So war es früher

„Menden um 1620“ war Menden der Hexenverfolgung

Die Zeichnung „Menden um 1620“ war sogar auf Pralinenschachteln abgebildet.

Die Zeichnung „Menden um 1620“ war sogar auf Pralinenschachteln abgebildet.

Foto: WP

Als die Zeichnung „Menden um 1620“ entstand, war bereits die Inquisition in vollem Gange. Von 1592 bis ins Jahr 1631 wurden in Menden Hexen verfolgt.

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Menden. Zweifellos eine idealisierte Darstellung der Stadt, aber eine, die sich bis heute gehalten und zigfache Vervielfältigung erfahren hat. „Menden um 1620“. Diese Zeichnung von Karl-Heinz Rickert im Stile Merians (1593-1650, Kupferstecher) entstand im Januar 1957, zeigt die große Zahl von Stadttürmen samt Befestigungsmauer und löst Bedauern aus, dass es davon heute nur noch drei erhaltene Türme und ein Stückchen Mauer gibt. Entstanden ist die zeichnerische Rekonstruktion im Auftrag des Heimatmuseums unter fachlicher Betreuung von Museumsleiter Wilhelm Dortmann (1879-1962). Das Original ging später in das Eigentum des Mendener Museums über, während das Museum für Kunst- und Kulturgeschichte (Münster), das Heimatmuseum in Arnsberg, das Haus der Heimat in Iserlohn und das Hellweg-Museum in Unna Abzüge erwarben.

Aufhorchen auchauf Landesebene

Die Verbreitung der Rickertschen Zeichnung war grandios: Die Stadt Menden vergab die Zeichnung als offizielle Gratulationsgeschenke. Abzüge gingen an Schulen und private Sammler und zierten, so Museumsleitern Jutta Törnig-Stuck (Jahrgang 1963), lange Jahre auch die Pralinenschachteln von Café Rössler. Höhepunkt war zweifellos die Aufnahme der Zeichnung als geschichtlicher Beitrag für den Westfälischen Heimatkalender.

In den späten 1950er Jahren interessierte man sich auch auf Landesebene für die Rekonstruktion. In einem Pressebericht vom Dezember 1959 tauchen Namen von Türmen der Stadt „Menden um 1620“ auf, die es zwar gegeben hat, die aber teils in Vergessenheit geraten sind. Anspruch auf geschichtliche Genauigkeit von Lage und Ansicht kann das Rickert-Werk nur vage erheben, wohl aber weckt es die Phantasie mit der Gewissheit, dass Menden als „kurkölnische Grenzfeste“ mit den Rickertschen Türmen, Mauern und der Kirche mal genau so ausgesehen haben könnte. Der gebürtige Schwittener Karl-Heinz Rickert (1926-1998) war Lehrer: von 1948-1952 unterrichtete er an der Westschule, von 1952-1971 an der Bonifatiusschule, von 1971-1979 war er Konrektor an der Hindenburgschule und von 1979-1985 Rektor der Josefschule Menden. Der engagierte Pädagoge und Künstler brachte 1967 seinen ersten Skizzenband mit 67 Zeichnungen typisch Mendener Objekte heraus. Weitere folgten. Sein Sohn Dr. Michael Rickert stiftete 2008 die Werke seines Vaters dem Mendener Museum.

Von „Ueding-Turm“und „Schmale Turm“

Bei „Menden um 1620“ handelt es sich um eine „nördliche Ansicht der Stadt“. Zumindest von der Außendarstellung kann sich „Menden um 1620“ sicher mit dem Touristen-Kleinod Rothenburg ob der Tauber messen. Die Chronisten, die vor fast 60 Jahren diese Rickert-Zeichnung vorstellten, griffen auf eine glaubwürdige Quelle zurück, auf Studienrat i.R. Wilhelm Dortmann, Mendens Museumsleiter von 1930 bis 1959. Danach formulierten Chronisten folgende Beschreibung der Stadtansicht mit für heute teils überraschenden Namen:

Im Vordergrund die von zwei Türmen flankierte „Niederste Porte“, rechts davon der „Ueding-Turm“, links der „Schmale Turm“. Zu beiden Seiten dieser Türme links der „Graue Turm“ und rechts der „Pönige-Turm“. Den Anschluss bilden links der „Kumpe-Turm“, außerhalb der Stadtmauer, aber innerhalb des Walles und des Grabens das Schloss mit dem Rentschreiberturm. Links vom Schloss die „Porte an der Mühle“ mit ihren zwei Türmen. Von rechts nach links schließen sich an der „Turm Menkenwacht“, der „Filler Turm“ und der „Pulver-Turm“. Dann links anschließend die durch zwei Türme geschützte „Obriste Porte“, der „Trumpe-Turm“ und (im Bild durch St. Vincenz verdeckt) der „Wiedenhofs-Turm“. Links neben der Kirche in der Bergstraße der „Teufelsturm“.

