Bestwig und die Bahn

Bestwig: Wie sich die Zeiten bei der Bahn geändert haben

Michael Gerhards (links) im Kreise seiner Kollegen, mit denen er in den 70er-Jahren  seine Ausbildung zum Lokführer absolvierte.

Michael Gerhards (links) im Kreise seiner Kollegen, mit denen er in den 70er-Jahren seine Ausbildung zum Lokführer absolvierte.

Foto: Privat

Berlar.   Michael Gerhards ist noch ein Lokführer vom alten Schlag. Er vermisst die Eisenbahnerfamilie von einst. Es hat sich viel verändert bei der Bahn.

Michael Gerhards ist noch einer der Lokführer vom alten Schlag: Seit 1974 arbeitet er bei der Bahn. Seitdem hat sich eine ganze Menge verändert - aus Lokomotiven wurden Triebwagen, aus der Deutschen Bundesbahn wurde die Deutsche Bahn mit unzähligen Tochterunternehmen und das Bahnbetriebswerk, mit seinem Lokschuppen, ist inzwischen Geschichte. Gerhards hat all diese Entwicklungen mitgemacht.

„Es war früher nicht unbedingt alles besser - aber es war anders“, sagt der 62-Jährige. Schade sei aber vor allem, dass es die Eisenbahnerfamilie von einst nicht mehr gebe. Damals sei es für viele eine Berufung gewesen, wenn sie zur Bahn gegangen sind. „Heute ist es für viele einfach nur noch ein Job“, weiß Gerhards. Er vermisse ein wenig die Menschlichkeit und den Zusammenhalt von früher.

Noch genau erinnert sich Michael Gerhards an seine Ausbildung zurück. Die dauerte damals drei Jahre und begann - im Gegensatz zu heute - mit einem halben Jahr in der Werkstatt. „Wir haben gelernt, wie man Lokomotiven repariert und haben fünf Meter lange Stromlaufpläne ausgemalt“, sagt der Berlarer.

„Es musste schon weiß Gott was passiert sein, damit mal ein Zug ausfiel oder stehen blieb.“ Himmel und Hölle habe man in Bewegung gesetzt, damit es irgendwie weitergehe. Das schweißt zusammen.

Inzwischen aber gehören Zugausfälle leider zum Alltag bei der Bahn. „Klar, fahren heute auch deutlich mehr Züge als damals und viele Kniffe, die wir angewendet haben, funktionieren bei der ganzen Elektronik gar nicht mehr“, weiß Gerhards. Trotzdem sei die Mentalität eine ganz andere. Zudem bekomme man heute nur noch zehn Monate Zeit für die Lokführer-Ausbildung - zumindest bei Quereinsteigern, die vorher schon einen anderen Beruf erlernt haben.

150 Lokführer in Bestwig stationiert

Allein rund 150 Lokführer waren zu Spitzenzeiten in Bestwig stationiert. Hinzu kamen Kollegen aus der Werkstatt, Zugbegleiter, Bahnhofspersonal, Gleisarbeiter, und, und, und. „Der überwiegende Teil der Eisenbahner kam aus Bestwig, Velmede, Ostwig und anderen Ortsteilen der Gemeinde“, erinnert sich Michael Gerhards. „Da wurde nach der Arbeit auch mal gemütlich ein Bierchen in der Kantine zusammen getrunken.“ Auch sie ist inzwischen Geschichte.

Heute gibt es in Bestwig nur noch 36 Lokführer. Das Bahnpersonal reist aus Orten wie Paderborn, Rüthen, Bad Berleburg oder Marsberg an. Da werde es mit dem gemeinsamen Bierchen schwierig, wenn man hinterher noch mit dem Auto nach Hause müsse. „Und wenn damals in Velmede Schützenfest war, haben andere Doppelschichten gefahren, damit die Velmeder und Bestwiger Kollegen feiern können“, erinnert sich Gerhards. Geschichte! Auch zu Fußballspielen Bahnhof gegen Bahnbetriebswerk habe man sich getroffen. Geschichte! Die Zeit sei einfach zu schnelllebig geworden.

Auswärts-Übernachtungen

Aber es gibt auch Dinge, die Gerhards ganz und gar nicht vermisst. Dazu gehören die Auswärts-Übernachtungen. „Einmal in der Woche hast du in einem Raum in irgendeinem Bahnhof schlafen müssen. Da war nix mit Hotel“, sagt er gar nicht wehmütig. „Da musstest du dir deine eigene Bettwäsche einpacken, das Bett beziehen und morgens, bevor es weiterging, wieder abziehen. Und wenn du Pech hattest, gab es noch nicht mal eine Toilette auf dem Zimmer und du musstest auf eine andere Etage.“ Nein, das sei wirklich nicht immer schön gewesen.

Große Augen

Und der Personalplanung von damals trauert er auch nicht unbedingt hinterher. „Wenn du bei Dienstbeginn den Disponenten gefragt hast, wann du am nächsten Tag arbeiten musst, konnte es dir passieren, dass er dich mit großen Augen angeguckt und dir gesagt hat, dass du mit dieser Frage abends nochmal im die Ecke kommen sollst“. Heute gebe es zum Beispiel Sechs-Wochen-Pläne und das sei gut so.

Gerhards lebt für die Bahn. In den Vitrinen in seinem Arbeitszimmer stehen mehr als 60 Modell-Lokomotiven, den Garten zieren Eisenbahnschilder und Signale - allesamt im Internet ersteigert und auf Trödelmärkten ergattert. „Aber ich bin da inzwischen ruhiger geworden“, sagt Gerhards und lacht. Ob er der guten alten Zeit hinterher trauere? „Ach“, sagt er, „nicht unbedingt der guten alten Zeit, aber der Zeit vor sechs Jahren schon.“ Da hat der Berlarer zum letzten Mal selbstständig einen Zug gefahren. Seitdem ist er als Betriebsrat freigestellt.

Kein Typ, der seine Klappe hält

„Ich bin wirklich immer gerne gefahren und vermisse das“, gesteht er. Aber er sei halt kein Typ, der seine Klappe halten könne und einer müsse den Job ja machen. Wenn ihm etwas nicht passe, dann müsse das auch raus. Und so ist der Berlarer nicht nur an seinen Betriebsratsposten gekommen. Seit fast 30 Jahren engagiert er sich auch als Vorsitzender in der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer in Bestwig. Man tut für die „Eisenbahnfamilie“ eben, was man kann - auch wenn sich die Zeiten geändert haben.

Großer Bahnstandort inzwischen dezentralisiert

Als Michael Gerhards 1974 bei der Bahn angefangen hat, war Bestwig noch ein großer Bahnstützpunkt.

Alles, was seinerzeit zu diesem großen Bestwiger Stützpunkt gehörte, ist inzwischen dezentralisiert und aufgeteilt worden auf die Standorte Bestwig, Hagen, Fröndenberg und Warburg.

Auch die Verbindungen haben sich im Laufe der Jahre geändert. Damals ging es von Bestwig aus quer durch Nordrhein-Westfalen - und sogar darüber hinaus. Die längste durchgehende Verbindung führte mit dem D-Zug bis Braunschweig in Niedersachsen.

Heute werden von Bestwig aus nur noch die Strecken Kassel - Warburg - Hagen sowie Brilon Stadt - Dortmund und Winterberg - Dortmund bedient.

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