Bundestagswahl

Dagmar Freitag: Die SPD-Frau will’s nochmal wissen

Dagmar Freitag im Gespräch mit der Mendener WP-Redaktion: Die SPD-Bundestagsabgeordnete behielt 2013 im Wahlkreis mit dem knappsten Erststimmen-Ergebnis in Deutschland die Oberhand – und will es jetzt erneut schaffen.Foto:Arne Poll

Dagmar Freitag im Gespräch mit der Mendener WP-Redaktion: Die SPD-Bundestagsabgeordnete behielt 2013 im Wahlkreis mit dem knappsten Erststimmen-Ergebnis in Deutschland die Oberhand – und will es jetzt erneut schaffen.Foto:Arne Poll

Menden.   Mit Laufarbeit und Promi-Unterstützung: Die langjährige SPD-Abgeordnete will den Wahlkreis erneut gewinnen.

Als Christian Neureuther anruft, bittet Dagmar Freitag darum, an ihr Handy zu dürfen. Der Ex-Skirennläufer, den sie lange kennt, will die heimische SPD-Kandidatin im Wahlkampf unterstützen, und Freitag kämpft um die Mehrheit in einem Wahlkreis, der 2013 das knappste Ergebnis von allen produzierte: Mit nur 54 Stimmen ließ sie damals ihre CDU-Mitbewerberin Christel Voßbeck-Kayser hauchdünn hinter sich.

Angesichts der Talfahrt der SPD: Ist sie auf der Reserveliste mit Platz 6 hinreichend abgesichert, falls es nicht klappen sollte mit den meisten Erststimmen? „Mein Anspruch war und ist es zu gewinnen, auch wenn es fast aussichtslos aussieht“, sagt sie nicht ohne Trotz. Wie knapp kann das werden? „Im Sport zählen auch Tausendstel.“

Befristungen abschaffen

Wenn es also um jede Stimme zu kämpfen gilt, wie schafft sie das bei ihren Verpflichtungen in der Sport- und Außenpolitik? „Durch optimales Zeit- und Reisemanagement. Manchmal nerve mein Team, das weiß ich. Aber ich bin viel im Wahlkreis unterwegs, und das geht nur mit enormem Zeit-Einsatz und viel Verzicht auf Privates.“ Auch ihre große Leidenschaft leide darunter: die Fotografie.

Wie reagieren die Leute, wenn die SPD-Frau klingelt? „Sehr freundlich und anerkennend, eine einzige Frau hat bisher meinen Flyer abgelehnt“, berichtet die langjährige Abgeordnete. Aber was kann sie an Neuem anbieten, wenn die SPD doch selber so lange Regierungspartei war? „Das heißt ja nicht, dass wir alles durchbekommen haben.“ So werde sie von Älteren oft auf befristete Arbeitsverhältnisse der Kinder und Enkel angesprochen. „Die fragen sich, wie sich die Jungen damit eine Zukunft aufbauen sollen. Zu Recht!“ Hier habe SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles vergebens versucht, die sachgrundlose Befristung abzuschaffen.

Auch der Diesel sei ein großes Thema: „Viele werden von der Billiglösung für die Industrie mit Updates nichts haben. Sie zahlen noch ihre Raten ab und fürchten den massiven Wertverlust.“ Verantwortlich für den Diesel-Skandal um die manipulierte Software ist aus ihrer Sicht die Industrie – „auch der Bundesverkehrsminister im Einklang mit dem Autolobbyisten Wissmann. Das ist völlig inakzeptabel, was da passiert ist.“ Deshalb müsse der Hersteller dafür geradestehen.

