Geburtshilfe

Kreißsaal in Warstein schließt: Längere Wege für Schwangere

Hebamme Melina Kramer (25) aus Meschede an ihrem Arbeitsplatz, einer der Kreißsäle im Klinikum Hochsauerland (Hüsten).

Hebamme Melina Kramer (25) aus Meschede an ihrem Arbeitsplatz, einer der Kreißsäle im Klinikum Hochsauerland (Hüsten).

Foto: Privat

Meschede/Warstein.   Melina Kramer aus Remblinghausen ist Hebamme. Ihr Beruf ist im Wandel. Einige Entwicklungen sieht sie aber auch positiv.

Exakt zwei Jahre nach dem Aus der Geburtshilfe in Meschede, schließt nun auch der Kreißsaal im Warsteiner Krankenhaus. Am 31. März ist Schluss. Das hat auch Auswirkungen für Schwangere in der Kreisstadt. Immerhin kamen im vergangenen Jahr noch 21 Babys aus Meschede in Warstein zur Welt.

Zwei der dort bislang angestellten Hebammen haben sich beispielsweise bereits in Meschede mit einer Praxis selbstständig gemacht. Maya Wiese und Kristina Link übernahmen im Oktober die Praxis von Hanne Voß-Fischer, die sich in den Ruhestand verabschiedete.

Berufsstand im Wandel

Nicht nur aufgrund dieser erneuten Schließung einer Geburtsstation befindet sich der Berufsstand der Hebammen im Wandel. Darüber sprachen wir mit Hebamme Melina Kramer aus Meschede. Sie ist die Sprecherin des Deutschen Hebammenverbandes (DHV) im Hochsauerlandkreis. Die 25-Jährige arbeitet seit Schließung der Mescheder Kreißsäle im Klinikum Hochsauerland in Hüsten.

Welche Auswirkungen wird die Schließung der Warsteiner Geburtshilfe auf unsere Region haben?

Melina Kramer: Schwangere werden nun auf die Kliniken in Hüsten, Brilon, Soest und Lippstadt ausweichen. Die Wege werden also unter Umständen weiter. Aber laut Gesetzgeber sind Fahrtzeiten von bis zu 45 Minuten für Frauen in den Wehen hinnehmbar. Das sehen wir natürlich etwas kritischer. Von Schmallenberg bis nach Hüsten sind Frauen jetzt schon bis zu 40 Minuten unterwegs – und wenn es am Rimberg glatt ist, kann es noch länger werden. Wir hatten schon Kinder, die auf dem Weg zur Welt kamen oder als Notfälle eine sofortige Versorgung benötigten. Zum Glück ist es jedes Mal gut gegangen.

Wie sieht denn die Versorgung durch freiberufliche Hebammen in Meschede und Umgebung aus?

Wir haben keine Situation wie in den Großstädten, wo Frauen in der 5. Schwangerschaftswoche bis zu 25 Hebammenpraxen abtelefonieren müssen, um einen Platz zu bekommen. Im Hochsauerlandkreis sind mehr als 50 Hebammen über unseren Verband organisiert. Wir haben alle gut zu tun, und bekommen es auch untereinander immer hin, eine Vertretung in Urlaubszeiten oder bei Krankheit zu organisieren. Die Altersstruktur der Hebammen ist gut durchmischt, allerdings wäre es optimal, wenn weiterhin Kolleginnen nachrücken. Denn in etwa 15 Jahren werden schon einige Hebammen in den Ruhestand gehen.

Wie sieht es in den Kreißsälen aus?

Der Hebammenmangel in den deutschen Kreißsälen ist groß. Ich bin schon häufig von Headhuntern angerufen worden. Sie boten mir mehr Geld, wollten meine Miete zahlen, wenn ich bereit wäre zu wechseln. Und in Lippstadt wurden beispielsweise italienische Kolleginnen angeheuert. Das klappt auch, wie ich hörte, sehr gut.

Wie kommt es zu dem Mangel?

