Urteil

Lebensmüder Brandstifter bringt 20 Menschen in Gefahr

Unter Atemschutz steht die Feuerwehr vor dem Wohnhaus in der Pulverturmstraße: Ein Mann hatte dort einen Brand gelegt.

Unter Atemschutz steht die Feuerwehr vor dem Wohnhaus in der Pulverturmstraße: Ein Mann hatte dort einen Brand gelegt.

Foto: Jürgen Kortmann

Meschede.  Erst setzt ein Lebensmüder in Meschede ein Mehrfamilienhaus in Brand. Dann rettet er die Bewohner. Im Prozess wird die ganze Tragweite deutlich.

Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich am frühen Morgen des 25. Juli 2017 in einem Mehrfamilienhaus an der Mescheder Pulverturmstraße abgespielt haben: In seiner Kellerwohnung legt ein 31 Jahre alter Mann an mehreren Stellen Feuer, weil er sich umbringen will. Wenig später gefährden die Flammen das Leben 20 weiterer Menschen. Die meisten Bewohner liegen zu diesem Zeitpunkt schlafend in ihren Betten.

Wegen schwerer Brandstiftung hat das Mescheder Schöffengericht den psychisch kranken Mann gestern zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. „Die Sache tut mir wirklich Leid“, gab er den drei Richtern mit auf den Weg, bevor die sich für mehr als eine halbe Stunde zur Urteilsfindung zurückzogen.

Lügengeschichte bei der Polizei

Als in seiner Wohnung die Flammen lodern, kommt der Mann in jener Nacht schnell zur Besinnung: Mit einem Pullover versucht er den Brand zu ersticken. Als er merkt, dass ihm das nicht mehr gelingen wird, klingelt er all seine Nachbarn aus dem Bett und rettet ihnen so vermutlich das Leben. Sieben Mietparteien gibt es in dem Haus. Unmittelbar über der brennenden Wohnung liegt ein Kinderzimmer. Als die Feuerwehr eintrifft, stehen alle Bewohner auf der Straße.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Angeklagte bereits aus dem Staub gemacht. Sechs Tage später sitzt er bei der Polizei. Als Zeuge. In seiner Aussage beschuldigt er einen Freund, der kurzzeitig bei ihm gewohnt hat, das Feuer gelegt zu haben. Die Beamten zweifeln zunächst nicht. „Er hat eine glaubhafte Vorgeschichte erzählt“, so einer der Beamten im Prozess. Die Sprunghaftigkeit in der Aussage des Mannes mit Migrationshintergrund führte er nicht auf Verständigungsprobleme zurück. Er habe eher verwirrt gewirkt. Am 9. August vernimmt die Polizei den 31-Jährigen erneut. Diesmal als Beschuldigten, nachdem er die Tat gestanden hatte.

Zugespitzte Situation

Gehandelt haben soll er aus einer akut depressiven und suizidalen Verfassung heraus, wie ein Psychiater im Prozess erläuterte. Dem ohnehin psychisch angeschlagenen Mann war an jenem Abend alles über den Kopf gewachsen: Schulden, die er mit seiner Grundsicherung nur schwer wird begleichen können. Ein Familiengericht, das ihm den Kontakt zu seinem Sohn untersagt. Ein Stromanbieter, der ihm wegen nicht gezahlter Rechnungen den Saft abdreht. Und ein Freund, der ihn bestohlen haben soll. Die Staatsanwaltschaft sprach von einer „Zuspitzung der Situation in der Tatnacht“. Hinzu kommt, dass der 31-Jährige in jener Nacht unter Alkohol und Drogen stand.

240.000 Euro Schaden

Richter Dr. Sebastian Siepe machte dem 31-Jährigen noch einmal sehr deutlich, dass sein Kontrollverlust in dieser Nacht für die Bewohner des Hauses dramatisch hätte enden können. „Die Sache war im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich“, so Siepe. Dass es sich um kein kleines Feuer gehandelt habe, zeige allein schon die Schadenssumme von 240.000 Euro.

Wegen der Krankheitsgeschichte des Mannes ging das Gericht gestern von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus. Was ihm die Richter neben seiner rechtzeitigen Warnung und damit der Rettung der Bewohner zu Gute hielten: Er hat sich eigenständig in psychiatrische Behandlung begeben. Dort befindet er sich immer noch - und wird sie nach einer Weisung des Gerichts erst beenden, wenn die Ärzte einen Erfolg bescheinigt haben.

In den frühen Morgenstunden alarmiert

In den frühen Morgenstunden war die Feuerwehr seinerzeit an die Pulverturmstraße alarmiert worden: Gegen 2.30 Uhr war der Brand in der Wohnung im Kellergeschoss ausgebrochen. 63 Feuerwehrleute waren im Einsatz, dazu der Rettungsdienst mit 18 Einsatzkräften.

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