Fraunhofer

Grafschafter Forscher umwerben junge Wissenschaftler

Damit die Wissenschaftler während der Bauphase überhaupt arbeiten können, mussten schon einige neue Gebäude errichtet werden  

Foto: Privat

Damit die Wissenschaftler während der Bauphase überhaupt arbeiten können, mussten schon einige neue Gebäude errichtet werden   Foto: Privat

Grafschaft.   Als „Rattenburg“ bezeichnen die Schmallenberger das Fraunhofer Institut. Mit denen hat die moderne Forschung dort schon lange nichts mehr zu tun.

Für mehr als 25 Millionen Euro wird das Fraunhofer Institut in Grafschaft in den kommenden Jahren erweitert. Institutsleiter Professor Christoph Schäfers erklärt, warum die Investition nötig ist, warum sich der Mythos der „Rattenburg“ hartnäckig hält und wie sich junge Wissenschaftler für das Sauerland begeistern lassen.

Woran hier oben auf dem Aberg geforscht wird, wissen selbst viele Schmallenberger nicht ganz genau. Erklären Sie es kurz?

Prof. Christoph Schäfers: Unsere Aufgabe ist es, Stoffe in der Umwelt bezüglich ihrer Risiken zu analysieren. Wir machen viele Experimente, um zu schauen, wie sich Stoffe verhalten und beschäftigen uns auch mit nachhaltiger landwirtschaftlicher Stoffproduktion. Dabei sehen wir uns als wissenschaftlicher Vermittler. Wir werden von beiden Seiten anerkannt – von der Industrie, die Stoffe produziert, und von den Behörden, die die Nutzung dieser Stoffe regulieren.

Welche Stoffe können das sein?

Häufig geht es um Pflanzenschutzmittel, aber auch um pharmazeutische Produkte und andere Chemikalien. Wir untersuchen zum Beispiel, wie sich Hormone aus Antibabypillen in Gewässern auswirken, konkret auf die Vermehrung von Fischen. Und tatsächlich gibt es einen Effekt.

Kommen solche Überreste von Medikamenten nur durch falsche Entsorgung ins Wassersystem – indem jemand sie zum Beispiel im Klo runterspült?

Das ist ein Problem, aber sie gelangen auch durch menschliche Ausscheidungen ins Abwasser. Deshalb muss man an der Dosierung und Zusammensetzung von Verhütungsmitteln arbeiten und immer wieder die Technik der Kläranlagen verbessern – das wiederum ist aber nicht unsere Aufgabe.

Ob die Schmallenberger wissen, was genau Ihre Aufgabe ist, könnte Ihnen auch völlig egal sein – einen Einfluss hat es nicht.

Egal ist mir das nicht, ich finde es schon wichtig, den Leuten Einblicke zu ermöglichen. Schließlich wohnen auch viele von uns in der Gegend und sprechen oft mit Nachbarn, Freunden und Familie darüber. Wir präsentieren uns bei der Schmallenberger Woche und machen immer wieder Tage der offenen Tür. Was allerdings nichts daran ändert, dass sich Bezeichnungen wie die „Rattenburg“ hartnäckig im Volksmund halten. Dabei gibt es hier schon seit bestimmt 20 Jahren keine Ratten mehr. Wir forschen hauptsächlich an Wasser- und Bodenorganismen. Die einzigen Wirbeltiere sind Fische.

Sie bauen das Institut für viel Geld aus. Ist das ein Zeichen dafür, dass in Deutschland und der EU mehr auf die Umwelt geachtet wird als früher?

Der Regulationsdruck von Seiten der Politik nimmt zu, das ist schon so. Wenn es um Umweltverträglichkeit geht, gibt es heute mehr Sensibilität – das ist grundsätzlich positiv. Was die Erde aber brauchen würde, wäre, dass ein Schalter grundsätzlich umgelegt wird und nicht nur an einzelnen Schrauben gedreht wird. Das ist aber nur zu schaffen, wenn die Leute zum Beispiel bereit sind, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben. Sie fahren stattdessen aber lieber in den Urlaub. Mit dieser Grundhaltung wird es nicht gehen. Das Schizophrene ist, dass viele Menschen einerseits erwarten, dass Lebensmittel billig sind und andererseits bei ihrer Produktion möglichst keine Chemie eingesetzt wird. Das passt nicht zusammen.

Gleichzeitig bringt der Einsatz eben solcher Mittel dem Institut immer neue Aufträge ein. Welcher Faktor hat zu der Entwicklung geführt, die jetzt den großen Anbau nötig macht?

Zum einen ist es tatsächlich die gestiegene Zahl an Forschungsaufträgen, sowohl aus öffentlicher Hand als auch aus der Industrie. Aber wir brauchen auch mehr Platz, weil die Schere zwischen rechnerischen Stellen und tatsächlicher Mitarbeiterzahl immer weiter auseinandergeht. Wie überall gibt es bei uns auch mehr Teilzeitkräfte.

Wie einfach oder schwer ist es neue Mitarbeiter für den Standort Grafschaft zu gewinnen?

Das muss man klar zweiteilen. Wir haben sehr viele gut ausgebildete technische Mitarbeiter, die in Olsberg lernen und in der Region bleiben wollen, davon profitieren wir sehr. Bei den Wissenschaftlern sieht es anders aus. Die kommen von den Unis, kennen das städtische Leben. Dann wird es eng.

Wie kann man sie trotzdem für den ländlichen Raum gewinnen?

Einmal kommt uns unser Ruf in der Wissenschaftswelt zugute. Es bewerben sich immer wieder junge Leute, die gerne hier forschen möchten, zum Beispiel für ihre Doktorarbeit. Aber es geht sicher auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wir haben ein Eltern-Kind-Büro eingerichtet und verhandeln gerade mit der Stadt über feste Kita-Plätze für Kinder von Mitarbeitern des Instituts.

Wie weit sind die Arbeiten zur Erweiterung?

Wir haben uns erst einmal mit viel Aufwand so organisieren müssen, dass die Forschung während der Bauarbeiten durchgängig weiterlaufen kann. Aktuell laufen Abrissarbeiten und eigentlich wollen wir im Herbst 2019 Richtfest in der neuen Institutsmitte feiern. Schwierig macht es die Tatsache, dass die Auftragsbücher der Bauunternehmen so voll sind. Aber ich hoffe wir können den Zeitplan halten. 2021 wollen wir mit allen Arbeiten fertig sein.

>> STANDORT SEIT 1959

  • Seit 1959 besteht das Fraunhofer Institut am Aberg, zuvor hatte der Chefarzt des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft dort ein Labor errichten lassen.
  • Seit 1985 liegt der Schwerpunkt auf Umweltchemie und Ökotoxikologie.
  • Heute leitet Professor Christoph Schäfers den Instituts-Standort Schmallenberg, der mit den Standorten in Gießen, Aachen, Münster, Frankfurt und Hamburg zusammen das Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie bildet.

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