So war es früher

Else Trzionka: Mit Radschlagen Kontaktsperre durchbrochen

1927 in Langensalza in Thüringen. Die Gebrüder Ackermann hatten sich zusammengetan und wurden Schausteller mit mehreren Rummel-Geschäften In der Bildmitte obere Reihe der kleine Blondschopf, das ist die vier Jahre alte Else Ackermann, uns allen als Drehorgel-Lola bekannt: Sie sitzt auf einem Holzpferd auf dem Karussell und sieht da schon so kess aus, als ob sie die Welt aus den Angeln heben wollt.

Foto: Archiv Trzionka

1927 in Langensalza in Thüringen. Die Gebrüder Ackermann hatten sich zusammengetan und wurden Schausteller mit mehreren Rummel-Geschäften In der Bildmitte obere Reihe der kleine Blondschopf, das ist die vier Jahre alte Else Ackermann, uns allen als Drehorgel-Lola bekannt: Sie sitzt auf einem Holzpferd auf dem Karussell und sieht da schon so kess aus, als ob sie die Welt aus den Angeln heben wollt. Foto: Archiv Trzionka

Else Trzionka geborene Ackermann ist in Menden unter dem Namen „Lola“ als Frau mit dem Leierkasten bekannt. Rückblick auf ein bewegtes Leben.

Niemand kann seine Mitmenschen Jahrzehnte lang über sein wahres Ich täuschen. Wenn über Else Trzionka staunend gesagt wird: „Die Gespräche mit ihr sind etwas ganz Besonderes“ oder man wünscht ihr, dass sie noch „viele schöne Jahre mit Lachen im Herzen und in den Augen“ erleben möge, dann ist das hohe Wertschätzung für eine Frau, die inzwischen 94 Jahre alt ist und auf ein so bewegtes Leben zurückblicken kann, dass manch anderer es nicht bestanden hätte.

Das Leben der Else Trzionka geborene Ackermann vom Bieberblick 12, in Menden unter dem Namen „Lola“ als Frau mit dem Leierkasten bekannt, schlug schon Kapriolen, als sie am 28. Oktober 1923 in Langensalza in Thüringen geboren wurde. In einem Kirmeswagen, ohne amtlichen Geburtsschein. Unter ihren Urkunden findet sich nur die Bescheinigung der Hebamme.

Vater verkaufte Hofund wurde Schausteller

Turbulent war es von Anfang an. Das waren damals vor mehr als 90 Jahren keine hochtechnisch ausgerüsteten Schaustellerfahrzeuge, wie wir sie heute von der Mendener Pfingstkirmes kennen. Das waren einfachste Bauwagen, mit denen Mutter Lina und Vater Bernhard durch die Lande rollten. Sie hatten mit Eisen beschlagene Räder, wurden gezogen von Pferden. Im Wagen-Inneren Bretter als Einfassungen für mit Stroh gefüllte Jutesäcke. Schlafstellen der Nostalgie.

Vater Bernhard, so sprudelt Else „Lola“ noch heute voller Lebensfreude los, „hat zu meiner Geburt sein Erbe verkauft, Haus und Hof versilbert, mit seinen Brüdern das Schaustellergeschäft Gebrüder Ackermann gegründet.“ Und das war nicht gekleckert: Dazu gehörten Pferdchen-Karussell mit Kutschen, Hau-den-Lukas, eine Schießbude und eine von den großen landesweit gerühmten Waldkirch-Orgeln mit dem vollen sonorigen Klang wie sie manches Jahr noch in Menden auf der Kirmes aufgespielt haben.

Sie erinnert sich noch, wie all die Kinder der Familien der Gebrüder Ackermann dann ausschwärmten mit einem Hut in der Hand und um Belohnung für das herrliche Musikereignis baten. Abends war der Tisch dann gefüllt mit vielen Stapeln Kleingeld. Vielleicht kommt von dieser rollenden Waldkirch-Orgel die spätere Liebe zur Drehorgel, mit der die Else dann als Lola so viele Menschen verzückt hat. Als das Geld in den 1920er Jahren immer knapper wurde, belohnten die Bauern die Schausteller auch mit Wurst und Speck. Lächelnd erinnert sich Else „Lola“ an ihren Vater: „Er war damals genau so verrückt wie ich heute.“

Es war eine heute kaum noch vorstellbare Zeit. Dieses Schaustellerleben kannte noch keine Werbung in Zeitung, Fernsehen oder Rundfunk. Wenn die Wagen über das Pflaster rumpelten, die Zelte aufgeschlagen waren, dann eilte die Bevölkerung herbei. Die Schaustellerkinder bastelten abends Blumen aus Krepppapier, arbeiteten einerseits für die Familie, genossen andererseits die große Freiheit, wie sie viele Kinder heute kaum noch erleben.

