50 Jahre Pocken

Pocken in Meschede: „Niemand wollte die Särge fahren“

Im Sauerland sind vor 50 Jahren die Pocken ausgebrochen. Die Landkreise Arnsberg, Warstein, Lippstadt und Wiedenbrück wurden zum Pockensperrgebiet erklärt.

Im Sauerland sind vor 50 Jahren die Pocken ausgebrochen. Die Landkreise Arnsberg, Warstein, Lippstadt und Wiedenbrück wurden zum Pockensperrgebiet erklärt.

Foto: WP / WP Zentrale

Meschede.  Vor 50 Jahren bricht die Pockenepidemie im Sauerland aus. Magdalena Drinhaus kommt dem Tod sehr nah. Das ist ihre Geschichte.

An den Moment, als ihr Kampf ums Überleben beginnt, erinnert sich Magdalena Drinhaus auch ein halbes Jahrhundert später noch genau. Die Tür zu ihrem Krankenzimmer öffnet sich. Nur ein kleines Stück. Ein vermummter Mann schiebt einen Plastiksack durch den Türspalt. Er sagt, sie solle den Sack bitte überstülpen. In eine zweite Tüte solle sie ihre Sachen stecken. Die junge Frau, damals 21 Jahre alt, Schwesternschülerin, wird abtransportiert. Aus dem Walburga-Krankenhaus in Meschede nach Wickede-Wimbern. Auf die Isolierstation. Bei Magdalena Drinhaus sind die Pocken ausgebrochen.

Es ist Mittwoch, 28. Januar 1970. Sie weiß noch nicht, dass sie in Lebensgefahr ist. Einen Tag später fordert die Epidemie ihr erstes Todesopfer: Barbara Berndt, 17 Jahre alt, ebenfalls Schwesternschülerin. Ein Landstrich gerät in einen Ausnahmezustand, wie es ihn danach nicht mehr gab. Es herrscht Panik.

Bretter vor die Tür genagelt

Die Welt im Sauerland ist klein und heil, als die 70er Jahre beginnen. Die blumige Gelassenheit dieser Zeit erreicht auch Westfalen. Ein Gefühl von Umbruch. Aufbruch. Bernd K. ist einer von denen, die sich auf die Suche nach der Freiheit machen. Mit sieben Freunden geht der Mescheder Anfang August 1969 im VW-Bus auf Reisen. Ziel: Pakistan. Von dort kehrt er am 31. Dezember zurück. Mit Fieber.

Eine Grippewelle hat Meschede in diesem Winter im Griff. Das Krankenhaus ist voll, 480 Patienten. Seit Silvester ist es für Besucher gesperrt. Bernd K. wird am 11. Januar auf die Quarantäne-Station verlegt. Typhusverdacht. Vier Tage später meldet das Düsseldorfer Innenministerium: Pocken! Gefährlich wie das Virus selbst verbreitet sich die Nachricht: Da liegt einer, der die Pocken hat. Das Krankenhaus wird geschlossen. Bretter werden vor die Türen genagelt.

„Ich habe nur geweint“

„Es kam niemand mehr raus oder rein“, erinnert sich Magdalena Drinhaus. Sie arbeitet eine Etage über der Station, auf der Bernd K. liegt. Klirrend kalt ist es draußen, warm im Innern des Gebäudes. Später werden Experten herausfinden, dass durch den Temperatur-Unterschied im Treppenhaus und im Speiseaufzug ein Kamineffekt entstand, der die Viren im Haus verteilte. Nach oben. Zu Magdalena Drinhaus. „Wir waren im ersten Lehrjahr. Über die Pocken hatten wir im Unterricht noch nicht gesprochen... Gott sei Dank nicht.“ Denn ansonsten hätte sie gewusst, was sie erwartet.

An jenem Mittwoch wird sie nach Wimbern gefahren. „Ich habe nur geweint.“ Ihr Körper ist zu diesem Zeitpunkt bereits von Pocken übersät. „Sie sprangen wie Tierchen aus meiner Haut.“ Die Schmerzen werden stärker. In Wimbern verliert sie das Bewusstsein. 14 Tage Ohnmacht. Was in jenen Tagen geschieht, kennt auch Magdalena Drinhaus nur aus Erzählungen. Ihre Eltern sammeln in den acht Wochen im Krankenhaus Zeitungsartikel. Dokumente des Grauens.

Magdalena Drinhaus sitzt an ihrem Esstisch in Meschede, vor ihr eine abgegriffene schwarze Kladde. „Pocken“ steht darauf. Sie hat die Kladde oft zur Hand genommen, denn sie hat ihre Geschichte oft erzählen müssen. Sie ist eine der letzten Deutschen, die an Pocken erkrankt. Letztmals tritt die Krankheit 1977 bei einem Somalier auf.