Viele entscheiden sich nach der Ausbildung direkt für die Freiberuflichkeit. Die Arbeit in vielen Kreißsälen ist nicht mehr attraktiv, weil es sich so extrem von dem unterscheidet, warum sich die Frauen einst für den Beruf entschieden haben: Sich nämlich in einer 1:1-Betreuung um die Frauen zu kümmern. Die Realität zeigt, dass Hebammen derzeit gleichzeitig bis zu fünf Frauen unter der Geburt betreuen. Diese Quote hat unser Verband jüngst in einer bundesweiten Umfrage erhoben. Auf Hüsten trifft das zum Glück nicht zu: Wir machen zu zweit, teilweise sogar zu dritt, Dienst.

Sie sind damals mit weiteren Kolleginnen von Meschede nach Hüsten gewechselt. Wie hat das geklappt?

Ich bin von 450 Geburten in Meschede auf 1500 in Arnsberg gekommen. Das war eine Umstellung. Wir kamen außerdem in ein bestehendes Team, auf beiden Seiten gab es zunächst Vorbehalte. Zumal im Internet viel über die Schließung in Meschede und die Alternative in Hüsten geschrieben wurde. Da gab es Verunsicherungen auf beiden Seiten. Ich bin jetzt sehr glücklich. Es war der richtige Schritt.

Oft ist zu hören, dass gerade in kleineren Kliniken die Neigung zu Kaiserschnitten höher ist. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Frauen ändern sich, Geburten ändern sich. Es gibt generell eine Tendenz, die weg von der Geburtshilfe hin zur Geburtsmedizin geht. Beispielsweise wird schneller ein Wehentropf gelegt. Und für Meschede traf folgendes zu: Bei längeren Geburtsstillständen hatte ich als Hebamme im Hinterkopf, dass es bis zur Kinderklinik nach Lippstadt 30 bis 40 Minuten Fahrt waren. Normalerweise stecken Kinder den Stress einer längeren Geburt gut weg, aber im Notfall zählt eben jede Minute. Es macht einen Unterschied, wenn die Kinderklinik direkt im Haus ist. Deshalb kann es sein, dass man den Frauen und Kindern in Hüsten mehr Zeit gibt.

Die Ausbildung zur Hebamme wird nun in einem dualen Studium erfolgen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Dieser Schritt wird den Beruf der Hebamme aufwerten. Wir hoffen auch, dass die Bezahlung dann steigen wird. Allerdings gibt es auch Punkte, die wir Hebammen kritisch sehen: Zum einen der Praxisanteil. Dieser soll zwar weiterhin 3000 Stunden umfassen, allerdings zählen auch Stunden am Simulator dazu. Das ersetzt unserer Meinung nach allerdings nicht die Arbeit mit den Frauen. Nur so entwickelt man diesen Hebammensinn. Dieses Gespür dafür: Hier stimmt etwas nicht.

>>> Weitere Informationen:

- Melina Kramer (25) wurde ab 2011 an der Hebammenschule in Paderborn ausgebildet. Seit Schließung der Mescheder Geburtshilfe arbeitet sie in Hüsten. Zudem arbeitet sie als freiberufliche Hebamme in der Praxis von Kerstin Bigge und begleitet Frauen in der Vor- und Nachsorge.

- Kramer ist die Sprecherin der mehr als 50 Hebammen, die sich im HSK über den Deutschen Hebammenverband organisieren.

- „Haben Sie auch Kinder?“, ist eine der häufigsten Fragen, die Melina Kramer von Frauen unter der Geburt gestellt wird. Kramer verneint sie. „Obwohl ich nicht weiß, wie sich eine Wehe anfühlt, kann ich die Frau natürlich trotzdem betreuen. Ein Chirurg muss ja auch nicht wissen, wie sich ein gebrochener Arm anfühlt, bevor er einem Patienten helfen kann.“

- Insgesamt hat die gebürtige Remblinghauserin schon mehr als 450 Babys auf die Welt geholt.

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