Delfintherapie

Julias Hirntumor änderte alles – aber die Sauerwalds kämpfen

Vorher und nachher:  Das Bild links zeigt Christopher und Julia Sauerwald kurz nach ihrer Hochzeit 2017. Rechts das Paar zwei Jahre später.

Vorher und nachher: Das Bild links zeigt Christopher und Julia Sauerwald kurz nach ihrer Hochzeit 2017. Rechts das Paar zwei Jahre später.

Foto: privat

Bestwig/Bigge.  Ein Hirntumor hat das Leben von Julia Sauerwald und ihrem Mann Christopher, der in Bestwig arbeitete, verändert – nicht aber die Liebe zueinander.

Dies ist eine Geschichte, die betroffen macht. Sie macht aber auch Mut, weil sie von zwei Menschen handelt, die Willensstärke zeigen und die in guten wie in schlechten Zeiten zueinander stehen. So, wie sie es sich versprochen haben: „Ich kann die Situation nicht ändern, aber ich kann versuchen, das Beste daraus zu machen.“

Das sagt Christopher Sauerwald. Er arbeitete bei „creartico“ in den Räumen der Pütz Möbelwerkstätten in Bestwig. Und er sagt es mit fester Stimme, aus tiefster Überzeugung und ohne einen Hauch von Wehleidigkeit. Seine Frau Julia ist nach einem Hirntumor nicht mehr der Menschen, den er geheiratet hat. Aber sie ist der Mensch, den er immer noch genauso liebt.

Zweimal mit dem Heiratsantrag abgeblitzt

Der heute 29-Jährige hat im Mescheder Krankenhaus das Licht der Welt erblickt, ist in Bigge aufgewachsen, in Siedlinghausen zur Schule gegangen und hat in Bigge eine Ausbildung als Fachlagerist gemacht. 2016 lernt er im Internet eine Frau kennen und schon nach dem ersten Besuch bei ihr in der Nähe von Schwäbisch Gmünd ist klar: das ist die Frau meines Lebens. Julia stammt aus der Ukraine, lebt seit 2012 in Deutschland und studiert zu der Zeit Sozialpädagogik. „Es hat sofort gefunkt; von da an bin ich jedes Wochenende die 435 Kilometer nach Baden-Württemberg gefahren.“ Auf dem Heimweg lagen dann immer Einmachgläser im Kofferraum. Abgefüllt mit leckerem Essen. Selbstgekocht von Julia. Liebe geht durch den Magen.

Trotzdem muss Christopher seine Angebetete dreimal fragen, bevor sie ihm das Ja-Wort gibt. „Die hat mich ganz schön zappeln lassen“, sagt er. Beim ersten Mal sei er zu aufgeregt gewesen. „Ich hatte keine Blumen, keinen Ring.“ Beim zweiten Mal war der Ort nicht optimal. „In Straßburg hat sie dann endlich Ja gesagt.“ Der Himmel ist voller Geigen, der Bauch voller Schmetterlinge, niemand ahnt, dass dunkle Wolken aufziehen. Die beiden heiraten am 20. Juli 2017 in einem Schloss. Noch pendelt Christopher Sauerwald zwischen dem Sauerland und dem kleinen Ort Heubach, weil er einen Job in Bestwig hat. „Ich wollte mir eine andere Beschäftigung suchen und dann Ende 2017 rüberziehen.“Doch alles kommt ganz anders.

Schmetterlinge im Bauch und dunkle Wolken

Als er an einem Sonntag im Oktober die Rückfahrt nach Bigge antreten will, klagt Julia über starke Übelkeit, Kopfschmerzen und ein Flimmern von den Augen. „Ich habe gesagt: ,Schatz, Du kannst machen, was Du willst. Wir fahren jetzt ins Krankenhaus‘“. Im Stauferklinikum des benachbarten Mutlangen schickt der Arzt die beiden nach der Untersuchung gleich weiter nach Stuttgart. Dort wird ein MRT gemacht. Diagnose: ein hühnereigroßer Tumor im Gehirn. „Ich hätte am liebsten los geheult. Aber das ging gar nicht. Julia kam sofort zur Überwachung auf die Intensivstation und am 19. Oktober ist sie dann operiert worden.“ 13 qualvolle Stunden. Stunden der Ungewissheit, der Verzweiflung, der Angst, der Niedergeschlagenheit. „Ich habe die ganze Nacht vor der OP bei ihr am Bett gesessen und dann auf dem Flur gewartet.“

