Skurriles

Wie der Europawahlkampf in Lössel erst diese Woche endete

Dieses Wahlplakat der AfD aus der Europawahl hat Anwohner bis vor kurzem genervt – das könnte die Partei einige Euro kosten.

Dieses Wahlplakat der AfD aus der Europawahl hat Anwohner bis vor kurzem genervt – das könnte die Partei einige Euro kosten.

Foto: Privat

Lössel.  Jäger des verlorenen Plakats: Der Hinweis eines Anwohners hat abendliche Suchaktionen und eine Recherche ausgelöst.

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Die Europawahl im Mai bezeichneten Kommentatoren und Politiker als richtungsweisend für die Zukunft der EU. Die Parteien geizten nicht mit Wahlwerbung und plakatierten großzügig – auch im beschaulichen Bergdorf Lössel, wo unser Leser Daniel Schmitz lebt. Urnengang, Auszählung und Nachbetrachtung nehmen ihren Lauf, irgendwann überlagern der Alltag und neue Themen das akute Interesse wieder. Von der Wahl bleibt den Lösselern nicht nur die Erinnerung, sondern auch ein Plakat der „Alternative für Deutschland“ (AfD). Es hängt an einer Straßenlaterne, die mit einem Schild den Weg zum Mooskampweg weist. „Geht’s noch, Brüssel?“ ist darauf zu lesen, und darunter in extra großer Schrift: „Diesel retten!“ Die Wochen vergehen, das Plakat bleibt.

Daniel Schmitz nervt die überholte Werbung schließlich so sehr, dass er zum Hörer greift und bei der Stadt anruft. „Dort wurde ich nach langem Warten mit dem Büro der Blauen Fraktion verbunden“, berichtet er. Dieses sei allerdings nicht besetzt gewesen, und auf den Anrufbeantworter habe er nicht sprechen wollen. Stattdessen macht er zur Veranschaulichung ein Foto und wendet sich an die Heimatzeitung. Unsere Recherche beginnt bei der Stadtverwaltung, die zunächst klarstellt, dass nicht die „Blauen“ für die Plakate verantwortlich seien, sondern die „Alternative“ im Märkischen Kreis. Ein paar Anrufe und E-Mails später ist Klaus Laatsch am Apparat, Sprecher der Kreis-AfD, der berichtet, erfolglos nach dem übrig gebliebenen Plakat gesucht zu haben. „Wir haben knapp 2000 Stück im Kreisgebiet aufgehängt. Nach dem Ende der Wahl haben wir ein paar Tage Zeit, um alle wieder abzuhängen.“

„Alternative“ beklagt professionelle Plakatdiebe

Das größere Problem für die Partei sei allerdings ganz im Gegenteil gewesen, dass Wahlwerbung vorzeitig verschwindet – Laatsch vermutet eine geplante, konzentrierte Aktion: „Das haben die professionell gemacht. Über Nacht sind 600 bis 700 Plakate verschwunden.“ Auf der Suche nach vergessenen Plakaten sei übrigens deutlich geworden, dass nicht nur die „Alternative“ das eine oder andere Exemplar vergesse – zwar nicht in Lössel, aber anderswo hätte genau so noch Wahlwerbung von Grünen und SPD gehangen.

Die AfD zeigt sich eifrig bemüht und lässt sich schließlich die Aufnahme des verlorenen Plakats zeigen. An dieser Stelle habe man alles auf- und abgesucht, beteuert Klaus Laatsch und spricht ein Detail an: Die Blumen, die auf dem Foto zu sehen sind, seien inzwischen verblüht. „Die Aufnahme kann nicht ganz aktuell sein“, schließt er. Tatsächlich erstreckt sich die ganze Geschichte über einige Tage. Daniel Schmitz drückt auf den Auslöser, schickt eine Mail an unsere Redaktion, im Rathaus wird während der Urlaubszeit ein Auskunftgeber zu unserer Anfrage gesucht, AfD-Parteimitglieder durchforsten die Lösseler Straßen.

Unklar bleibt, wie das Plakat zwischenzeitlich seinen Platz an der Laterne verlassen hat, nachdem es dort so lange gehalten hat – bis Stadtsprecherin Christine Schulte-Hofmann das Rätsel Tage später auflöst: Der Ordnungs- und Servicedienst des Ordnungsamtes (OSD) sei am Montag vor Ort gewesen und habe das Plakat nach Hinweisen von Anwohnern entfernt.

„Grundsätzlich räumt die Stadt Iserlohn den Parteien eine Frist von zehn bis 14 Tagen nach dem Wahltag ein, innerhalb derer die Plakate abgehängt werden sollen“, erklärt die Sprecherin. Wegen nach Ablauf der Frist noch hängender Plakate würden die Parteien zunächst angeschrieben und gegebenenfalls erinnert. „Bei Nichtreaktion wird ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Dabei können sich die Betroffenen zum Sachverhalt äußeren.“ Theoretisch seien Bußgelder von bis zu 1000 Euro möglich. In Fällen, die mit dem in Lössel prinzipiell vergleichbar seien, sei ein Bußgeld in Höhe von etwa 100 bis 150 Euro angemessen, laute die Auskunft aus der zuständigen Abteilung. Christine Schulte-Hofmann betonte jedoch, damit keine Aussage über den konkreten Fall zu machen.

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