Werkstatt

Mendener Geigenbauer schafft Kunstwerke auf 26 Quadratmetern

Der Geigenbauer Stephan Hartl in seiner Werkstatt in Menden. Das Geschäft hat er seit 2002. Dort baut er neue Instrumente, ansonsten repariert und restauriert er auch Geigen und Bratschen.

Der Geigenbauer Stephan Hartl in seiner Werkstatt in Menden. Das Geschäft hat er seit 2002. Dort baut er neue Instrumente, ansonsten repariert und restauriert er auch Geigen und Bratschen.

Foto: Stefan Meinhardt

Menden.   Der Mendener Stephan Hartl baut Geigen am Westwall. Ein Gespräch über die Kunst, Preise in Millionenhöhe und Instrumente aus Käsebrettern.

Nur 26 Quadratmeter misst die Werkstatt von Geigenbauer Stephan Hartl am Westwall. Innen drin ist sie vollgestopft mit Werkzeugen und teilweise halb fertigen Streichinstrumenten. Der Boden ist übersät mit Holzspänen, aus dem kleinen Radio klingt klassische Musik. „Ich möchte hier demnächst mal etwas ausmisten“, sagt der Inhaber lächelnd.

Der 48-Jährige stammt aus dem Schwarzwald. Im Alter von vier Jahren zog er mit seinen Eltern nach Menden. Seit 2002 hat er ein eigenes Geschäft in der Stadt. Zunächst erschuf, reparierte und restaurierte er Streichinstrumente in einer Werkstatt in der benachbarten Pastor-Quade-Straße, vor neun Jahren zog Hartl um: „In meiner alten Werkstatt war wohl früher mal ein HNO-Arzt. Kunden haben oft gesagt, dass sie schlimme Erinnerungen an den Raum hätten.“

Stephan Hartl baut und repariert Geigen

Bei neuen Instrumenten gibt es drei verschiedene Herangehensweisen: Günstigere Kinderinstrumente lässt sich der Geigenbauer liefern und kümmert sich dann um die individuelle Einstellung wie zum Beispiel die Saitenlage. Ein anderer Weg ist, sich unlackierte Teile liefern zu lassen, die der Meister bearbeitet und zusammensetzt.

Zusätzlich baut Hartl auch Streichinstrumente von Grund auf – mit Hobel und Stecheisen aus massivem Holz. Mindestens zwei komplett neue Instrumente im Jahr möchte der Geigenbauer schaffen, sagt aber: „Dafür muss man in der Stimmung sein.“ Ein Musikinstrument sei ein Werkzeug für die Kunstausübung. „Es ist schön zu merken, dass jemand mit seiner Geige glücklich ist“, sagt Hartl. „Es gibt eine Beziehung zwischen Musiker und Instrument.“

Musiklehrer kassieren Provisionen

Das Geschäft mit den Geigen ist enorm. Am Verkauf der Instrumente würden mehrere Personen mitverdienen. Musiklehrer, die ihren Schülern eine Geige oder Bratsche empfehlen, kassieren oft eine Provision von den Händlern. Auch andere berichten im Netz von solch einem Gebaren. „Diese Praxis hat bei Streichinstrumenten eine gewisse Tradition“, sagt Hartl.

Auch ihn hätten bereits Lehrer auf eine Provision angesprochen. „Das habe ich nie mitgemacht.“ Die Provision werde letztlich auf den Kaufpreis aufgeschlagen, was für Hartl nicht vertretbar sei. „Ich kann mich nicht hinstellen und sagen ,Nehmen Sie eine Hypothek auf Ihr Haus auf, damit Ihr Sohn diese Bratsche spielen kann.’ Dafür habe ich zu viel Skrupel.“

Instrumente im Wert von ein paar Millionen Mark

Generell sei insbesondere der Handel mit Streichinstrumenten ein sehr wertvoller Markt. „Während meiner Gesellenzeit in Hannover hatte ich teilweise Instrumente im Wert von ein paar Millionen Mark auf dem Tisch. Man verliert dabei ein wenig den Blick für die Wirklichkeit.“ Einmal habe jemand eine Geige in „zahnstochergroßen“ Stücken zur Reparatur vorbeigebracht. „Das war damals wie Sport“, erinnert sich Hartl lachend, „je kaputter, desto besser.“

Eines der ältesten Streichinstrumente, die Hartl bearbeitet hat, war eine Bratsche von 1592 mit einem Wappen der italienischen Herrscherdynastie Medici. „Das beflügelt die Fantasie unheimlich. Sie überlegen, was das Instrument alles gekannt hat.“ Geigen würde jahrhundertelang weitergegeben und immer wieder angepasst. „Wenn meine Instrumente sowas mal erzählen können, das wäre schon toll.“

Vom Käsebrett zur Geige

Für einen Instrumentenbauer sei es wichtig, sich mit Holz auszukennen. Hartl mag es, mit dem Material zu experimentieren. „Ich habe schon Sachen verbaut, die andere verheizt hätten“, sagt der 48-Jährige und erzählt von einem hölzernen Käsebrett, aus dem er ein Instrument gebaut hat, einfach „um zu sehen, ob es geht“.

Wer sich mit Stephan Hartl unterhält, bemerkt schnell seine Faszination für vermeintlich veraltete Technik. Er fährt eine alte Ente, eine E-Mailadresse sucht man auf der Internetseite seines Ladens vergebens. „Wer etwas wissen möchte, kann mich gerne anrufen“, sagt Hartl. Auf der Arbeitsplatte steht ein schwarzes Wählscheibentelefon.

Lehre bei Geigenbaumeister Helmut Laue in Arnsberg

Die Begeisterung für Streichin­strumente kam bei ihm als Teenager. Seine Lehre machte er beim Geigenbaumeister Helmut Laue in Arnsberg. „Eigentlich wollte er in den Ruhestand gehen und keine Lehrlinge mehr annehmen“, erinnert sich Hartl. Als er Laue erzählt habe, dass er Musikwissenschaften studieren wolle, sei der Widerstand dahin gewesen. „,Um Gottes Willen, dann komm lieber zu mir, aber danach bist du weg und siehst was von der Welt!’ hat er zu mir gesagt.“

Das persönliche Verhältnis zu seinen Kunden sei dem alleinerziehender Vater von zwei Söhnen wichtig. Laien seien manchmal einfachere Kunden als Berufsmusiker. „Ich bin nicht böse, dass nicht immer die Solisten mit der teuren Stradivari im Laden stehen.“

Was passiert mit der Werkstatt, wenn Hartl mal in den Ruhestand geht? „Dann wird das hier raus geschafft und das war’s. Ich muss nicht das Geigenbaudenkmal Mendens werden. Ich habe meine Instrumente geschaffen.“

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