Stichtag 29. März

Brexit-Chaos sorgt auch bei Mendener Briten für Unsicherheit

„Da will man Deutscher werden, und ausgerechnet jetzt schmeißen die englischen Fußballteams alle deutschen raus!“ John Balfour lässt sich auch von den Brexit-Wirren seinen Humor nicht nehmen.

„Da will man Deutscher werden, und ausgerechnet jetzt schmeißen die englischen Fußballteams alle deutschen raus!“ John Balfour lässt sich auch von den Brexit-Wirren seinen Humor nicht nehmen.

Foto: Thomas Hagemann

Menden.   Kommt der Brexit am 29. März oder nicht? Für 278 Mendener mit britischen Pässen geht es um weitaus mehr als ihre EU-Wahlberechtigung am 26. Mai.

John Balfour ist als Mendener Brite stadtbekannt, doch dank der Brexit-Wirren fühlt er sich nach 53 Jahren in der Hönnestadt erstmals wie ein Ausländer: „Ich weiß nicht, ob ich wie bisher an der kommenden Europawahl teilnehmen darf“, sagt der 74-jährige Schotte. Auch im Rathaus habe man nur mit den Achseln zucken können, „oder jeder erzählt etwas anderes“. Und so sitzt er inzwischen fast täglich vor dem Fernseher, um Live-Übertragungen aus dem Londoner Parlament zu verfolgen: Kommt der ungeregelte Brexit am 29. März oder nicht? (Infokasten)

Für John Balfour geht es dabei nicht nur um die Frage, ob er weiter in Menden das EU-Parlament mitwählen darf, sondern um viel mehr. Für ihn und seine Landsleute – zurzeit sind in Menden 278 Einwohner mit der Staatsangehörigkeit „Vereinigtes Königreich“ gemeldet – stellt sich längst die Frage der Staatsbürgerschaft. Um sicher in Menden bleiben sein zu dürfen, ohne alle naselang die Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen zu müssen, will auch Balfour jetzt die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen, zusätzlich zur britischen.

Kreis: „Verschiedene Szenarien“

Damit muss sich der frühere Soldat und Lkw-Fahrer aber sputen: Bis zum 28. März, also dem Tag vor dem womöglich ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, soll er seinen Antrag abgeben, rät ihm kein Geringerer als MK-Landrat Thomas Gemke. Denn der Märkische Kreis ist auch Ausländerbehörde.

Es sei „immer noch nicht klar, ob es zu einem geregelten oder ungeregelten Austritt kommen wird“, schrieb Gemke an Balfour und alle MK-Briten Ende Februar. „Wir alle hoffen darauf, dass es rechtzeitig eine einvernehmliche Regelung zwischen EU und Vereinigtem Königreich geben wird. Als Ausländerbehörde muss sich der Kreis jedoch ebenso wie Sie als Staatsangehörige auf die verschiedenen Szenarien vorbereiten.“

Für einen Brexit am 29. März plane das Bundesinnenministerium eine Ministerverordnung. Sie würde alle zum Austrittszeitpunkt „freizügigkeitsberechtigt“ in Deutschland lebenden Briten und deren Angehörige bis Ende Juni vom Erfordernis eines Aufenthaltstitels befreien. Außerdem ermögliche sie den Zugang zum Arbeitsmarkt.

Balfour soll sich dann einen von drei Tagen im Mai aussuchen, an denen er zu Beratungen für Briten im Kreishaus erscheinen kann. Dort könne er dann auch eine Aufenthaltserlaubnis beantragen.

Deutsch-Prüfung nach 53 Jahren Menden

Der Antrag auf Einbürgerung muss dagegen spätestens am 28. März im Mendener Bürgerbüro eingehen. Damit komme der MK den Betroffenen noch entgegen, denn der Antragseingang vor dem Brexit-Datum reiche aus – üblicherweise gelte das Datum der Entscheidung über den Antrag. Die vielen Formulare hat Balfour schon fix und fertig auf dem Küchentisch am Ostwall liegen, samt der handschriftlichen, frei formulierten Erklärung dazu: „Ich möchte weiterhin in Deutschland, in meiner Wahlheimat, leben“, heißt es in Balfours Brief. Womöglich stehe ihm nach 53 Jahren in Deutschland dafür noch eine Deutsch-Prüfung bevor. „Das ist alles unglaublich“, sagt er.

Der Landrat meine es sicherlich gut mit seinem letzten Satz unter dem Brief. Da steht: „Ich hoffe, Sie können mit diesen Informationen etwas in die Zukunft hinsichtlich der Regelung Ihres weiteren Aufenthaltes in der Bundesrepublik Deutschland blicken.“ Doch Beruhigung wird im Hause Balfour wohl erst wieder einkehren, wenn die Brexit-Modalitäten endgültig geregelt sind.

Viele Unklarheiten auch im Wahlamt

Auch im Mendener Rathaus sorgt der unklare Austritt der Briten für Irritation: Im Wahlamt der Stadt zur Europawahl fehlt der Organisatorin Sylvia Bastek bislang immer noch die genaue Zahl der Mendener Wahlberechtigten für den Urnengang in zwei Monaten. „Spätestens Mitte April, wenn die Wahlunterlagen vorliegen, müssen wir über den Bundeswahlleiter Klarheit haben“, sagt Bastek.

Für John Balfour besteht die Welt zurzeit aus lauter Ungewissheiten, doch seinen britischen Humor lässt er sich nicht nehmen: „Da willst du Deutscher werden, und ausgerechnet jetzt hauen die englischen Fußballteams alle deutschen raus!“

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