Horror-Unfall

„Schützenzug-Unglück hat uns enger zusammengeschweißt“

Mit seinem schwarzen Mercedes A-Klasse (links im Bild) raste ein Rentner am 19. Juli 2009 in den Festzug der St.-Hubertus-Schützenbruderschaft.

Mit seinem schwarzen Mercedes A-Klasse (links im Bild) raste ein Rentner am 19. Juli 2009 in den Festzug der St.-Hubertus-Schützenbruderschaft.

Foto: DINSLAGE, Martina / WP

Menden.  Durch die Horror-Fahrt eines Rentners endet 2009 das Fest der Mendener Hubertus-Schützen tragisch. Wie geht der Verein am 10. Jahrestag damit um?

Vor zehn Jahren, am Nachmittag des 19. Juli 2009, ist ein Rentner mit seinem Mercedes in den Festzug der Schützenbruderschaft St. Hubertus Menden-Nord gerast. Drei Familienväter starben, Dutzende Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Der zehnte Jahrestag des Unglücks fällt zusammen mit dem Beginn des Schützenfestes, das der Traditionsverein immer am dritten Wochenende im Juli feiert. Wie geht der Verein mit dem besonderen Datum um? Die Westfalenpost hat darüber mit Walter Wölfl (50), Leiter des Offizierskorps und Vorstandsmitglied, gesprochen.

Welche Rolle spielt der Jahrestag beim diesjährigen Schützenfest von St. Hubertus?

Walter Wölfl Gar keine. Wir haben lange im Vorstand darüber gesprochen und bewusst die Entscheidung getroffen, nichts zum Jahrestag zu machen. Die Narben sind allmählich etwas mehr verheilt, aber es ist klar, dass keiner das Ereignis vergessen wird. Das Schützenzug-Unglück gehört zu Hubertus. Genau deshalb brauchen wir das nicht wie einen Tabernakel vor uns herzutragen.

Welche Alternative hätte es aus Sicht des Vereins gegeben?

Wenn wir einen Gedenkmoment geplant hätten, dann hätten wir den ja am Ort des Unglücks abhalten müssen. Das hätte geheißen, dass die Straße hätte gesperrt werden müssen. Es ist ohnehin so, dass 90 Prozent unserer Schützen bei einem hinter uns aufheulenden Automotor zusammenzucken. Ich bin bei jedem Schützenfest froh, wenn wir mit dem Festzug vom Schwitter Weg weg sind und in die Stiftstraße einbiegen.

Ist der 19. Juli 2009 noch oft Thema im Verein?

Natürlich ist das nicht immer einfach. Der 19. Juli 2009 ist ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden. Aber ich plädiere immer dafür, die beiden Seiten der Medaille zu sehen. Auf der einen Seiten ist der fürchterliche Unfall, aber auf der anderen Seite sind Freundschaften entstanden – zum Beispiel mit Schützen aus Landsberg. Die haben sich damals gemeldet und haben eine Spendenaktion gestartet. Daraus ist eine enge Freundschaft entstanden. Und als Schützenfamilie hat uns das Ereignis noch enger zusammengeschweißt. Wir sind gestärkt aus dem Jahr hervorgegangen. Dafür haben auch Frank Westhoff, Martin Kinz und Rüdiger Morena gesorgt, die damals als Bruderschafts-Vorstand alles in die richtigen Bahnen gelenkt haben.

Gab es Menschen, die sich vom Verein abgewendet haben, weil sie das Schützenzug-Unglück mit dem Verein verbinden?

Ganz wenige. Im Gegenteil: Nach dem Unglück sind einige bewusst bei uns Mitglied geworden.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich in Sachen Sicherheitsvorschriften viel verändert. Wäre ein Unglück wie damals heute damit zu verhindern?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Natürlich ist Sicherheit wichtig, aber das Thema ist zu einem absoluten Verwaltungswahnsinn geworden. Wir müssen so viele Auflagen erfüllen, die uns die Stadt vorgibt. Als Verein kostet uns das jedes Jahr 1000 Euro. Wir haben einen Sicherheitsdienst engagiert, der uns während des Schützenfestes unterstützt. Damit sichern sich Menschen ab, damit sie im Fall eines Unglücks nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Absolute Sicherheit gibt es nirgendwo im Leben – ob man zum Schützenfest geht, zum Karneval, auf einen Weihnachtsmarkt oder zum Mendener Sommer.

Am Unglücksort hat die Schützenbruderschaft eine Gedenkstätte errichtet, die immer sehr gepflegt ist. Wer kümmert sich darum?

Das macht seit zehn Jahren Mechthild Bongard, ihr Mann und drei Söhne sind aktive Offiziere bei uns. Sie ist mittlerweile 80 Jahre alt und macht dort jeden Tag sauber, zündet eine Kerze an, pflegt die Blumen. Lange Zeit hat sie das zusammen mit einem älteren Offizier aus dem Verein getan, der aber mittlerweile verstorben ist.

Sie und Ihre Familie sind beim Unglück damals auch verletzt worden. Ihr Stiefsohn Marcel schwebte in Lebensgefahr. Der 19. Juli 2009 hat Marcels Leben nachhaltig verändert. Wie denken Sie heute über den Fahrer?

Ich habe am 20./21. Juli 2009 mit ihm abgeschlossen. Das liegt daran, dass ich ein Mensch bin, der nach vorne schaut. Es war damals eine Verkettung von unglücklichen Umständen eines jähzornigen alten Mannes. Ich glaube, dass sein Leben und das seiner Familie an dem Tag zerbrochen ist. Er hat einen Fehler gemacht – und es macht keinen Sinn, Energie auf die Frage nach dem Warum zu verschwenden. Diese Energie kann man besser dafür einsetzen, zu schauen, was in der Zukunft veränderbar ist.

Sie haben sich über all die Jahre Ihren Optimismus bewahrt.

Wir hätten uns zehn Jahre in unserem Schicksal suhlen können. Aber das bringt nichts. Mir wird ohnehin zuviel gejammert. Wir leben doch auf der Sonnenseite des Lebens. Mit all den Ecken und Kanten, die das Leben nun mal manchmal hat. Natürlich lebt Marcel heute ein anderes Leben als das, was er ohne das Unglück leben würde. Aber er lebt und kann sein Leben mit seinen Möglichkeiten gestalten. Dieses Glück haben viele andere Menschen nicht.

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