Es bleibt die Angst

Aber noch heute gibt es Virenstämme. Es bleibt die Angst, dass sie in falsche Hände gelangen und – wenn die Welt aus den Fugen geraten sollte – als biologische Waffe benutzt werden könnten. Anfang der 2000er Jahre, als der Irak-Krieg wütete, kochte diese Angst hoch. Ein Filmteam aus London reiste damals nach Meschede, um das Thema zu dokumentieren. Magdalena Drinhaus’ Tochter Silke spielte die Rolle ihrer Mutter. Die Geschehnisse im Sauerland werden 1995 zur Vorlage für einen Hollywoodfilm mit Dustin Hoffman: „Outbreak - Lautlose Killer“.

Die Furcht, sich unbemerkt dem Tod zu nähern, versetzt die Menschen seit jeher in Schrecken. Auch heute in einer Welt, die so viel klüger, aber auch kleiner geworden ist. Auch die entlegensten Winkel des Planeten sind mühelos zu erreichen. Wer weiß schon, was es da alles gibt und was nicht?

Im Fieberwahn

Nackt und bewusstlos liegt die 21-jährige Magdalena in Wimbern auf einer Pritsche. Eine Schwester kümmert sich, wechselt immer wieder die Unterlage, wischt das Sekret auf, das aus den Blasen platzt. Sie beträufelt den Körper mit Pocken-Serum, öffnet die Nasenlöcher, pflegt die Haut an den Augen mit Öl-Läppchen, damit sie geschmeidig bleibt.

Denn die eitrigen Blattern sind überall. Auf der Kopfhaut, im Rachen, unter den Fußnägeln. Es gibt Fotos. Magdalena Drinhaus zieht die Bilder aus der schwarzen Kladde. Sie kennt die Reaktion auf diese Bilder. Ekel. Fassungslosigkeit.

Im Fieberwahn laufen die Kranken nachts mit ungelenken Bewegungen durch ihre Zimmer. Sie schlagen um sich, haben im Schatten der Nacht nur noch wenig Menschliches.

Tausende sammeln sich vor den Impfstationen

Der Wahn ist nicht nur drinnen, er ist auch draußen auf den Straßen. Die Landkreise Arnsberg, Warstein, Lippstadt und Wiedenbrück sind zum Pockensperrgebiet erklärt. Vor den Impfstationen sammeln sich Tausende besorgter Menschen. Sie tragen Mundschutz. Die Familie von Bernd K. wird tyrannisiert, Erkrankte werden wie Aussätzige behandelt. Ungeimpfte, die sich ihnen nähern müssen, tragen Schutzanzüge aus Plastik am Körper und Atemmasken vor Mund und Nase. Alles wandert danach sofort in den Verbrennungsofen. Fahrzeuge müssen nach Transporten mit Formalindampf in Schleusen desinfiziert werden.

Spätestens nach der ersten Todes-Nachricht herrscht Hysterie. Die Angst kriecht die Bürgersteige entlang. An Tankstellen wird Autos mit MES-Kennzeichen der Kraftstoff verweigert, Briefe aus Meschede werden nicht versendet, sondern verbrannt, die Sonderzüge, die sonst Skifahrer bringen, bleiben leer. Ein griechischer Gastarbeiter (26) zieht sich bei einem Arbeitsunfall schwere Verbrennungen zu. Die fernmündliche Bitte um Aufnahme in Spezialkliniken wird in Dortmund, Bochum, Duisburg und Düsseldorf mit Hinweis auf das Pockensperrgebiet verweigert. Der Mann verstirbt.

303 Menschen kommen in jener Zeit zur Beobachtung in eine der neun Quarantäne-Stationen. 20 Personen erkranken tatsächlich an den Pocken, vier von ihnen sterben. Barbara Berndt, die 17-jährige Schwesternschülerin, bleibt das einzige Opfer, das keine schwere Vorerkrankung aufweist.

Gewaltiger logistischer Kraftakt

„Niemand wollte die Särge fahren“, erinnert sich Norbert Theine, heute 88 Jahre alt, damals Ordnungsamtsleiter in Wickede, jener Gemeinde, zu der Wimbern gehört. Erst wenige Tage zuvor, am 20. Dezember 1969, ist der Ort, in dem die einzige Pockenstation in Westfalen liegt, in die Zuständigkeit der Wickeder Verwaltung gefallen.

„Die kommunale Neuordnung war ein gewaltiger logistischer Kraftakt“, sagt Theine. In diese Situation platzte ohne Vorwarnung die Pockenepidemie. „Was war im Ernstfall zu tun und wie?“ Inmitten tiefgreifender struktureller Veränderungen musste die Wickeder Verwaltung plötzlich auf eine Krankheit reagieren, die weit weg zu sein schien. Es hatte zwar viele Monate vorher Gespräche zwischen den übergeordneten Behörden gegeben. Thema: Heilung von Pockenkranken, Desinfektionen, Schutz der Pflegekräfte. Kein Thema aber sei gewesen: „Was ist im Todesfall behördlicherseits zu tun?“

„Es waren entwürdigende Situationen“

Auf der Station, auf der Magdalena Drinhaus liegt, gibt es kein Radio, kein Telefon, keine Bücher. Briefe werden vorgelesen, weil die Kranken nichts sehen und mit ihren Händen nichts halten können. Manchmal hört sie Bernd K. im Nebenzimmer Gitarre spielen. Der Gestank in ihrem eigenen Zimmer ist unerträglich. „Bis ich gemerkt habe, dass ich das bin, hat es eine Weile gedauert.“ Ihrer Bitte, ein Fenster zu öffnen, wird nicht nachgegangen. Zu riskant. Irgendwann holt die 21-Jährige einen Taschenspiegel aus ihrer Plastiktüte. Sie wirft den Spiegel an die Wand. „So hättest du mich nicht genommen“, sagt sie heute zu ihrem Mann. Er sitzt jetzt neben ihr am Tisch. Sie lachen.

