Dorfgemeinschaft

Zeit zum Zusammenrücken

V.li.: Anke Ashauer, Hannelore Fleischer, Monika Stockmann und Anna-Lena Sevinc erhoffen sich Impulse für das Zusammenleben in Dröschede. Die Skepsis der kleinen Sibel-Marie gilt zweifellos nur der Kamera.

V.li.: Anke Ashauer, Hannelore Fleischer, Monika Stockmann und Anna-Lena Sevinc erhoffen sich Impulse für das Zusammenleben in Dröschede. Die Skepsis der kleinen Sibel-Marie gilt zweifellos nur der Kamera.

Foto: Alexander Barth

Dröschede.  Mit der Idee einer lokalen Tauschbörse für Hilfeleistungen stemmen sich die Dröscheder gegen den Trend der Vereinsamung und des Vereinssterbens.

In den guten alten Zeiten, da gab es in den Iserlohner Ortsteilen noch ein ganz anderes Bewusstsein für Nachbarschaftlichkeit – vor allem in Dröschede, erinnert sich die 89-jährige Hannelore Fleischer wehmütig: „Wir waren immer das Vorzeigedorf. Andere haben sich an uns orientiert.“ Heute gebe es Klüfte zwischen Eingesessenen und Zugezogenen, Jungen und Alten, Ober- und Unterdorf, die der Dorfgemeinschaft zumindest einen Teil der Heimeligkeit genommen hat, die das Zusammenleben hier lange geprägt hat. Dorfsprecherin Monika Stockmann glaubt jedoch an eine Trendwende: „Durch den neuen Dorfplatz hat sich einiges getan. Die Vereine sind näher zusammengerückt und es bringen sich auch wieder mehr Gewerbetreibende ein.“

Damit diese Impulse nicht verebben, will die 71-Jährige ein neues Angebot für die Dröscheder aufbauen: eine Tauschbörse für Hilfeleistungen. Das Projekt beruht auf der Feststellung, dass es im Ortsteil keineswegs an den richtigen Zutaten für eine lebendigere Gemeinschaft mangele: „Es gibt zum Beispiel Kinder, die haben keine Großeltern, und es gibt Ältere, die haben keine Enkel. Man müsste die nur zusammenbringen.“ Anna-Lena Sevinc (35) vom Kindergarten Purzelbaum, die mit Tochter Sibel-Marie (Anderthalb) zum Planungstreffen bei Monika Stockmann gekommen, kann das nur bestätigen: „Wenn man berufstätig ist und kleine Kinder hat, ist es eine gewaltige Erleichterung, wenn man Oma und Opa in der Nähe wohnen.“

Mit dabei ist Anke Ashauer (43) von der gleichnamigen Bäckerei. Das Quartett bildet nur einen Teil einer Gruppe, die bei Dröschedern einen ganz besonderen Geschäftssinn wecken wollen. Im Grunde gehe es um den Handel mit Zeit, erklärt Monika Stockmann, die für ihre Idee Inspiration in Herdecke gefunden hat: „Dort gibt es so eine Tauschbörse schon und die haben gute Erfahrungen damit gemacht“, weiß sie von persönlichen Kontakten.

Börse bietet prinzipiell unbegrenzte Möglichkeiten

Im Prinzip funktioniert das so: Interessierte Bürger melden sich zunächst bei der Tauschbörse an und erhalten ein Grundkapital in der einer virtuellen Währung, mit der sie Unterstützung für verschiedenste Angelegenheiten ‘kaufen’ können. Sie schreiben also einen Hinweis, bei was sie Hilfe brauchen oder geben an, was sie selbst für andere tun könnten. „Ältere haben ja oft viel Zeit und würden vielleicht gern mal mit einem Hund spazieren gehen, den sie auf Dauer nicht versorgen können. Umgekehrt wünscht man sich, wenn man nicht mehr so richtig fit ist, ein paar kräftige junge Leute, wenn etwas aus dem Keller hochgetragen werden muss“, nennt Monika Stockmann Beispiele. Die Möglichkeiten sind so vielfältig die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Teilnehmer.

Erfolgte Einsätze werden dem Dienstleister vom Empfänger bescheinigt, bezahlt wird je nach Zeitaufwand mit den Punkten, mit denen sich Hilfegeber wiederum andere Hilfe „kaufen“ können. „Wir würden nur den Kontakt herstellen“, betont die Dorfsprecherin, dass den Beteiligten selbst überlassen bleibt, ob sie sich etwa am Ende entscheiden, die Unterstützung „gratis“ zu leisten oder für empfangene Hilfe zusätzlich erkenntlich zeigen, indem sie zum Beispiel einen Kuchen backen.

Wichtig ist den Initiatoren, dass das Angebot konform ist mit den neuen Datenschutzrichtlinien. Statt mit Klarnamen und Fotos zu arbeiten, sollen die Profile auf der Börse nur mit Nummern verknüpft werden. Für die Umsetzung hätten technikaffine Mitstreiter ihre Hilfe angeboten, berichten die engagierten Damen. Mit der Präsentation des Projekts gegenüber der Heimatzeitung möchten sie zum einen die Nachfrage prüfen – wer Interesse hätte, sich an einer solchen Tauschbörse zu beteiligen, wird um Rückmeldung gebeten. Gleichzeitig sucht das Team nach Ideen für einen treffenden Namen. Wer die zündende Idee liefert, könnte sich damit einen Startbonus sichern.

Für andere Ortsteile könnte es sich lohnen, das Projekt in Dröschede im Blick zu behalten. „In Oestrich ist man schon sehr interessiert, auch aus Sümmern haben wir schon Anfragen“, verrät Monika Stockmann.

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