Ein Versprechen machte Andreas Markiewicz zum Pilger

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Menden. 15 bis 25 Kilometer schafft Andreas Markiewicz an einem Tag. Mit kleinen Schritten bewältigt der gehbehinderte Mann seinen Weg von Garmisch-Partenkirchen nach Hamburg. Er löst ein Versprechen ein, dass er seinen Großvater am Sterbebett gab. Und gl

"Vor knapp 20 Jahren ist mein Opa gestorben", erzählt Andreas Markiewicz. "Zwei Tage vor seinem Tod sagte er mir, ich solle auf Wanderschaft gehen, wenn ich vor meinem 40. Lebensjahr am Herzen erkranke. Ich versprach es ihm."

Als Taxifahrer bewegte sich Andreas Markiewicz nicht viel. Nahm im Laufe der Jahre immer mehr zu und bekam schließlich leichte Herzprobleme. "Also löste ich mein Versprechen ein." Von seinem Heimatort Fassberg im Landkreis Celle fuhr er nach Garmisch-Partenkirchen. Dort kam er am 29. April an. Fünf oder sechs Tage später ging es los. Auf dem Rücken ein großer Rucksack und in der Hand einen Stock, den er sich aus einem Ast geschnitzt hat. Die Menschen, die an ihm vorbei gehen, blicken sich irritiert um, wie gestern in der Mendener Innenstadt. Doch das ist der er gewohnt.

"Das Laufen macht mich zu einem glücklichen Menschen", sagt der Mann mit den großen leuchtend blauen Augen. Als Taxifahrer habe er nachts Betrunkene kutschiert. "Jetzt lerne ich Deutschland und die Menschen kennen." Mittlerweile ist es für ihn fast ein Pilgerweg geworden, denn während des Laufens betet und meditiert er. Die Gebete helfen ihm, seine Gedanken zu sortieren.

Gedanken hat Andreas Markiewicz viele, Hab und Gut fast gar nicht. Aufgebrochen ist er mit einem Schlafsack, einer Isomatte, einem Rucksack, einer Plastikplane, drei Garnituren zum Anziehen, einer Wolldecke und einem kleinen Kochtopf. Geld hatte er nicht dabei. "Zum Überleben", so hat er mittlerweile festgestellt, "brauche ich nur ein bis zwei Euro pro Tag." Er sammelt Pfandflaschen, um das Geld zu bekommen. Davon kauft er sich Brot, Milch oder einen Eintopf. Außerdem sucht er sich wildes Obst, hat ein Kräuterbuch dabei, "um auch Vitamine zu bekommen". Gelegentlich bekommt er von älteren Frauen ein Glas Marmelade geschenkt.

Und bei Kierspe hat ihn ein Zirkus drei Tage aufgenommen, damit er ausruhen konnte. In Menden wurde er von Mitgliedern des Seniorentreffs entdeckt. Sofort bekam er Kaffee und Kuchen und musste von seiner Geschichte erzählen. "Aber ich bettle nicht", betont der 39-Jährige. "Dafür bin ich dann doch zu stolz." Viele sind neugierig und sprechen ihn an, vor allem Jüngere. Ältere bieten eher ihre Hilfe an. "Wahrscheinlich, weil sie noch wissen, was Wanderschaft bedeutet", mutmaßt er.

Einige wenige Menschen stempeln ihn als Penner ab. "Klar, auf der Straße kann man nicht so hygienisch leben", weiß er. Wenn er kann, wäscht er sich an Flüssen, in öffentlichen Toiletten oder bei einem Pastor, wenn er höflich nachfragt. Seine Schlafplätze findet er meist im Wald unter den Bäumen.

"Das Wichtigste, was ich während der Wanderschaft gelernt habe, sind Gelassenheit und Gottvertrauen", sagt Andreas Markiewicz. Und die möchte er auch mit nach Hause nehmen und weitergeben. Denn dort sitzen Menschen, die immer an ihn denken. Seine Eltern, aber auch Jugendliche des Dorfes. Mit denen hat er nämlich eine Art Wette abgeschlossen. "Die Jugendlichen haben Drogen genommen, und wir haben vereinbart, dass sie damit aufhören, wenn ich auf Wanderschaft gehe. Außerdem verlängern sie ihr Angebot um eine Woche je Kilo, das ich in dieser Zeit abnehme." Das sind mittlerweile schon etwa 40 Kilo, Gestartet war Andreas Markiewicz mit 135 Kilo.

In Hamburg treffen sie sich wieder, denn am 27. Juli wollen sie den Dalai Lama sehen, der dann dort zu Gast sein wird. Noch knapp zwei Monate hat Andreas Markiewicz jetzt noch Zeit. Das Ziel verliert Andreas Markiewicz nicht aus den Augen. Er läuft weiter, Schritt für Schritt, betend, meditierend und vor allen Dingen glücklich.

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