Immer wieder muss die Kranke zur Begutachtung vor ein Fenster treten. Die Ärzte bitten sie, den Fuß auf die Fensterbank zu legen. „Es waren entwürdigende Situationen“, sagt Magdalena Drinhaus heute. Damals habe sie das nicht so empfunden. Mediziner aus aller Welt reisen an, stehen hinter der Scheibe. Eine Delegation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) macht sich Anfang Februar ein Bild von der Lage. Sie wähnt das Virus in Schach.

Weitere Todesfälle

Doch es ist nicht vorbei. Weitere Verdachtsfälle, zwei weitere Todesfälle. „Wie werden Pockentote beigesetzt?“ Dem Ordnungsamtsleiter in Wickede kann das niemand sagen, auch nicht das Ministerium in Düsseldorf. „Personen, die einen Sarg mit einem Pockentoten hätten ins Grab hinablassen müssen, konnten nicht gefunden werden“, sagt Theine: „Deshalb die Entscheidung, die Pockentoten einzuäschern.“

Doch dazu mussten die Leichname nach Dortmund ins Krematorium gebracht werden.

Nachfrage beim örtlichen Bestattungsunternehmen.

Auftrag abgelehnt.

Nachfragen in Neheim, Menden.

Abgelehnt.

Letzter Versuch: Nachfrage in Werl. Antwort: Wir stellen einen Leichenwagen, aber ohne Fahrer. Ein Desinfektionsspezialist des Kreises Soest sagt zu, den Wagen zu fahren und ihn anschließend zu desinfizieren. Er hilft, den Sarg den Flammen zu übergeben. Weitere Sargträger: Theine, ein weiterer Ordnungsamtsmitarbeiter und der Gemeindedirektor. Unter Polizeischutz erreicht der Konvoi bei Eis und Schnee Dortmund. Rückkehr nach Wickede.

Zwei Männer der Delegation suchen die örtliche Gastwirtschaft auf. „Wo kommt ihr denn her?“, werden sie gefragt. Nach der Antwort leert sich das Lokal sofort. Mit der Zeit verändern sich die Pocken von Magdalena Drinhaus. Die Ärzte sind zufrieden mit der Entwicklung. Blut läuft in die Bläschen. Die Pocken werden schwarz und trocknen. Vor der Entlassung aus der Isolation muss der Patient krustenfrei sein. Die Fußnägel werden angebohrt, um an das getrocknete Blut darunter zu kommen. „Erst dann durfte ich nach Hause.“

Große Aufregung

Am 23. März verlässt Magdalena Drinhaus als letzte Patientin die Pockenstation in Wimbern. Vor dem flachen Gebäude zwischen Bäumen wartet unter anderem ein Kamerateam der Tagesschau. „Ich war so aufgeregt, ich konnte kaum laufen.“ Es ist das erste von vielen Interviews, die Magdalena Drinhaus in ihrem Leben geben wird. Bernd K., der Mann, der die Pocken eingeschleppt hatte, war zu diesem Zeitpunkt schon verschwunden.

Am Tag zuvor hatte er Wimbern verlassen, um dem Medienrummel zu entgehen. Sichere Erkenntnisse darüber, was mit ihm seitdem geschah, gibt es kaum. Es hieß, er sei vor den Blicken und Anschuldigungen nach Berlin geflüchtet. Später soll er in Spanien gewesen sein. Er überlebte damals. Ob er heute, 50 Jahre später, noch lebt, weiß niemand. Nach fünf Wochen nimmt Magdalena Drinhaus ihren Dienst im Walburga-Krankenhaus wieder auf. Die 21-Jährige hat ihre Unbeschwertheit verloren. „Ich bat darum, nicht mehr mit Patienten in Kontakt zu kommen“, erzählt die 71-Jährige. Sie wird deshalb zunächst im Spritzenzimmer eingesetzt. Um die Male zu verstecken, trägt sie stets lange Ärmel, blickdichte Strümpfe und eine grüne Make-up-Unterlage. Sie ist bis zur Rente in dem Krankenhaus tätig.

Heute sind die Male nicht mehr zu sehen. Starkes Sonnenlicht meidet sie. „Meine Kolleginnen waren damals meine Rettung. Sie haben mich immer mitgenommen. Ins Kino und in die Stadt. Sonst hätte ich mich verkrochen.“ Die Bindung von damals hält bis heute. Neun Frauen. Geeint durch ein Schicksal.

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