Schicksal

Lennard (11): „Liebe Hania, ich denke jeden Tag an dich“

Verkleiden, Blödsinn, Spaß: Der Kühlschrank der Familie Raulf zeigt das bunte Leben einer sechsköpfigen Familie. Seit dem schlimmen Unfall am 18. Dezember ist alles anders. Alle vermissen ihre Hani.    

Verkleiden, Blödsinn, Spaß: Der Kühlschrank der Familie Raulf zeigt das bunte Leben einer sechsköpfigen Familie. Seit dem schlimmen Unfall am 18. Dezember ist alles anders. Alle vermissen ihre Hani.    

Foto: IlkaTrudewind

Meschede.   Im Dezember verunglückt Hania (10) schwer. Die Familie ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft in Meschede und möchte danke sagen.

„Alles. Einfach alles, vermisse ich. Seitdem ich denken kann, teile ich mein Zimmer mit Hani. Ich kann nicht mehr alleine schlafen“, sagt Catharina Raulf. Die Worte der 13-Jährigen tun weh. Man möchte das Mädchen in den Arm nehmen und sagen: „Alles wird gut. Das Schlimmste haben wir geschafft.“ Es ist genau das, was Marc Raulf seinen Kindern sagt. Jeden Tag. „Bald kommt Hania nach Hause. „Bald sind wir wieder komplett.“ Mama, