Türkei

Ex-Nato-Offizier flieht aus der Türkei - Asyl in Meschede

Bilgin Ekim und seine Frau wollen  unerkannt bleiben. Das Symbolfoto zeigt ein anderes Paar.

Bilgin Ekim und seine Frau wollen unerkannt bleiben. Das Symbolfoto zeigt ein anderes Paar.

Foto: Florian Gaertner/photothek.net / imago/photothek

Meschede.  Mit Sorge beobachtet der ehemalige Nato-Offizier, Bilgin Ekim, die Entwicklung in seiner Heimat - der Türkei. Er floh nach dem Militär-Putsch.

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„Ich bin nicht mehr ungeduldig“, sagt Bilgin Ekim* in sehr gutem Deutsch und lächelt. „Im Gefängnis habe ich Geduld gelernt.“ Aber mit Sorge beobachtet der ehemalige türkische Offizier vom Sauerland aus, wie sich sein Land immer weiter von der Nato und von Europa entfernt. „Da sind starke Kräfte am Werk“, sagt er. Auch die türkische Gemeinschaft im Sauerland kann ihm keine Heimat geben. „Wenn sie wüssten, warum ich geflohen bin, wollen sie im besten Fall nichts mit mir zu tun haben.“ Im schlimmsten Fall müsste er um sein Leben und das seiner Familie fürchten.

Die Frauen gehören uns

15. Juli 2016: Der Nato-Offizier machte sich gerade bereit, um mit Frau und Kindern zurück nach Europa zu reisen, als ihn ein Befehl zurückhält. „Ihre Pflicht ist vorbei. Sie werden an einen anderen Standort innerhalb der Türkei versetzt.“ Kurz zuvor hatten Teile des Militärs geputscht. Alle Nato-Jobs wurden beendet. „Jeden Tag gab es jemanden, der nicht zur Arbeit kam, und wir wussten, dass er suspendiert oder verhaftet worden war.“ Doch Bilgin Ekim machte sich noch keine Sorgen. „Ich hatte ja ein reines Gewissen und vermutete, dass es wirklich um Kriminalität geht. Warum sollten sie sonst jemanden verhaften?“ Bedrohlich sei es allerdings gewesen, als Teile der Bevölkerung vor seinem Wohnblock skandierte, dass die Frauen der Militärangehörigen herauskommen sollten. „Die Männer sind Terroristen, die Frauen gehören uns!“

An einem Dezembertag stürmte um fünf Uhr morgens die Polizei sein Haus und nahm ihn fest. Zehn Tage später war er ohne konkrete Anklage verhaftet und unehrenhaft aus der Armee entlassen. „Die Inhaftierung ist eine Vorsichtsmaßnahme in der Türkei, um Menschen während ihrer Gerichtsverfahren im Gefängnis zu halten“, erklärt er. „Da es bis zum Urteil zu lange dauerte, wurde es zu einer eigenen Haftstrafe umgewandelt.“ Die Strafe, die der Staatsanwalt beantragte, betrug 7 bis 15 Jahre. Nach rund einem Jahr kam er wieder frei.

Militärische Ausbildung

14 Jahre war der Istanbuler, als er von einer staatlichen Schule auf die Militär-Gymnasium wechselte. „Das ist eine Ehre in der Türkei. Das Militär ist hoch angesehen“, erklärt er. Bilgin Ekim machte dort Karriere. Nach dem Abitur studierter er, wurde Marine-Offizier, nahm an mehreren Nato-Aktivitäten teil, wurde Stabs-Offizier, war beteiligt an der Nato-Strategie-Planung und arbeitete dafür eng mit anderen europäischen Nato-Offizieren zusammen. „Wir hatten ein bequemes Leben.“

Im Gefängnis

Im Gefängnis las er viel. Später. „Anfangs durften wir keine Bücher haben, keine Briefe. Auch Radios waren verboten.“ Seine Frau sah er einmal pro Woche für 40 Minuten. „Durch eine Glasscheibe konnten wir uns sehen, sprechen durften wir nur über ein Telefon.“ Alle zwei Monate gab es ein Treffen mit einem Tisch dazwischen. „Da konnten wir uns wenigstens an der Hand halten.“ Über die Bedingungen spricht er nüchtern: „Wir waren in einem Raum untergebracht, der für sieben Personen vorgesehen war, untergebracht waren dort 28. Essen gab es aber nur für sieben.“ Fußball zu spielen, das Fitnessstudio benutzen oder in die Bibliothek zu gehen, war verboten. Aber nur für die angeblichen Putschisten . „Andere Terroristen, wie ISIS-Mitglieder, durften das tun. Selbst ein PKK-Mitglied fragte mich: ,’Abey’, warum gibt dir dieser Staat weniger Rechte als mir? Am Ende des Tages hast du diesem Land jahrelang gedient und ich habe immer gegen es gekämpft.“

Flucht über den Fluss Meric

Nach seiner Freilassung musste er sich alle zwei Tage in der Polizeiwache melden, weil das Gerichtsverfahren weiterlief. Nach einigen Monaten stand die Polizei plötzlich wieder morgens vor der Tür, um ihn zu verhaften. Ekim floh durchs Fenster. „Mein Anwalt hatte sich erkundigt, es gab keine offizielle Anklage. Das machte das Ganze besonders gefährlich“, berichtet der 41-Jährige. Denn wenn er doch sowieso alle zwei Tage bei der Polizei erscheinen musste, warum dann diese Nacht- und Nebel-Aktion? Gleichzeitig verschwanden weiter Bekannte. Mit Frau und zwei Töchtern wagte der Familienvater die Überfahrt über den Fluss Meric, der die Türkei und Griechenland trennt. „Ich weiß, dass Schlepper hier kritisch gesehen werden. Uns haben sie gerettet.“ Seit Frühjahr 2019 ist die Familie nun in Meschede und wartet auf die Anerkennung des Asylverfahrens. Die Chancen stehen gut.

Rund 100 ehemalige Nato-Offiziere leben in NRW

Der ehemalige Nato-Offizier hofft, dass er direkt danach Arbeit findet. „Herumzusitzen und nichts tun zu dürfen, ist das Schlimmste“, sagt er. „Ich möchte etwas Gutes für die Gesellschaft tun, in der ich lebe und mit der ich leben werde.“ Er ist zuversichtlich: „Die Arbeit in der Strategie-Planung ähnelt der die Arbeit in einem Wirtschaftsunternehmen.“ Zur Not hat er auch einen Bachelor-Abschluss in Informatik.

Bilgin Ekim weiß, dass er sich in Gefahr begibt, wenn er seine Geschichte erzählt, aber es ist ihm wichtig, auf die Entwicklung in der Türkei hinzuweisen. „Mein Land entfernt sich von Europa und von der Demokratie.“ Rund 100 ehemalige türkische Nato-Offiziere, so schätzt Ekim, leben mittlerweile in NRW. „Nato-Agenten werden sie genannt. Die Entlassungen gelten als Säuberungsaktion. Ungefähr die Hälfte der türkischen Marine wurden unehrenhaft in drei Jahren entlassen.“ Auf die gleiche Weise verfolge die Türkei Akademiker, Ärzte, Journalisten und Richter. „In den Gefängnissen der Türkei sitzen wahrscheinlich tausende Unschuldige.

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