In Menden „optimale Unterstützung“

Schnelles Internet, die Rente, die Pflege: Das sind die Themen, die ihr mit Blick auf den Wahlkreis auf den Nägeln brennen. Hinzu komme der Einsatz für Menschen mit Behinderung, den sie auch im Sport zeige: „Ich lasse meine Veranstaltungen so oft wie möglich von Gebärdensprachdolmetschern übersetzen.“

Menden sei neben Balve unter den neun Städten ihr schwierigstes Pflaster. Obwohl sie immer deutlich mehr Prozente holte als die Partei, lag sie bei den Erststimmen hinter den CDU-Kandidaten. Allerdings werde sie im Wahlkampf diesmal von Mitgliedern des SPD-Ortsvereins optimal unterstützt, auch ihr Bekanntheitsgrad soll helfen: „Ich setze schon darauf, dass mein Einsatz für den Wahlkreis auch von Anhängern anderer Parteien mit der Erststimme honoriert wird.“ Die Hilfe von Christian Neureuther ist ihr sicher: Mit seiner Frau Rosi Mittermaier empfiehlt er im SPD-Flyer ihre Wahl.

Bundespolitik: Vier Fragen an Dagmar Freitag

Was wollen Sie für mehr Innere Sicherheit tun?

Sicherheit ist ein Grundrecht. Das Bedürfnis danach ist unverkennbar. Die SPD will die Polizei und die Justiz stärken. Wir wollen unter anderem 15 000 zusätzliche Stellen bei der Polizei in Bund und Ländern schaffen. Und wir müssen noch intensiver präventiv arbeiten. Dazu gehören gute Bildungschancen und sichere Lebensperspektiven. Dazu gehört eine gute Integrationspolitik. Dazu gehört auch eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Gefährdern.

Was wollen Sie gegen Altersarmut tun?

Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, soll im Alter nicht zum Sozialamt müssen – für die SPD ist das eine Frage des Respekts vor der Lebensleistung. Daher haben wir die Einführung einer gesetzlichen Solidarrente im Wahlprogramm verankert. Wer 35 Jahre oder länger Beiträge gezahlt hat und/oder Zeiten für Kindererziehung und Pflege angerechnet bekommt, soll Anspruch auf eine gesetzliche Solidarrente haben, die 10 Prozent über dem Niveau der Grundsicherung am Wohnort liegt. So soll ein auskömmliches Alterseinkommen für langjährig Beschäftigte gewährleistet werden. Auch Selbstständige, die nicht in einem Versorgungswerk abgesichert sind, sollen in die Solidargemeinschaft der Rentenversicherung einbezogen werden. Zentral bleibt jedoch, bereits zu einem frühen Zeitpunkt in der Erwerbsbiographie anzusetzen: durch gute Bildung, unbefristete Arbeitsverträge und faire Löhne.

Was wollen Sie für bessere Bildung tun?

Bildung ist das Wertvollste, was wir jungen Menschen mit auf den Weg geben können. Mehr Gerechtigkeit heißt für mich daher vor allem eine gerechtere Verteilung der Chancen in unserem Land. In Deutschland hängt der Bildungserfolg nach wie vor vom Geldbeutel der Eltern ab. Die SPD setzt sich für kostenfreie Bildung ein – von der Kita bis zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss. Unser Bildungsprogramm hat SPD-Kanzlerkandidat Schulz in einem Eckpunktepapier konkretisiert. Geplant sind die dringend notwendigen Investitionen in die Schulen, in die Ganztagsbetreuung, aber auch in Personal und moderne Ausstattung. Dazu muss der Bund die Länder in der Bildungspolitik endlich finanziell unterstützen können.

Was ist im Verhältnis zur Türkei zu tun?

Kanzlerkandidat Martin Schulz hat deutlich gemacht, dass eine SPD-geführte Bundesregierung autokratischen Herrschern wie Herrn Erdoğan die Stirn bieten wird. Seien es Einmischungen in den deutschen Wahlkampf oder Verhaftungen unbescholtener deutscher Bürger – derartiges Verhalten kann die Bundesregierung nicht akzeptieren, politische Konsequenzen sind notwendig. Klar ist jedoch auch: Diese Maßnahmen richten sich keinesfalls gegen die Bevölkerung in der Türkei oder türkeistämmige Menschen in Deutschland.

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