Für den Handstandgab es Butterbrote

Misstöne gab es in der Schule für die Ackermann-Kinder. Else „Lola“ war ein Jahr später als andere Kinder eingeschult worden. Schon bald merkte sie, wie es ist ein „Zigeuner“ zu sein. So nannte und fürchtete man damals die Kirmesleute. Viele der neuen Klassenkameraden durften nicht mit ihr reden, verboten von deren Eltern. Und schon da schlug diese ganz eigenartig trotzige Charakterhaltung des Fräulein Ackermann durch: „Wenn man Zigeuner ist wie wir, dann verträgt man eine ganze Menge“. Sie lachte dazu und trickste die andern Eltern aus: „Ich habe auf dem Schulhof Rad geschlagen und Handstand gemacht – danach haben mir die verblüfften Kinder ihre Butterbrote geschenkt.“ Und die Schulnoten haben später auch gestimmt. „Als ich 1938 aus der Schule in Langensalza entlassen wurde, hatte ich nur gute Zensuren.“

Über ihr Leben im Krieg ist nicht viel bekannt. Bei der „Thüringischen Zellwolle“ hat sie 1940 gearbeitet, begeisterte dort in der Betriebs-Tanzgruppe. In den letzten Kriegsjahren war sie nach eigener Aussage Leutnant bei der Luftwaffe. Nach dem Krieg heiratete sie in Thüringen, bekam fünf Kinder, flüchtete aus der DDR und aus dieser Ehe, über die sie nicht gern spricht, in den Westen und teilte damit das Schicksal vieler anderer. Die Gerüchte hatten sich verdichtet, dass eine Mauer gebaut werden sollte. „Keiner konnte sich vorstellen, wie das werden sollte, doch alle ahnten, wie schwierig danach ein Entkommen werden könnte.“

Mit fünf Kindernin den Westen geflohen

Am 3. März 1961 machte sich Else „Lola“ mit ihren fünf Kindern auf und davon, ließ alles und alle zurück, vor allem den Ehemann, nahm nur den Kinderwagen mit und landete im Lager Unna-Massen. In Iserlohn fand sie für einige Jahre eine neue Heimat, Arbeit und ein neues Lebensglück, einen Postbeamten. Als er starb, zog sie 1979/80 nach Lendringsen und baute am Bieberblick 12 mit der Gewoge. Und wieder zeigte sich, dass Else „Lola“ nicht unterzukriegen war: „In dieser Zeit hab ich mauern, fliesen und Platten legen gelernt.“ Aber sie nahm sich als Witwe auch eine Auszeit, gönnte ihrem unruhigen Leben endlich mal Pause. Zu Fuß marschierte sie in die Schweiz, übernachtete bei Bauern im Heu, schlug sich durch.

Warum sie nicht früher auf die Idee gekommen ist, einen Leierkasten zu kaufen, weiß sie selbst wohl nicht. Erst als sie 70 geworden war, schaffte sie sich im Süden Deutschlands für 8000 DM eine Drehorgel an, machte von da an ihren zweiten Namen „Lola“ zum Erkennungszeichen, setzte zur Freude vieler Kinder ein Stoffäffchen auf den Leierkasten und machte dann die Menschen im Ausland wie im Inland froh. Mehr als 30 Musikbänder mit Musik zu Weihnachten, für Kinder, zu Karneval und mit Märschen hat sie.

Schon 1994 für die Doppelspende gespielt

Sie war eine der ersten, die für die Aktion „Doppelspende“ der WP mit Unternehmer Ulrich Bettermann spielte und sammelte. 401,99 DM Kleingeld hat Lola Trzionka geborene Ackermann zur Weihnachtszeit 1994 in wenigen Stunden eingespielt, als sie sowohl im Vincenz-Krankenhaus als auch in der Mendener und später in der Iserlohner Innenstadt aus ihrem 80 kg schweren Musikgerät Wander- und Berliner-Luft-Melodien zauberte.

Ich habe den Weg dieser bemerkenswerten Frau über Jahrzehnte verfolgt. Haften geblieben sind mir ihre Lebensweisheiten wie „Nicht in der Vergangenheit leben, sondern jetzt“, oder „Für Depressionen habe ich keine Zeit“. Sie sieht sich selbst als Verrückte und scherzt darüber: „Verrückt sein ist schön“. Und es klingt nicht nur weise, es ist auch weise: „Wenn man so richtig zusammen lachen kann, geht man mit einem Lächeln weiter.“ Es gibt nicht wenige Lendringser, die sie auf der Straße schon gebeten haben: „Komm Lola, lach mit mir.“ Sie lacht auch über sich selbst: „Ich bin nicht schön. Aber ich lache gern.“ Und das steckt an. Es ist ein Lachen bis in die Augen.

Musik, auf Lochrollen gestanzt, hat die vergangenen 24 Jahre von Lola geprägt. Auch wenn sie heute den Leierkasten nicht mehr bedient, weil er ihr zu schwer geworden ist. Ihre Lieblingsmelodie über alle die Jahre hinweg ist bezeichnend: „Ich bete an die Macht der Liebe“.

Abends mit Orgel auf Strandpromenaden

Ich habe es als Ehre empfunden: Für mich hat sie im Alter von 90 Jahren noch einmal den Leierkasten bedient, noch mal den Zylinder aufgesetzt und gespielt, aber nur ganz kurz. Das ist vier Jahre her. Tochter Christa, eine HNO-Ärztin aus dem Ruhrgebiet, hatte gewarnt: „Das ist zu laut für deine Ohren“.

Diese „wilde Hummel“, wie sie sich selbst nennt, war zwischen ihrem 70. und 90. Lebensjahr mit der Drehorgel die Hälfte des Jahres mit ihrem Gespann, Auto und Hänger, in Deutschland und halb Europa unterwegs. Bilder bezeugen es, ob in den Alpen oder auf Norderney, im Weihnachtskostüm am Sandstrand. Große Augen bekamen die Angestellten einer Luftfahrtgesellschaft, als sie Lola und Drehorgel auf die kanarischen Inseln fliegen sollten. Eine solche Fracht hatten sie noch nie befördert. Lola durfte kostenlos mitfliegen. Die Strandpromenaden waren ihr Ziel, zur Freude vieler Besucher in warmer Abendluft.

Gnaden-Konfirmationin Lendringsen gefeiert

Pure Unvernunft? Ein Schuss zumindest. Sie war schon 89 Jahre alt, als sie mit ihrem 13 Meter langen Gespann für sechs Wochen gen Osten Richtung alte Heimat aufbrach. Sie wohnte auf Campingplätzen an der Unstrut, besuchte Gotha und die Schulen ihrer Kindheit. Jetzt, nach der Wiedervereinigung, konnte sie das wagen. In Schiedungen im Harz fand sie das Haus wieder, in dem sie gelebt hatte, und sie traf einen 96 Jahre alten Mann, der ihren Vater noch gekannt hatte. Viele berührende Eindrücke. Doch über diese letzte Fahrt mit Gespann und Drehorgel sollte ich damals nicht schreiben, weil ihr Arzt es nicht wissen sollte. „Der will, dass ich 100 werde“.

Die evangelische Kirche hat Lola eine Brücke gebaut in die alte Heimat. In der Bergkirche in Bad Langensalza feierte sie mit Mitschülern von damals ihre Goldkonfirmation. Das seltene Fest der Gnaden-Konfirmation (70 Jahre) konnte Lola nicht mehr in der alten Heimat begehen. Es gab dort niemanden mehr, mit dem sie dieses Fest hätte teilen können. Die Christus-Kirche in Lendringsen hat sie daraufhin eingeladen. Lola durfte ihre Gnadenkonfirmation mit den 20 Jahre jüngeren Gold-Konfirmanden der Lendringser Gemeinde feiern.

Es war und ist noch ein buntes und heiteres Leben, auf das Lola blicken kann. Ihre Lebensphilosophie muss nicht für jeden die richtige sein, wenn sie sagt: „Man muss das Risiko ein wenig lieben und nicht zu lange überlegen, sonst verpasst man das Beste“.

Ich lerne gern, auch von Lola: „Zufrieden mit dem sein, was man hat, das ist doch das wahre Glück.“

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