Bergsteigen

Gefahren und Erlebnisse: Sauerländer Bergsteiger erzählen

Impressionen vom Pik Lenin.

Impressionen vom Pik Lenin.

Foto: Privat

Schmallenberg/Wenholthausen.  Schwindlige Höhen, enorme Temperaturdifferenzen, gefährliche Situationen, tolle Aussichten: Drei Bergsteiger erzählen vom „Projekt 7000“.

Extreme klimatische Bedingungen, 50 Kilo schwere Ausrüstung, atemberaubende Natur – und der gewisse Nervenkitzel: Die Sauerländer Bergsteiger Thomas Tigges, Dr. Andree Schmidt und Georg Hermes erzählen im Interview von ihren Erlebnissen, Herausforderungen, Glücksgefühlen und ein wenig Verzweiflung beim „Projekt 7000“.

Für Sie alle ging es im Sommer hoch hinaus...

Thomas Tigges (Bad Fredeburg): Für mich rund 7010 Meter auf den Khan Tengri in Zentralasien. Als wir zusammen von einer Expedition aus Ecuador kamen, war für uns schnell klar, dass es weitergehen soll - und höher. So wurde das „Projekt 7000“ ins Leben gerufen. Seit gut anderthalb Jahren habe ich mit meinem Begleiter Henk Vink die vierwöchige Expedition vorbereitet.

Andree Schmidt (Wenholthausen): Für Georg und mich ging es auf den 7134 Meter hohen Pik Lenin, ein Grenzberg zwischen Kirgisistan und Tadschikistan. Auch wir waren gut drei Wochen unterwegs. Es war ein unvergessliches Erlebnis, gleichzeitig aber auch eine anstrengende Zeit.

Wie bereitet man sich darauf vor?

Tigges: Uns war es wichtig, unsere Tour eigenständig zu schaffen - ohne Bergführer oder Sherpas, die das Material schleppen. Auf eine Expedition wie diese muss man lange hin trainieren und sich vorbereiten. Neben dem Bergsteigen mussten wir auch 50 Kilo Ausrüstung auf dem Rücken mit uns tragen.

Schmidt: Der Körper wird beim Höhenbergsteigen besonders gefordert. Dabei spielt neben der Anstrengung auch der geringe Luftdruck und damit wenig für den Körper verfügbarer Sauerstoff eine Rolle. Zudem erschwert eine enorme Temperaturdifferenz von bis zu 50 Grad, starke UV-Strahlung oder schneidender Wind den Auf- und Abstieg. Neben Ausdauer-, Koordinations- und Krafttraining sollte man eine Kurskombination von Bergrettungstechniken und alpinmedizinisch orientiertem Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Im Falle einer akuten Bergkrankheit hilft häufig nur der Abstieg oder der passive Abtransport durch Kameraden.

Was ist eine Höhenkrankheit?

Schmidt: Höhenkrankheit äußert sich anfangs beispielsweise über Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit,

Kurzatmigkeit und zum Teil später auch durch Schwindel und Übelkeit. Im Extremfall können Koordinationsstörungen, vernunftwidriges Verhalten und lebensbedrohliche Luftnot auftreten.

Das Vollbild von Höhenhirnödem und Höhenlungenödem verläuft unbehandelt häufig tödlich. Deshalb werden Pausen in den Zwischencamps auf unterschiedlichen Höhen angelegt, zwischen denen man sich in einem stetigen Auf und Ab bewegt - damit einen Höhenreiz setzt, daraufhin aber tiefer und in Ruhe akklimatisiert.

Ungefährlich ist sowas also nicht...

Georg Hermes (Lennestadt): Man braucht auch viel Glück. Bei schlechten Wetterbedingungen kann es gefährlich werden und man muss abbrechen, wie ich es im Sommer leider erlebt habe.

Nach dem Hochcamp wurde der Sturm auf rund 6400 Meter beim ersten Versuch des Gipfelaufstiegs zu stark, so dass wir zurück ins Lager mussten. Bei -20 Grad und starkem Schneesturm wird es irgendwann gefährlich und „es fegt dich vom Grat“! Da das Wetter nicht besser wurde, musste ich die Expedition nach einem weiteren Versuch abbrechen. Ein erneuter Versuch wäre mit dem Abstieg, Erholung im Basecamp und dem kompletten Wiederaufstieg verbunden. Dazu fehlt meist die Zeit.

