugezogen. „Man sieht das von außen nicht, aber der Schaden ist da, auf der Seite zum Haus Letmathe“, klagt Bellebaum.

Mitte Oktober soll der Turm wieder eingerüstet werden

In der ganzen Misere gibt es aber auch Lichtschimmer: So habe die Glockenbaufirma die Reklamation der Klöppel anstandslos akzeptiert und für die gebrochene Granitlamelle kommt die Versicherung des zuständigen Fachbetriebs auf. Die Diagnose ist gestellt, die Kasse zahlt – fehlt nur noch die Therapie. Medikamentös ist diesem Krankheitsbild nicht beizukommen, also muss sich Patient Kilian nochmal unters Messer legen. Die Narkose erfolgt heute, dann geht es im Glockenturm an die Stimmbänder. Auch die Turmuhr muss dafür wieder stehen bleiben. Immerhin soll der Eingriff ohne schweres Gerät zu bewältigen sein: „Einen Autokran werden wir dafür nicht brauchen, die Klöppel kriegen wir mit einer Seilwinde nach unten“, sagt Volker Bellebaum.

Die Reparatur der Schall-Luke hingegen könne nur von außen erfolgen. Dafür wird es also nötig sein, den Turm auf der Seite zu Haus Letmathe noch einmal einzurüsten. „Nach unserer derzeitigen Planung voraussichtlich Mitte Oktober“, kündigt Bellebaum an. Dann kehre hoffentlich Ruhe ein – natürlich nur in dem Sinne, dass sich keine weiteren Mängel offenbaren. Die Pfarrkirche St. Kilian soll dann endlich aus Leibeskräften läuten können, und zwar so warm und harmonisch, wie es vor der Sanierung geplant war. Auch wenn es zum Ende der Baumaßnahmen an der einen oder anderen Stelle gehakt hat – Bellebaum erinnert sich noch immer zerknirscht an den Kurzschluss, der bei der Einweihung an Pfingsten einen Teil der Tontechnik lahmgelegt hat – gibt es wohl ansonsten nichts zu bemängeln. „Bis auf diese Sachen jetzt sind die Arbeiten wirklich gut ausgeführt worden“, lobt der Schreinermeister nachdrücklich.

Auch wenn die Perspektive eines erneuten Glocken- und Uhrkomas die Liebhaber des Kiliansdoms ebensowenig begeistern dürfte wie die Rückkehr der Einrüstung, werden die meisten wohl zustimmen, dass die Therapie nötig ist. Denn eine gewisse Enttäuschung über das neue Klangbild ließ sich in den vergangenen Wochen so manchem Letmather anmerken. Nicht umsonst besagt eine Volksweisheit: „Medizin muss bitter schmecken, sonst wirkt sie nicht.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben