Mutmacher

Leben und Liebe mit Amputationen und Morbus Crohn

Der glücklichste Moment ihres Lebens: Anja und Dominik Schreivogl gehen gemeinsam aus dem Trauzimmer im Mescheder Standesamt.

Der glücklichste Moment ihres Lebens: Anja und Dominik Schreivogl gehen gemeinsam aus dem Trauzimmer im Mescheder Standesamt.

Foto: Privat

Freienohl.  Anja und Dominik Schreivogl haben zusammen drei Hände, zwei Füße und zwei Herzen, die füreinander schlagen. Gemeinsam machen sie anderen Mut.

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Hand in Hand - ohne Krücken. Sie im Brautkleid, das Haar zur Seite gelegt, er im Anzug mit bordeauxfarbenem Hemd. Die Hochzeit im Mescheder Standesamt gehört zu den schönsten Momenten im Leben von Anja (40) und Dominik Schreivogl (35). Ein Tag, der heraussticht, weil es in ihren Leben schon so viele schlechte gab. Das Paar macht heute anderen Menschen Mut. Auf ganz unterschiedliche Weise, aber immer gemeinsam.

Die Geschichte ihres Kennenlernens ist unspektakulär. Das sagen beide. Er gratulierte ihr 2014 über Facebook zum Geburtstag, sie schrieben sich eine Weile. Aber eigentlich kannte man sich ja auch schon. Wie das im Sauerland eben so ist, wenn die eine aus Stockhausen und der andere aus Remblinghausen kommt. Gemeinsame Bekannte, gemeinsame Partys… Aber ihre gemeinsame Geschichte ungewöhnlich. Sie hat wegen der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn einen künstlichen Darmausgang, ihm fehlen seit einem Autounfall drei Gliedmaßen.

Freunde zogen sich zurück

„Wir haben sofort mit offenen Karten gespielt“, sagt Anja Schreivogl, geborene Ullrich. „Was soll man da auch verheimlichen? Es ist ja so“, sagt ihr Mann. Freunde von ihr kannten „Dom“, und sagten sofort: „Anja, den musst du dir warm halten. Der ist einer von den guten.“ Andere Freunde hatten gar kein Verständnis für diese Beziehung und zogen sich komplett zurück.

Rückblick Nr. 1: Am 13. März 2011 im Morgengrauen passierte der schreckliche Unfall, der das Leben von Dominik Schreivogl verändert. Sein kleiner schwarzer Daihatsu kam auf der Landstraße vor Berlar von der Straße ab, prallte gegen den Betonvorsprung eines Wasserkanals. Sekundenschlaf, Alkohol spielte eine, aber nicht die entscheidende Rolle. Das Feuer brach auf der linken Seite des Fahrzeugs aus. Der junge Mann lag mehr als 60 Minuten in den Flammen. Seine linke Körperhälfte wurde deshalb stark verletzt.

42 Wochen im Krankenhaus

Die Ärzte mussten ihm den rechten Unterschenkel, das linke Bein und die linke Hand amputieren. Ein Foto

des zerstörten Autos hat der 35-Jährige auf seinem Handy. Kaum zu glauben, dass da ein Mensch lebend rausgekommen ist. Dominik Schreivogl lag 42 Wochen in Kliniken des Ruhrgebiets – Bochum und Dortmund. Er hatte mehrere Herzstillstände, der Schädel musste geöffnet werden. Seine ersten Erinnerungen setzen erst nach acht Wochen ein. Ein Scherz seines Vaters: Er sagte ihm, dass er nun überzeugt davon sei, dass sein Sohn ein Gehirn habe: „Ich habe es gesehen.“ Das Jahr 2011 war auch für die Eltern nicht leicht, das Leben des Sohnes stand nicht nur ein Mal auf der Kippe.

Ein künstlicher Darmausgang mit 34 Jahren

Rückblick Nr. 2: Ihr Leben verändert sich im Jahr 2013: „Du musst mal wieder auf die Pinne kommen“, sagte Anja Schreivogls Arzt, nachdem er sah, wie sie ohne Elan und voller Schmerzen durch die Flure schlich. Cortison, das sie gegen die Entzündungen im Darm genommen hatte, hatte die Darmwand durchlöchert. „Es war klar, dass etwas passieren musste“, sagt die 40-Jährige. Die Alternativen waren: Loch flicken? Einen vorübergehenden künstlichen Darmausgang legen? Oder eben die endgültige Entscheidung für einen künstlichen Darmausgang? Acht Wochen lag sie auf der Darmstation im Mescheder Krankenhaus. Es gab mehrere Komplikationen – unter anderem eine schmerzhafte Bauchfellentzündung. „In dieser Zeit war ich mit den Nerven am Ende. Ich konnte nur auf dem Rücken liegen. Ohne meine Mutter hätte ich das nicht geschafft. Sie kam jeden Tag.“ Mediziner und Patientin entschieden sich schließlich für den künstlichen Darmausgang.

Gemeinsam meistert das Paar nun den Alltag. Sie schiebt seinen Rollstuhl, begleitet ihn zu Ärzten und Therapeuten. Er nervt, wenn sie bei Beschwerden nicht direkt zum Arzt geht. Er kann dabei sehr ausdauernd sein. Zuletzt als sie Anfang diesen Jahres wegen eines akuten Nierenversagens fast gestorben wäre. „Ja, man kann jemandem auch ohne Füße in den Hintern treten“, so der 35-Jährige.

Gnadenlose Ehrlichkeit und Schwarzer Humor

Beide reden locker über Schicksalsschläge, die einem den Atem stocken lassen. Sie sind dabei gnadenlos ehrlich und mit ihrem Schwarzen Humor so komisch, dass man nur laut mitlachen kann. Zum Beispiel, wenn sie von ihrer ersten gemeinsamen Nacht erzählen. Eine Nacht voller Katastrophen. Dabei versprüht das Paar stets einen Optimismus, dem man sich kaum entziehen kann. Beiden zeigen auf schmerzhafte Weise, wozu der Mensch fähig ist. Was er ertragen kann und muss.

Die Frage: „Warum ich?“, haben sich beide nie gestellt. Das sagen sie, und man nimmt es ihnen ab. „Es ist halt so. Dann musste damit auch klar kommen“, sagt Dominik Schreivogl. Er war schon vor seinem Unfall für seine pragmatische Art und klaren Ansagen bekannt. Auch deshalb wurde Dominik Schreivogl vom Crash-Kurs-NRW der Polizei ausgewählt. Dort spricht er vor jungen Menschen über seinen Unfall. Die Botschaft: „Setzt euch nicht müde oder betrunken hinters Steuer. Sammelt Geld für ein Taxi oder ruft eure Eltern an und nehmt den Ärger in Kauf, wenn ihr zu spät heim kommt. Ich war erst 42 Wochen später zu Hause.“ Nach diesem Satz wird es immer sehr still.

Sie macht Darmpatienten Mut

Auch Anja Schreivogl ist als Mutmacherin im Einsatz. Regelmäßig ruft die Darmstation des Mescheder Krankenhauses bei ihr an, wenn Patienten Angst vor einem bevorstehenden künstlichen Darmausgang haben. Sie nimmt den Patienten die Angst. Erzählt ihnen, dass das Leben nicht vorbei ist. „Und wenn da ganz harte Fälle sitzen, die im Selbstmitleid zerfließen, bringe ich Dom mit“, sagt Anja Schreivogl. Beide lachen. „Wenn da ein dreifach Amputierter ins Zimmer rollt, relativiert das ziemlich viel“, sagt Dominik Schreivogl.

Beide sind Frührentner. Sie ist Friseurin, er arbeitete bei Honsel als Zerspanungsmechaniker (Fachrichtung Drehtechnik), der Unfall passierte nach seiner Meisterfeier. Er würde gern wieder Auto fahren und arbeiten gehen. Wer ihn kennt, weiß wie gern. Aber zunächst trainiert er nun seinen Gleichgewichtssinn, um mit den neuen Prothesen laufen zu können. Immer einen Schritt nach den nächsten. So läuft das bei den Schreivogls. Seine Frau Anja ist dabei immer an seiner Seite. Und dann werden beide das Projekt starten: „Dom geht Arbeiten“.

Gehören zum Crash-Team-NRW

  • Mit den Beamten des Crash-Teams-NRW sind die Schreivogls mittlerweile befreundet, sie kamen auch zur Hochzeit ans Standesamt.
  • - Das landesweite Projekt Crash Kurs NRW ist im Frühjahr 2012 gestartet. Das Publikum besteht aus Fahranfängern. Das Team besteht aus Notärzten, Feuerwehrleuten, Notfallseelsorgern, Betroffenen und deren Angehörigen sowie der Polizei.
  • - Ein Interview mit Dominik Schreivogl gibt es hier.
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