Stadtgespräch

„Ich habe noch so viele Ideen im Kopf“

Redakteurin Katrin Clemens und Andrea Brockmann beim Stadtgespräch.

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Redakteurin Katrin Clemens und Andrea Brockmann beim Stadtgespräch. Foto: WP

Schmallenberg.   Dr. Andrea Brockmann leitet das Schmallenberger Kulturbüro und plant nach der Textile bereits weitere Projekte.

Seit rund zweieinhalb Jahren wirbelt sie die kulturelle Szene in Schmallenberg auf – als Leiterin des Kulturbüros hat Dr. Andrea Brockmann zum Beispiel die Textile initiiert und den Bau des neuen Lenneateliers angeregt. Im Stadtgespräch spricht sie über die Leidenschaft für ihren Beruf und wie sie versucht, ihrer Krankheit mit Lebensmut und Stärke zu begegnen.

Sie haben sich das Lenneatelier als Ort für das Stadtgespräch gewünscht – warum?

Dr. Andrea Brockmann: Weil dieser Ort so sinnbildlich für die Kulturarbeit steht, die ich hier in Schmallenberg machen möchte. Er steht für Offenheit, Austausch und Begegnung, Kreativität und Gestaltung – und vor allem für den engen Verbund zwischen Kultur und Natur. Das Gebäude ist nicht nur ein Ausstellungsraum, sondern ein Ort kultureller Begegnung, für Workshops, Seminare, Lesungen, kleine Konzerte.


Bevor Sie hierhergekommen sind, haben Sie fünf Jahre lang die Galerie Münsterland in Emsdetten geleitet. Warum haben Sie sich dann entschieden, nach Schmallenberg zu gehen?

Ich bin in die Verwaltung gegangen, um einem breiteren Kulturbegriff nachzugehen. Früher habe ich immer gesagt, Begegnungen mit der Kunst zu schaffen, ist meine Aufgabe, jetzt sage ich, Kultur zu schaffen ist meine Aufgabe.

Trotzdem sind Sie am meisten in der Kunst zu Hause.

Ja, das merkt man ja auch an meinem Tun hier. Aber im kommenden Jahr wird zum Beispiel die Literatur eine große Rolle spielen. Dann jährt sich der Schmallenberger Dichterstreit zum 60. Mal. 1956 gab es hier ein Treffen von Autoren, das zu einem Streit über die NS-Vergangenheit führte. Er gilt als großer Aufbruch in der westfälischen Literatur. Rund um dieses historische Datum wollen wir gemeinsam mit dem LWL junge Autoren zu Lesungen und Diskussionen nach Schmallenberg einladen.

Welches Projekt hat Ihnen bisher am meisten am Herzen gelegen?

Die Textile. Ich bin jetzt zweieinhalb Jahre hier und schon nach einem halben Jahr haben wir angefangen, darüber zu diskutieren. Anfangs waren es Gedankenflausen, dann wurde es immer konkreter und schließlich zu diesem Projekt. Überwältigend war, mit wie viel Freude und Begeisterung alle Beteiligten dabei waren. Es war allerdings auch eine große Aufgabe und ich bin so ambitioniert, dass ich es von Anfang an so konzipiert habe, dass es wiederholt werden soll. Jetzt ist nur noch die Frage, ob wir uns für einen drei- oder einen vierjährigen Turnus entscheiden.


Das klingt so, als ob Sie den Schmallenbergern noch länger erhalten bleiben werden.

Ja – ich sehe meine Zeit hier im Sauerland absolut nicht als Intermezzo an. Ich wundere mich manchmal, dass ich schon zweieinhalb Jahre hier bin – ich habe noch so viele Ideen im Kopf, die ich hier gerne umsetzen würde. Was mich auch total beeindruckt und meine Seele berührt, ist wie viel Wertschätzung mir entgegengebracht wird. In den letzten Monaten habe ich meine Gehfähigkeit komplett verloren, was für mich eine schwierige Situation ist. Und es tut gut zu merken, dass ich trotzdem in meiner Arbeit weiter unterstützt werde und nicht plötzlich fallengelassen werde.


Woran liegt es, dass Ihre Beine nicht mehr mitmachen wollen?

Wenn man das so genau wüsste. Vor sieben Jahren ist mir beim Sport aufgefallen, dass mir die Beine bei Anstrengung manchmal versagen. Es stellte sich heraus, dass es eine Entzündung im Rückenmark ist, die im schlimmsten Fall zur Querschnittslähmung führen kann. Bei mir ist es so, dass ich im rechten Bein noch etwas fühle, im linken aber gar nicht mehr. Es kann sich kein Arzt erklären, warum es immer schlimmer wird. Ich versuche jetzt, es pragmatisch zu sehen und mich damit zu arrangieren. ich will mein Leben leben und mit den nötigen Hilfsmitteln geht das auch.

Da spricht viel Mut und Optimismus raus.

Das stimmt. Ich hatte schon immer einen starken Willen, die Ziele zu erreichen, die ich mir stecke. Auch wenn es weh tut. Ich bin schon mehrere Marathons gelaufen, auch wenn ich eigentlich nicht die typische Statur dafür habe. Und ich kenne keine festgelegten Arbeitszeiten. Jemand hat mal zu mir gesagt, ich hätte einen missionarischen Eifer. (lacht) Das stimmt irgendwie, ich sehe meine Arbeit als Berufung. Das macht mein Leben aus.

Welche Ziele haben Sie noch für Ihre Arbeit in Schmallenberg?

Ich würde gerne eine große Mittelalter-Ausstellung machen und die Stadthalle in ein temporäres Museum verwandeln. Dann wünsche ich mir natürlich, dass die Textile sich verstetigt und das Kulturbüro mehr zu einer Kommunikationsfläche statt einer Verwaltungseinheit wird.

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