Prävention

Youtuber „$ick“ in Menden: Vom Junkie zum Grimme-Preisträger

Youtuber „$ick“ im TAZ: Der in Berlin lebende Autor erzählt aus seinem Leben mit Drogensucht, Kriminalität und Knast. Die Holzkonstruktion ist die Nachbildung eines Enterhakens, mit dem er aus dem Knast geflohen ist.

Youtuber „$ick“ im TAZ: Der in Berlin lebende Autor erzählt aus seinem Leben mit Drogensucht, Kriminalität und Knast. Die Holzkonstruktion ist die Nachbildung eines Enterhakens, mit dem er aus dem Knast geflohen ist.

Foto: Tobias Schürmann

Menden.   Er erzählt Mendener Schülern aus seinem Leben voller Drogen, Kriminalität und Gewalt. Das schreckt ab und fasziniert gleichermaßen.

„Für euch heiße ich heute André“, sagt der Youtuber „$ick“ gleich zu Beginn seines Programms. Er präsentiert sein Leben auf der Bühne. Legt alles offen. Schonungslos und ehrlich. Youtuber „$ick“ ist sozusagen der Stargast der Mendener Suchtwoche. Im TAZ erzählt er Schülern der weiterführenden Schulen aus seiner Vergangenheit. Drogen, Kriminalität, Knast – es schreckt ab, aber fasziniert gleichermaßen.

„Kifft einer von euch schon regelmäßig?“, fragt der 46-Jährige sein Publikum. Gelächter. Eine ehrliche Antwort habe er ohnehin nicht erwartet. „Sind ja auch Lehrer da.“ Die Lebensgeschichte kennt eine Handvoll Schüler bereits aus dem Internet. In 380 kurzen Clips spricht der 1973 geborene Youtuber über seine „Karriere“. Mit 13 zieht er von Sindelfingen nach Hannover, der neue Lebensgefährte seiner Mutter sagt ihm, dass er unerwünscht sei. Schnell gerät er auf die schiefe Bahn, kifft bald täglich. Das hat, sagt André, die Situation erträglicher gemacht. THC, ein psychoaktiver Wirkstoff von Cannabis, filtere Emotionen sehr gut. Auf einer Party im Jugendzentrum gibt’s das erste Blech Shore, ein Szenebegriff für Heroin. Mit 15 ist André abhängig, mit 18 schmeißt ihn der alkoholabhängige Stiefvater raus.

Als Junkie ein Kind großziehen

Was folgt, sind Geschichten aus einem Leben, das 25 Jahre lang Sucht und Kriminalität widerspiegelt. Gespannt folgen die Schüler den

Erzählungen. „Das Gefühl, das das Opiat mit sich bringt, ist unschlagbar. Es ist wie ein warmer Mantel, wenn draußen minus 20 Grad herrschen.“ Ja, Drogen machen Spaß, sagt André; bis der Spaß eben vorbei ist. Und der ist vorbei, als er mit 19 Jahren das erste Mal in den Knast muss. Entlassung, Rückfall, Entgiftung, Diebstähle, Einbrüche, Verhaftung, Knast – das Leben des heute 46-Jährigen dreht sich im Kreis. „Der Tag beginnt und endet mit einer Straftat“ – das ist sein Motto. Erst kurz vor seinem 30. Geburtstag überdenkt „$ick“ (zu deutsch: krank) sein Leben. Zu diesem Zeitpunkt dealt er, wie er selbst sagt, mit „30 bis 40 Kilogramm Gras“ pro Woche in und um Osnabrück. So wie er das Geld verdient, gibt er es auch wieder aus: mit vollen Händen.

2003 kommt seine Tochter zur Welt. „Ich hab’ mich total überfordert gefühlt“, sagt er. Wie er als Junkie ein Kind großziehen soll, ist ihm schleierhaft. Erst da beginnt sein persönlicher Kampf gegen statt für die Drogen. „Clean werden, ist nicht schwer. Es zu bleiben allerdings schon“, so der 46-Jährige. Sein Youtube-Format ist der Rettungsanker, sich mit seinen Emotionen auseinanderzusetzen. Das laute Aussprechen, sagt er, hat geholfen. „Drogenkonsum ist eine emotionale Sache“, erklärt er den Schülern. Und dass seine Art der Aufklärung bei jüngeren Leuten ankommt, liegt nicht nur am Erfolg in den Sozialen Medien, auf Youtube oder seiner Biografie „Shore, Stein, Papier“. Es ist die knallharte Lebensgeschichte, das Plastische, das teilweise Unvorstellbare.

Das macht auch die rund einstündige Fragerunde deutlich. Wie lange bist du clean? Macht kiffen dumm? Hast du die Befürchtung, dass deine Tochter auch Drogen nimmt? Hast du auch Raubüberfälle gemacht? Was ist das beste Drogenversteck im Gefängnis? Was verdient man mit Youtube? „$ick“ nimmt sich die Zeit. Antwortet auf alle Fragen, redet offen

und direkt, ohne Umschweife. Es ist kein trockener Vortrag, sondern eine Art, mit der sich die Schüler identifizieren können. Die Prävention werde immer wichtiger, erklärt er. Nicht zuletzt dafür ist der 46-Jährige bereits mit dem Grimme-Online-Preis ausgezeichnet worden. Manche, das sei ihm selbst bewusst, sähen sein Programm kritisch.

Ein ganz normales Leben

Dass er früher nicht mit seinen Emotionen umgehen konnte und sich noch immer mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, macht eine Frage der Schüler deutlich, die „$ick“ auf dem falschen Fuß zu erwischen scheint. Ein Freund, von dem er mit 13 Jahren regelmäßig Heroin bekam, ist als 17-Jähriger an einer Überdosis gestorben. Ob ihn der Tod betroffen gemacht habe, will eine Schülerin wissen. „$icks“ Stimme stockt kurz. „Ich hab’ es ignoriert und lieber geraucht. Früher war es mir egal, heute schäme ich mich dafür“, sagt er. Aber genau dort setzt er an. „Mein größter Ratschlag für euch ist: Achtet auf eure Emotionen und sprecht darüber.“ Man müsse bei Problemen nur das richtige Ohr finden; jemanden, der die Dinge hinterfragt, statt Ansagen zu machen.

Heute, nach rund sieben Jahren ohne Sucht, hat „$ick“ ganz normale Wünsche und Träume. „Ich bin mittlerweile im normalen Leben angekommen“, sagt der 46-Jährige. Er sei fast schon spießig veranlagt. Ein Garten und morgens um 7 die Blumen gießen, statt zugedröhnt am Bahnhof zu liegen.

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