Ostern

Das Internet ersetzt keinen Beichtstuhl

Pfarrer Jürgen Senkbeil im Beichtstuhl der St.-Vincenz-Kirche. Mehrmals pro Woche sind dort Beichten möglich.

Pfarrer Jürgen Senkbeil im Beichtstuhl der St.-Vincenz-Kirche. Mehrmals pro Woche sind dort Beichten möglich.

Foto: Martina Dinslage

Menden.   Das Beichten erlebt heutzutage einen Boom im Internet auf sogenannten Beicht-Seiten. Mit der eigentlichen Bedeutung hat das aber nichts zu tun.

Das Beichten erlebt heutzutage einen Boom im Internet, wenn man nach der Reichweite sogenannter Beicht-Seiten geht.

Doch mit der klassischen, kirchlichen Beichte hat das nichts zu tun, kritisiert Pfarrer Jürgen Senkbeil. Dabei zählt gerade die Osterzeit zu den beliebtesten Zeiten, um seine Sünden zu beichten und dafür Vergebung zu erhalten.

Eingang ins Christentum gefunden

Dabei hat sich das Beichten in den vergangenen 1700 Jahren stark gewandelt, wie Jürgen Senkbeil erklärt. Ursprünglich, in der frühen Kirche, habe man einmal im Leben die Chance erhalten, um Vergebung zu bitten und seine Fehler erlassen zu bekommen. In der Regel wurde diese Abbitte auf dem Sterbebett geleistet, um möglichst ohne Makel aus dem Leben zu scheiden. Im Mittelpunkt der Abbitte stand ein schlimmer Verrat an der Gemeinde. „Das ist im eigentlichen Sinne des Verratens gemeint“, erklärt Senkbeil. Es sei ein Bekenntnis vor der gesamten Gemeinde gewesen.

Eine Veränderung habe es dann mit den iroschottischen Mönchen und der Christianisierung bis ins 10. Jahrhundert gegeben. „In den klösterlichen Gemeinschaften mussten die Mönche Rechenschaft über gute und schlechte Dinge vor dem Abt ablegen“, sagt Senkbeil. Anschließend habe die Beichte Eingang ins Christentum gefunden. Aus einer einmaligen Beichte am Lebensende wurde eine jährliche Offenlegung der Sünden kurz vor Ostern. Und auch heute sei es so, erklärt Senkbeil. Gerade nach der Karfreitagsliturgie von 16 bis 20 Uhr.

Schuld für eigene Fehler

Erst mit Papst Pius II. im 19. Jahrhundert sei die Beichte mit der Kommunion verknüpft worden. „Das diente der Stärkung und Kräftigung des Glaubens“, sagt Senkbeil. Bis etwa 1960 mussten Volksschüler klassenweise samstags beichten und sonntags die Kommunion erhalten. Mit der Liturgiereform und der Entkopplung der Sakramente seien schließlich auch Gebete als Form der Sündenvergebung zugelassen worden. „Da sind wir ein stückweit auch Kinder unserer Zeit und des gesellschaftlichen Empfindens“, sagt Senkbeil. Denn der Mensch tendiere dazu, Selbstgeschaffenes gerne in den Mittelpunkt zu stellen. Gehe es aber dann darum, eigene Fehlleistungen zu beurteilen und dafür um Vergebung zu bitten, liege die Schuld oft bei anderen als bei sich selbst. „Für alles gibt es Gründe und Ursachen“, erklärt Senkbeil diesen Entschuldigungsmechanismus. Dabei sei der Mensch durchaus dazu in der Lage „Fehlleistungen zu erbringen“.

Dass die Schuld für eigene Fehler oft bei anderen gesucht werde, sei auch ein Grund, warum immer weniger Menschen überhaupt beichten. „Wenn es andere zu verantworten haben, brauche ich nichts bekennen“, so Senkbeil. Statt zu beichten, suchten viele Menschen inzwischen Hilfe bei entsprechenden Therapie-Angeboten. Dabei gehe es aber eher darum, einen Ort zu finden, an dem man ein Gefühl der Befreiung erhalte.

Die Taten bereuen

Die klassische Beichte setze sich für Senkbeil aus den fünf „Bs“ zusammen: besinnen, bereuen, bekennen, Bitte um Verzeihung und

bessern. Im Gegensatz zum Internet biete die Beichte in der Kirche einen geschützten Raum, aus dem eben nichts nach außen dringt. Durch das Internet öffne man Mobbing hingegen Tür und Tor. Doch wie geht Senkbeil mit belastenden Beichten um – oder gar Straftaten, die am Beichtstuhl auf den Tisch kommen? „In solchen Fällen bin ich an das Beichtgeheimnis gebunden“, erklärt der Pfarrer. Er könne lediglich an den Beichtenden appellieren, seine Taten zu bereuen und Wiedergutmachung zu leisten – dann im Sinne einer Selbstanzeige. Erst dann sei die Beichte wirklich vollumfänglich abgeschlossen. Anders verfehle die Bitte um Vergebung ihren Sinn und werde als solche nicht gezählt. Aber auch dann gilt für Senkbeil: „Es bedrückt natürlich sehr und lässt einen nicht los. Gott sei Dank ist das nicht die Regel.“

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