Corona

Corona-Frust: Künstler Gerd Normann geht zur Notwehr über

Der gebürtige Nuttlarer Bühnenkünstler Gerd Normann lebt in Berlin. Wegen der Corona-Krise arbeitet er inzwischen halbtags als Optiker, um irgendwie über die Runden zu kommen. In der Corona-Krise ist er jetzt zur Notwehr übergegangen.

Der gebürtige Nuttlarer Bühnenkünstler Gerd Normann lebt in Berlin. Wegen der Corona-Krise arbeitet er inzwischen halbtags als Optiker, um irgendwie über die Runden zu kommen. In der Corona-Krise ist er jetzt zur Notwehr übergegangen.

Foto: Joachim Dette

Nuttlar/Berlin.  Lange hat er Wut und Frust still ertragen - jetzt ist der gebürtige Nuttlarer Künstler Gerd Normann in der Corona-Krise zur Notwehr übergegangen.

Mit seinen Bühnen-Programmen bringt der gebürtige Nuttlarer Gerd Normann seit Jahren die Menschen zum Lachen. Ihm als Künstler ist dieses Lachen seit einiger Zeit allerdings gründlich vergangen. Er und seine Berufskollegen fühlen sich in der Corona-Krise von der Politik allein gelassen. Jetzt reagiert Normann mit Notwehr.

Die Entscheidung

„Ich gehöre zu den etwa zwei Millionen Freiberuflern und Soloselbstständigen, die im Zuge der Corona-Pandemie bemerken mussten, dass sie in der Politik keine Lobby haben“, sagt er und ergänzt deutliche Worte: „Künstler werden, ohne mit der Wimper zu zucken, in den Ruin oder in Hartz IV abgeschoben.“ Lange hat Normann still gelitten. Jetzt schreibt er sich in einem Internet-Blog den Frust von der Seele. „Nicht aus übersteigertem Geltungsbedürfnis oder Geschäftsinteresse, sondern aus Notwehr“, wie er betont. Er selbst habe höchstens ein- oder zweimal in einen Blog hineingelesen.

„Ein Blog gehört für mich zu der großen Blase aufgeblähter digitaler Plattformen wie Facebook und Twitter, die die Meinungen von Selbstdarstellern jedweder Couleur mit scheinbarer Öffentlichkeit auf Bedeutung trimmen“, sagt Normann. Und doch habe er sich entschieden, auf diese Art und Weise auf die Probleme seiner Branche aufmerksam zu machen. Der Blog solle zeigen, wie die professionelle Arbeit eines Kleinkünstlers aussieht, mit welchen Widrigkeiten er zu kämpfen hat und weshalb es trotzdem der schönste Job auf der Welt sei.

Die aktuelle Situation

In Zeiten von Corona ist das mit dem „schönsten Job der Welt“ allerdings so eine Sache. Im März habe er noch gedacht, das wird sich alles schon wieder einrenken. „Irgendwie hat man das am Anfang anders eingeschätzt und nicht richtig ernst genommen“, sagt er. Heute - ein gutes halbes Jahr später - ist er schlauer. Heute - ein gutes halbes Jahr später - arbeitet der gebürtige Nuttlarer wieder halbtags als Optiker, um über die Runden zu kommen. „Mein Glück ist, dass gelernte Optiker gerade händeringend gesucht werden“, so Normann.

Ohne diesen Halbtags-Job wäre auch er - ebenso wie seine Partnerin und viele andere Berufskollegen - bereits bei Hartz IV angekommen. Die Arbeit der Künstler werde offensichtlich in den Entscheidungsgremien gering geschätzt. „Die Politik hat einfach überhaupt keine Ahnung, von dem was wir machen“, sagt Normann und nennt namentlich Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Das erkenne man daran, wie auf entsprechende Anfragen reagiert werde. „Immer von oben herab“, so Normann.

Der Beginn der Krise

Zu Beginn der Corona-Krise gab es auch für Freiberufler und Soloselbstständige Soforthilfe in Höhe 5000 Euro. Normann stand mit seinem Antrag damals auf Wartelistenplatz 37.000, seine Lebensgefährtin auf Platz 42.000. Damit hatten sie Glück. „Ab Wartelistenplatz 60.000 war das Geld weg, da hat man den Leuten mitgeteilt, dass sie Hartz IV beantragen sollen“, berichtet der gebürtige Nuttlarer, der inzwischen in Berlin lebt. Und beim aktuellen Wohnort hatte er ein zweites Mal Glück: „Hier gab es immerhin nicht die Vorgabe, dass die Soforthilfe nur zur Deckung der Betriebskosten verwendet werden darf. Wir durften uns davon tatsächlich etwas zu Essen kaufen“, sagt Normann ein wenig süffisant. Letztlich seien aber auch die 5000 Euro wie bei allen anderen nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen, wenn von jetzt auf gleich durch den Wegfall sämtlicher Auftritte die Einnahmen fehlten.