Hexenprozess-Opfer2011 rehabilitiert

Zugegeben, eine etwas verwirrende Beschreibung der Chronisten, doch eine faszinierende, was die Namen der Türme angeht. Kaum jemand dürfte je vom „Trumpe-Turm“ oder vom „Wiedenhofs-Turm“ gehört haben. Geschichte in grauer Vorzeit.

„Menden um 1620“, das war auch das Menden der Hexenverfolgung (1592-1631), die in Menden zahlreichen Personen den Tod brachte. Dorte Hillecke, nach der die Stadtbücherei benannt ist, trotzte 1631 in einem Hexenprozess der Folter. Ob sie dennoch hingerichtet wurde, ist unbekannt. Der Rat der Stadt Menden hat am 14. Dezember 2011 beschlossen, die in Menden verurteilten Opfer der Hexenprozesse zu rehabilitieren.

Um das „Menden um 1620“ noch weiter in die Geschehnisse jener Zeit einzubinden: 1637 hat ein erster Brand die Stadt zerstört, Kirchturm, Schule und Rathaus und viele Wohnhäuser waren betroffen. Das Archiv der Stadt ging 1652 bei einem weiteren Brand verloren, als bis auf zehn Häuser alle in Schutt und Asche versanken.

Nur ein Stückchenalte Stadtmauer

Drei von ehemals 12 Türmen stehen noch. „Von Türmen, Mauern und alten Mendenern“ hat Heimatforscher Heinz Hammerschmidt (1922-2015) sein von der Stadt Menden herausgegebenes Heftchen überschrieben, das als „Historischer Spaziergang durch Alt Menden“ Besuchern und Einheimischen einen Einblick in Mendens ferne Vergangenheit gibt.

Es gibt noch ein winziges Stückchen alte Stadtmauer mit einer Schlitz-Schießscharte, zu entdecken an der gleichnamigen Straße zwischen zwei Häusern. Der einzig sichtbare Rest nach der Zerstörung der Stadtmauer durch die Grafen von Arnsberg und die Grafen von der Mark im Jahr 1344. Ein Auszug daraus: „Der größte Teil der Stadtmauer verschwindet für das Auge als Außen- oder Innenmauer sowie in den Kellern angrenzender Häuser. Die Häuser können erst nach 1780 entstanden sein, da es noch von 1750 bis 1780 – regional vielleicht abweichend – verboten war, in oder an Befestigungsanlagen Privathäuser zu errichten.

Woher Hammerschmidt weiß, wo sich Mauerreste befinden? Weil er in die Keller der Häuser gekrochen ist und sie dort entdeckt hat.

Dorte Hillecke Folterwohl im Poenige-Turm

Er berichtete auf seinem Stadtrundgang von den historischen Punkten Alt Mendens, auch von den drei noch stehenden Stadttürmen Poenige-Turm an der Turmstraße, Rentschreiberturm an der Bahnhofstraße und Teufelsturm (An der Stadtmauer).

Punkt 16 seines Spaziergangs verrät Erstaunliches und lässt erneut die Frage aufkommen, warum Menden erlaubt hat, das „Schloss“ abzureißen. Hammerschmidt schreibt: „Wir stehen am so genannten Rentschreiber-Turm mit seinen Fundamenten aus dem 14. Jahrhundert. Hinter ihm der achteckige Treppenturm aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts (etwa 1575). Es sind die Reste der einst so mächtigen Burg-Schloss-Anlage mit integriertem Amtshaus der Erzbischöfe von Köln. Also von militärischer und verwaltungsmäßig hoher Bedeutung.“ Das Schloss wurde 1979 abgerissen, der Turm „gerettet“.

Der Poenige-Turm an der Turmstraße stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist 2,50 Meter höher als alle anderen Stadttürme. Galt als „Verhör-Turm für peinliche Befragungen“ (Folter) und Aufenthaltsort für Delinquenten. Hier wurde wohl auch Dorte Hillecke gefoltert. Die Mendener Stiftung Denkmal und Kultur hat die Sanierung des Turmes innen wie außen übernommen und eine Treppenanlage mit Podesten auf zwei Ebenen errichtet. Übergabe war am 19. Juli 2011. Der Turm ist nun wieder begehbar. Vorher hieß es in Beschreibungen nur: „Der mittelalterliche Wehrturm zwischen Neuem Rathaus und Westwall am Ende der Turmstraße beherbergte schon seit langem nur noch eine Schar Dohlen“.

Name „Duivels-Turm“wegen der Hexen

Dritter noch verbliebener Stadtturm ist der Teufelsturm. Auch er stammt aus dem 14. Jahrhundert und war früher der Scharfrichterturm. Seinen heutigen Namen soll er erst in der Zeit der Hexenverfolgung erhalten haben: „Duivels- oder Düfelsturm“. In ihm wurden die der Hexerei angeklagten Frauen und Männer eingekerkert. 1978 übernahm die Mendener Karnevalsgesellschaft „Kornblumenblau“ das Gebäude und machte daraus das „Heim der Westfälischen Fastnacht“.

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