Abbruch-Immobilien

„Lost Places“ locken auch in Menden Besucher an

Ziel von Lost-Places-Filmern: Das Eckhhaus an der Gartenstraße/Nordwall.

Ziel von Lost-Places-Filmern: Das Eckhhaus an der Gartenstraße/Nordwall.

Foto: Frank Saul

Menden.   Abbruchreife Immobilien locken Filmer an. Die Videos von so genannten Lost Places boomen im Internet. Auch Menden ist Ziel der Filmer.

Die Häuser sehen wenig einladend aus, und doch ziehen sie immer wieder Besucher an. Es sind verlassene, oft abbruchreife Immobilien, die von Lost-Places-Filmern aufgesucht werden. Lost Places sind „vergessene Orte“ wie das Eckhaus Gartenstraße/Nordwall, das für den Bau des gescheiterten Nordwall-Centers abgerissen werden sollte. Jetzt sind Filme davon auf der Youtube-Plattform zu sehen. Legal sind diese Aufnahmen nicht, sagt die Polizei. Einige Beispiele:

Gartenstraße/Nordwall

Das Doppelhaus, das sich einst im Privatbesitz befand, wechselte im Zuge der Planungen für das Nordwall-Center den Besitzer. Zunächst gehörte es der Stadt, die zwischenzeitlich Asylbewerber darin untergebracht hatte. Heute gehört es dem gescheiterten Nordwall-Investor und verfällt zunehmend. Das einst schmucke Haus wird zum Schandfleck. Ein Dreirad liegt noch im Hof, im Inneren des Hauses sind einige Möbel zurückgelassen worden, an der Wand ein Kalender mit handschriftlichen Einträgen. Vieles wirkt heruntergekommen und abbruchreif. Es ist ein trostloses Bild, das sich dem Zuschauer hier bietet.

Altes Textilhaus

Im alten Textilhaus Dieler an der Unnaer Straße steht die Rolltreppe zwar still, aber Einkaufswagen, Kleiderständer und „Alles muss raus“-Schilder sind im Film zu sehen. Das Gebäude hat der Lost-Places-Filmer nach eigener Aussage besucht, als sich jemand anderes (mit Schlüssel) im Inneren befand. Als er erwischt wurde, habe er sich mit einer Ausrede verdrückt.

Gartenstraße

Wie der Filmer ins Haus gelangt, ist selten zu sehen. Oft wird die verschlossene Haus- oder Kellertür gezeigt, gefolgt von der nächsten Sequenz, bei der sich der Filmer im Inneren des Hauses befindet. Das ist auch bei einem weiteren Haus an der Gartenstraße der Fall, das seit Jahren leer steht. Erst ist die verschlossene Kellertür zu sehen, anschließend eine Aufnahme aus dem Inneren des Hauses.

Parkhaus

Das mittlerweile abgerissene Parkhaus Nordwall war nicht nur Ziel von Jugendlichen, die dort mit Soft­air-Pistolen hantierten, sondern auch von Filmern. Auf einem Youtube-Video wird eigens der 2010 von der Stadt ausgehängte Hinweis auf die Gefahr, die für Besucher aufgrund fehlender Standsicherheit des Gebäudes ausgeht, gefilmt. Das hat den Lost-Places-Filmer allerdings nicht von einem ausgedehnten Rundgang abgehalten.

„Im Loch“

Das Hotel/Restaurant „Im Loch“ an der Stiftstraße ist seit vielen Jahren geschlossen. Komplett ausgeräumt wurde es offenkundig nie. Denn im Inneren sind sogar noch alte Rechnungen zu sehen, die vor der Kameralinse landen. Die Wände sind übersät mit Farb-Schmierereien, Keramik ist zerschlagen, Wände eingebrochen. Vor Jahren löschte die Feuerwehr hier einen Brand, als das Haus schon leer stand.

Die Polizei

Bauzäune und Türen stoppen Filmer von Lost Places nicht. Sind die Filmaufnahmen im Inneren überhaupt erlaubt? „Selbst wenn die Besitzansprüche nicht geklärt sind, ist das rein rechtlich Hausfriedensbruch“, erklärt Dietmar Boronowski, Sprecher der Kreispolizeibehörde.

Je nachdem, was ein Filmer macht, könnten Delikte wie Einbruch oder Sachbeschädigung hinzukommen. Was dem Polizeisprecher aber mindestens ebenso wichtig ist: „Wer Lost Places filmt, geht oft eine Eigengefährdung ein.“ Das gelte umso mehr, wenn der „Entdecker“ alleine unterwegs sei: „Da gibt es ein hohes Gefahrenpotenzial.“ Verunglücke der Filmer, ahne niemand, dass er verletzt und hilflos in einem abbruchreifen Haus liege.

In früheren Generationen habe es natürlich auch „Dumme-Jungen-Streiche“ gegeben, sagt Dietmar Boronowski. „Aber da hat ja keiner den Fotoapparat mitgenommen.“ Aufgrund der sozialen Medien habe jeder die Möglichkeit, seine Filmchen zu veröffentlichen. Zudem sorge der Broken-Window-Effekt dafür, dass leer stehende Gebäude schnell verfallen: „Erst ist nur ein Fenster kaputt, dann kommt ein zweites dazu, und die Zerstörung geht immer weiter.“

Die Stadt

Auch die Stadt hat als Eigentümerin von Gebäuden schon Besuch von Lost-Places-Filmern bekommen, etwa am einstigen Parkhaus Nordwall. „Wir überlegen in solchen Fällen, ob wir Anzeige gegen Unbekannt wegen Hausfriedensbruchs stellen“, sagt Stadtsprecher Johannes Ehrlich.

Verfallen Privatgebäude, habe die Stadt aber keine Handhabe. Anders sehe es aus, wenn die Verkehrssicherungspflicht verletzt würde, weil beispielsweise Fußgänger durch herabfallende Platten gefährdet werden könnten. „Interessant wäre sicher, wenn Lost-Places-Filmer an der Fischkuhle unterwegs wären“, sagt Johannes Ehrlich mit einem Augenzwinkern. Denn dort trainiert derzeit in einem leerstehenden städtischen Gebäude ein Spezialeinsatzkommando der Polizei.

>> VERGESSENE ORTE

Als Lost Places („vergessene Orte“) werden Bauruinen oder andere Immobilien, die in Vergessenheit geraten sind, bezeichnet. Menschen, die diese Lost Places mit der Filmkamera besuchen und ihre Eindrücke veröffentlichen, bemühen sich in der Regel, die Ort genauso zu verlassen wie sie sie vorgefunden haben.

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