Weitere Probleme

Und das Problem gehe ja noch weiter. Wenn Theatern und anderen Bühnen durch die weiter laufenden Kosten der Ruin und damit die Schließung drohe, wo solle man denn dann bitteschön noch auftreten. Dabei könnte aus Normanns Sicht zumindest die momentane Hilfe für soloselbstständige und freiberufliche Künstler so einfach sein. „In England und in einigen anderen Ländern gibt es für sie Kurzarbeitergeld, das nach den letzten Einnahmen berechnet wird“, weiß Gerd Normann und ergänzt: „Damit wären wir ja schon zufrieden, weil wir dann wenigstens mit anderen Branchen gleichgestellt wären.“ Aber als Künstler habe man im Moment schlichtweg die Arschkarte.

Was Normann neben ein bisschen mehr Verständnis seitens der Politik ebenfalls vermisst: Dass bekannte Künstler, die durch TV-Auftritte eine große Öffentlichkeit erreichen könnten, diese Bühne nicht nutzen, um auf die Lage aufmerksam zu machen und sich deutlich zu positionieren. „Vermutlich haben sie Angst vor den Sendern“, sagt er. Der Frust hat sich über lange Zeit in Normann aufgestaut. Drei bis vier Monate habe er überlegt, ob und wie er sich äußern solle. Letztlich habe er sich dann eben für den Blog entschieden.

Theorie und Praxis

Wie für viele anderen, ist auch für ihn aktuell keine Besserung der Situation in Sicht. Im Gegenteil: Normann verfolgt mit Sorge die steigenden Corona-Zahlen. Zuletzt hätten zwar vereinzelt wieder Auftritte stattgefunden, die allerdings auch nur in einem äußerst überschaubaren Rahmen. In Bielefeld etwa hätte der Saal in normalen Zeiten für 60 Menschen Platz gehabt – spielen durfte Normann unter Corona-Bedingungen vor gerade einmal 18 Zuschauern.

Ähnlich sei es in Lübbenau gewesen: Dort war der 90-Personen-Saal mit 33 Leuten voll. Und in Hagen ist zuletzt ein Auftritt abgesagt worden, weil für die Vorstellung der Twiärsbraken in einem Saal, der 200 Menschen hätte fassen können, gerade einmal 17 Tickets im Vorverkauf weggegangen waren. Theoretisch stehen in Normanns Terminkalender für die kommenden Wochen zwar noch einige Termine: Geplant sind bis Ende des Jahres zwölf Auftritt. Allerdings eben nur theoretisch. Rein praktisch sei alles, was dort stehe, unsicher.

Die weitere Zukunft

Wie es für ihn weitergeht? Er habe keine Ahnung und hoffe wie alle anderen auf einen Impfstoff, sagt Normann. „Wenn ein Impfstoff kommt, geht die Angst der Menschen“, hofft er. Diese Angst treibe die Regierung aktuell bewusst voran, damit die Menschen angesichts der Corona-Lage zu Hause blieben. Im Groben fühle man sich als Künstler momentan wie ein Hirschkäfer, der auf dem Rücken liegt und nicht mehr auf die Beine kommen wird, wenn in Kürze niemand erscheint, um ihn umzudrehen.

Da könne man einwenden, wenn er lange genug zappelt und schaukelt, werde er es schon irgendwie schaffen. Aber es müsse eben erst existenzbedrohend werden, damit er die Kraft findet, so Normann. Und diese Kraft finde man nur, wenn man eine Portion Wut in sich spüre. „In diesem Stadium befinden sich gerade die meisten von uns.“

Auf dem Rücken liegen bleiben will Normann jedenfalls nicht. Er wird zappeln, bis er wieder auf den Beinen steht. „Zur Not fange ich eben wieder Ganztags als Optiker an“, sagt er.

  • Gerd Normann bezeichnet sich als Bühnenkünstler. Für ihn hat es Jahrzehnte benötigt, um sich überhaupt als Künstler einzuordnen. Normann war zunächst berufsbegleitend tätig und erst nachdem er mit seinem „Hobby“ mehr Einkommen erzielte als mit seinem „Beruf“ traute er sich, die Berufsbezeichnung „Künstler“ für sich zu akquirieren.
  • Auch seine Anfänge seien eher schlecht als irgendetwas anderes gewesen, sagt Normann. Mittlerweile schreibt der gebürtige Nuttlarer mindestens ein Programm im Jahr, ist als Regisseur und Texter für andere Künstler tätig. Normann schreibt Bücher, macht Musik, leitet eine Künstlervermittlung und veranstaltet Shows.
  • Mit etwa 20 realisierten Abendprogrammen im Bereich Kabarett, Musikshow und Comedy-Theater hat Gerd Normann innerhalb von 30 Jahren einige Erfahrung sammeln können, die er bei Coachings an Kolleginnen und Kollegen weitergibt. Das Coaching erstreckt sich über die Bereiche Bühnenpräsenz, Rollenfindung, Dramaturgie, Textarbeit, Bewegung, Improvisation und Pointen.
  • Mit seinen Programmen ist Normann bereits zehn Mal für Kleinkunstpreise nominiert worden.
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