Marienhospital

Was im Gutachten steht, was strittig ist, wie es weitergeht

Telemedizin, Ausbildung, mobile medizinische Angebote – damit könnte in Letmathe ein „Leuchtturmprojekt“ entstehen, so der Gutachter.

Telemedizin, Ausbildung, mobile medizinische Angebote – damit könnte in Letmathe ein „Leuchtturmprojekt“ entstehen, so der Gutachter.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe/Iserlohn.  Ein Blick ins Marienhospital-Gutachten zeigt, wie eindringlich der Experte vor einer Übernahme warnt. Manche Zweifel bleiben.

Die emotionale Ratssitzung am Dienstag, deren formales Ergebnis niemanden überrascht haben dürfte, hat über die politische Landschaft hinaus zwei wesentliche Reaktionen ausgelöst: Enttäuschung und der Wunsch nach Aufklärung. Der beauftragte Gutachter, Prof. Bernd H. Mühlbauer, sah sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Was steht tatsächlich in dem 30-seitigen Ergebnisbericht?

In der Einleitung präzisiert der Autor zunächst seinen Auftrag: Die Gründe für die Schließung ermitteln, dazu Gespräche mit Beteiligten führen und „Szenarien zu entwickeln, wie die Konsequenzen einer Standortrettung (. . .) einzuschätzen sind.“ Zu den Gründen äußerte sich Mühlbauer auch mündlich vor dem Rat und verwies zunächst auf die Bundes- bzw. Landespolitik: Seit NRW 1995 die Investitionen in seine Kliniken halbiert habe, müssten die Häuser den Fehlbetrag mit eigenen Überschüssen kompensieren.

Fachkräftemangel führt zu teils unseriösem Wettstreit

Fast ein Drittel der deutschen Krankenhäuser sei heute defizitär und der Druck werde nur noch steigen: „Alle wirtschaftlichen Faktoren entwickeln sich negativ.“ Vor allem aber, und das gelte auch fürs Marienhospital, wirke sich der Fachkräftemangel aus: „In Europa fehlen mehr als 200.000 Ärzte, in Deutschland sind 40.000 Pflegestellen offen.“ Das führe zu einem grenzübergreifenden Wettstreit von Arbeitgebern und zu „stellenweise unseriösen Praktiken“. In Letmathe habe der Träger im zurückliegenden Geschäftsjahr mehr als 300.000 Euro für leitendes Personal ausgegeben.

„Diese Probleme würden Sie sich mit einkaufen, wenn Sie das Krankenhaus in den Konzern der Stadt übernehmen“, warnte der Gutachter und bezifferte seine Prognose, die wahrlich düster aussieht: Selbst im optimistischsten von drei Szenarien müsste die Stadt ein jährliches Defizit von zunächst 817.000 Euro ausgleichen, das bis 2023 auf 1,33 Millionen ansteigen würde – aber nur, wenn die Notfallversorgung erhalten bliebe, keine Station geschlossen würde und die Patientenzahlen stabil blieben.

Diese Einschätzung hält nicht jedes Ratsmitglied für plausibel. Oliver Ruhnert (Die Linke) kommentierte, Mühlhaus setze bei seiner Betrachtung voraus, dass „das Pferd schon tot“ sei und übersehe mögliche positive Entwicklungen. In dieses Horn stießen diverse Ratskollegen unter Bezug auf die Schmerztherapie. Ist diese nicht genau das „Alleinstellungsmerkmal“, das auch in dem Gutachten als notwendiges Kriterium für eine realistische Perspektive angeführt wird?

Gutachter : Ausbildung und digitale Medizin aussichtsreich

Nein, schreibt der Gutachter: Im Iserlohner Umfeld sei die internistische und chirurgische Versorgungsdichte „sehr hoch“, auch im Bereich der Schmerzambulanz – innerhalb von 30 Minuten könnten Patienten im Märkischen Kreis mindestens einen Anbieter erreichen. In der stationären Schmerztherapie könnte das knapp werden, denn mit seinem konkreten Leistungsumfang gilt das Marienhospital im gesamten Regierungsbezirk Arnsberg als einzigartig. Dagegen führt Bernd Mühlbauer in seinem Gutachten an, die stationäre Schmerztherapie gelte als „gut planbar“, daher würden kurze Fahrtzeiten „eher eine untergeordnete Rolle“ spielen. So oder so mache ein Fachbereich noch kein Krankenhaus: „Sie können nicht einfach ein paar Betten an die Schmerzklinik anflanschen und erwarten, dass dann schwarze Zahlen dabei herauskommen“, antwortete Mühlbauer den aufgebrachten Ratsmitgliedern.

In seinen Augen könnte in Letmathe stattdessen ein „Leuchtturmprojekt“ für digitale Medizin, mobile Angebote und Ausbildung entstehen, die Verwaltung müsse jetzt schnell handeln und diese Perspektive prüfen lassen.

Viele Mitarbeiter im Marienhospital hängen derweil in der Luft, ein Betroffener beschrieb die Situation am Mittwoch so: „Unsere Arbeitsverträge laufen bis zum 31. Dezember. Zur Monatsmitte, also Dienstag, müsste eigentlich der Dienstplan für November kommen. Wo wir dann arbeiten sollen, wissen wir nicht.“ Dr. Thorsten Kehe, Geschäftsführer der Märkischen Gesundheitsholding, soll heute im Kreisausschuss erneut zur Zukunft des Krankenhauses referieren. Die nächste Sitzung des Arbeitskreises Gesundheit der Iserlohner Verwaltung ist für Dienstag, 29. Oktober angesetzt.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben