Mutmacher

Jüdin floh vor den Nazis: Mendenerin schreibt ihre Biografie

Die Mendenerin Martina Gruber (links) und Eva Perlman haben gemeinsam im Mai beim Marsch der Überlebenden die KZ-Gedenkstätte Ausschwitz besucht. Gruber hilft Perlman bei ihrer Biografie.

Die Mendenerin Martina Gruber (links) und Eva Perlman haben gemeinsam im Mai beim Marsch der Überlebenden die KZ-Gedenkstätte Ausschwitz besucht. Gruber hilft Perlman bei ihrer Biografie.

Foto: Martina Gruber / Privat

Menden/Los Angeles.  Als Kind floh die Jüdin Eva Perlman aus Deutschland. Ausgerechnet eine Deutsche schreibt jetzt ihre Lebensgeschichte auf. Wie Aussöhnung gelingt.

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Eva Perlman blickt auf ein bewegtes Leben. Im Herbst 1933 floh sie im Alter von 18 Monaten mit ihrer jüdischen Familie aus Berlin nach Frankreich. Dort entkamen ihre Eltern knapp den Nationalsozialisten und den Gräueltaten, die sechs Millionen Juden das Leben kosteten.

Die heute 87-Jährige sagt: „Meine Familie hat überlebt, aber alle unsere Freunde sind umgekommen.“ Über Paris, Oxford und Kampala führte Perlmans Weg Ende der Achtzigerjahre nach Kalifornien, wo sie bis heute lebt. Dort traf sie im Dezember 2014 zum ersten Mal auf die deutsche Autorin Martina Gruber. Die Mendenerin war knapp 30 Jahre zuvor in die USA ausgewandert, um dort zu studieren. Gruber interessierte sich schon länger für Einzelschicksale von Verfolgten und Nicht-Verfolgten während des Nazi-Regimes.

Aussöhnung schon länger beschäftigt

„Ich wurde immer wieder mit dem Thema der Judenversöhnung konfrontiert“, sagt die 57-Jährige. Sie wollte herausfinden, was zum Beispiel ihr Vater erlebt hat und begann, seine Biografie zu schreiben. „Viele von uns Deutschen haben ebenfalls gelitten“, sagt sie, „das wird gar nicht genug erwähnt. Viele haben auch Juden geholfen.“

Aber es gibt auch die andere Seite. „Jeder Deutsche trägt eine Geschichte in sich, die er nicht unbedingt preisgeben will“, sagt Gruber. Aus der heutigen Sicht zu sagen, dass man damals auf jeden Fall Widerstand gegen die Regierung geleistet hätte, sei nicht angemessen. „Es ist immer leicht, im Nachhinein große Worte zu spucken.“

Gruber will sich für die Versöhnung einsetzen zwischen jenen, die im „Dritten Reich“ (besser: unter dem NS-Regime) zu leiden hatten und solchen, deren Rolle nicht geklärt ist.

Erste Begegnung voller Wärme

„Ich habe alles Deutsche gehasst“, sagt Eva Perlman. In einem Schreibkurs in Kalifornien schrieb sie Kurzgeschichten aus ihrem Leben und wollte diese zu einem Buch zusammenfassen. Der Mann, der ihr dabei half, kam aber nicht so richtig weiter und stellte so über Grubers Lebensgefährten einen Kontakt her.

Nach einem Austausch per E-Mail stand die Mendenerin zum ersten Mal vor der Tür von Perlmans Apartment in Los Angeles. Gruber erinnert sich: „Eva strahlte vor Fröhlichkeit und Wärme.“ Scherzhaft habe diese gesagt: „Ausgerechnet eine Deutsche hilft mir bei meinem Buch.“ Eine Skepsis oder gar Misstrauen habe sich aber nicht entwickelt. Die 87-Jährige erzählt: „Ich hatte kein Problem mit Martina. Sie ist eine sehr nette Frau.“

Gemeinsam arbeiteten sie an der Biografie. Jeden Sonntag, so berichtet Gruber, hätten die beiden sich getroffen über einen Zeitraum von drei Jahren. Perlman erzählte von ihrem Leben, Gruber hingegen lernte die jüdische Kultur kennen.

Dabei erfuhr sie, dass die 87-Jährige bereits einige Male am Marsch der Überlebenden teilgenommen hatte. Bei dieser Gedenkveranstaltung laufen die Teilnehmer die drei Kilometer vom Konzentrationslager Auschwitz zum Vernichtungslager Birkenau. Die Botschaft: Was hier geschah, darf sich niemals wiederholen.

Besuch in der KZ-Gedenkstätte

„Ich wollte gemeinsam mit Eva durch das Tor aus Auschwitz hinaus gehen“, sagt Gruber. Tatsächlich trafen sich die beiden Anfang Mai in Polen und konnten den Weg zusammen mit den anderen über 10.000 Teilnehmern bestreiten.

Perlman reiste mit einer Gruppe Studenten aus den USA an. Sie erzählt vor Ort ihre persönliche Geschichte: „Das ist meine Aufgabe als Überlebende. Ich habe mich gefreut, dass Martina gekommen ist.“

Eva Perlman hat durch ihre Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen inzwischen mehrere Deutsche kennengelernt, die ihre Freunde geworden sind. Bei einer Reise nach Berlin vor vier Jahren hat sie zum ersten Mal wieder die Orte ihrer frühen Kindheit besucht.

Aussöhnung ist etwas, das im Kleinen passiert. Martina Gruber sagt: „Man kann nicht darauf warten, dass Politiker das tun.“

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