Als Julia Sauerwald aus dem Aufwachraum kommt, sieht ihr Ehemann nur noch Schläuche, Schläuche, Schläuche. „Sie war halbseitig gelähmt, konnte nicht mehr eigenständig atmen. Das war schlimm.“ Aber schon am nächsten Tag kann der 29-Jährige der Schwester sagen: „Meine Frau hat Schmerzen. Können Sie ihr nicht was geben?“ Woher er das wissen wolle, seine Frau könne doch gar nicht reden, habe die Schwester geantwortet. „Aber sie kann sich verständlich machen: einmal Handdrücken heißt „Ja!“, zweimal „Nein!“. So kommunizieren die beiden eine ganze Zeit lang. Hand in Hand.

Gemeinsam das Atmen geübt

Immer wieder üben sie gemeinsam das Atmen. Nach zwei Wochen Intensivstation kommt Julia Sauerwald zur Reha nach Göppingen. Elf Monate ist sie dort. Und weil ihr Mann seine Arbeit im Sauerland inzwischen aufgegeben und er kein Auto hat, besucht er sie mit dem Rad. Jeden Tag. Fast zwei Stunden Fahrtdauer. Pro Strecke. Wieder zu Hause bekommen die beiden Unterstützung durch einen Intensiv-Pflegedienst. Aber seine Frau waschen, nachts die Kanüle am Hals frei halten und absaugen – all das übernimmt der 29-Jährige.

Inzwischen hat Christopher Sauerwald eine feste Arbeit. Mittags fährt er nach Hause. In seiner Abwesenheit kümmert sich die Initiative „Nachbarschaftshilfe“ um seine Frau. Schlucken kann sie nach wie vor nicht, weil einer der fünf Schlucknerven durchtrennt wurde. Das Kochen übernimmt Christopher; über eine Spritze und eine Sonde wird die pürierte Nahrung mit Milch verdünnt und in den Magen seiner Frau geleitet. „Wir haben schon alles probiert: Lasagne, Spaghetti oder auch Schnitzel. Nur Döner müssen wir noch antesten“, sagt der 29-Jährige.

Willensstärke und Überlebenskampf

Neulich seien seine Schwiegereltern zu Besuch gewesen. „Sie haben Schwierigkeiten, mit der Situation umzugehen. Ich glaube manchmal, am liebsten würden sie Julia verstecken, damit sie niemand sieht. Aber das ist Blödsinn.“ Er und seine Frau gehen offensiv mit der Krankheit um, besuchen hin und wieder zum Essen ein nahe gelegenes Möbelhaus. Auch dort packt er seine Spritzen und Schläuche aus. „Wir verstecken uns nicht. Warum auch? Neulich waren wir beim Sommerfest in der Firma, wo ich arbeite. Es ist nur gut, dass wir bald eine neue Wohnung bekommen, denn unsere jetzige hat keinen Aufzug. Und dann muss ich Julia nicht mehr die Treppe hoch und runter tragen.“

Julia hat eine enorme Willensstärke. Sonst wäre sie nicht so weit, dass sie alleine sitzen oder sprechen könnte. „Vom Kopf her ist sie dieselbe und das Denken geht noch viel schneller“, sagt der Bigger. Trotzdem hat Julia Sauerwald innere Blockaden, das Gleichgewichtsgefühl fehlt und sie kann die Füße nicht richtig aufsetzen. Dreimal die Woche bekommt sie Logo- und Ergotherapie, zweimal kommt der Physiotherapeut. Es gibt Erfolge. Aber sie stellen sich nur in kleinen Schritten ein.

Delfin-Therapie könnte helfen

Ein Ergotherapeut hat den beiden geraten, eine Delfin-Therapie zu machen. Wie auch immer die Tümmler es anstellen, es gibt viele Menschen, die ihre Beeinträchtigungen nach einer solchen Behandlung für immer im Wasser zurückgelassen haben. Darauf setzen jetzt auch Julia und Christopher Sauerwald. Über den Therapeuten entstand der Kontakt zum Verein „Delfin Nogli“, der u..a. Spenden für solche Therapien sammelt. Rund 12.000 Euro würde die Behandlung kosten. Nach Aufrufen in Schwäbisch Gmünd sind rund 6000 Euro zusammengekommen. Vielleicht unterstützen auch im Sauerland Menschen dieses Paar – sei es auch Respekt vor so viel Willensstärke oder aus der Gewissheit, dass jeden von uns morgen dieselbe Situation ereilen könnte.

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