Kurz vorher abbrechen. Das hört sich ärgerlich an...

Hermes: Viele aus meiner Gruppe sind in den ersten Tagen wieder abgereist. Die Erfolgsquote für einen Aufstieg am Pik Lenin liegt bei rund 20 Prozent. Natürlich ist es schade, dass der Aufstieg nicht geklappt hat. Ich denke aber, dass ich einen erneuten Versuch wagen werde. Obwohl ich topfit war und ich es bestimmt geschafft hätte, ist es dennoch die richtige Entscheidung umzukehren, wenn es zu gefährlich wird. Das erfordert eine gute Selbsteinschätzung und mehr Mut, als auf Teufel komm raus den Aufstieg schaffen zu wollen.

Haben Sie mal erlebt, dass eine Expedition schief gegangen ist?

Schmidt: Leider mehrfach. Eine Gruppe, die auch mit uns dort war, wollte ohne vorherige Akklimatisation

zum Gipfel. Einen Mann haben wir auf gut 7000 Metern mit Symptomen einer akuten Bergkrankheit mit inadäquatem Verhalten und ersten Anzeichen eines Höhenhirnödems gefunden.

Der Abstieg und zusätzliche Medikamente linderten die Symptome, so dass er wohlbehalten Lager 3 erreichte, von wo aus er weiter hinab transportiert wurde. Ich habe noch Kontakt, ihm geht es wieder gut. Häufig sind es aber Selbstüberschätzung und falscher Ehrgeiz, die Bergsteiger in gefährliche Situationen bringen.

Warum entscheidet man sich trotzdem für eine 7000er-Expedition?

Tigges: Es geht einerseits um die unglaubliche Erfahrung, andererseits reizt einen die alpine Herausforderung mit allerlei technischen Schwierigkeiten. Ein kurzer Einblick in meine Expedition: Im Juli bin ich nach Kasachstan geflogen, von dort mit einem Jeep bis in die Grenzregion nach Kirgistan.

Nach einem Aufenthalt im Basislager sind wir mit dem Hubschrauber auf den Gletscher geflogen (ca. 4000 Meter).

Insgesamt haben wir fünf Tage für die Besteigung vom Khan Tengri gebraucht, waren zur Vorbereitung und Akklimatisierung aber vier Wochen unterwegs, haben mit dem kleinen Zelt zu zweit auf Eis und Gletscher übernachtet.

Beim finalen Versuch - am Gipfeltag - sind wir um halb zwei morgens los geklettert. Gegen 10 Uhr war ich oben - und hatte eine atemberaubende Aussicht. Was bleibt sind sehr intensive Erfahrungen in fast unberührter Natur, mit Menschen, die ähnliche Ziele haben, und vor allem mit sich selbst.

Schmidt: Ich beschäftige mich seit 2007 mit dem Thema Alpin- und Höhenmedizin, zwischen 2010 und 2013 im Rahmen meiner Tätigkeit bei der Bergwacht Bayern verstärkt auch mit den Besonderheiten der alpinen Notfallmedizin. Wie vor 2 Jahren auf dem Chimborazo wollte ich unter anderem selbst erfahren, wie es

einem geht und wie sich die Höhe und die extremen klimatischen Bedingungen auf den menschlichen Körper auswirken. Das macht Vorträge zu dem Thema authentischer.

Und Ihr Fazit? Geht es beim nächsten Mal sogar noch höher hinaus?

Tigges: Bei mir ist eine nächste Expedition in Planung. 2020 möchte ich mit einer Alpenvereinsgruppe auf einen 6000er in Nordindien. Diese Expedition wird rund zwei Wochen dauern, weil der Schwierigkeitsgrad viel niedriger ist, als am Khan Tengri. Den Aufstieg dort zu schaffen war nicht selbstverständlich. Wie am Pik Lenin liegt die Erfolgsrate bei rund 20 Prozent. Sollten es die Lebensumstände und die Finanzierung zulassen, könnte ich mir vorstellen, irgendwann auch nochmal das „Projekt 8000“ anzugehen.

Schmidt: Höhenbergsteigen ist vor allem zeitlich anspruchsvoll. Was als nächstes ansteht, kann ich noch nicht sagen.

Hermes: Auf meiner Liste steht der Pik Lenin jetzt natürlich auch noch weiterhin. Was danach kommt werden wir sehen.

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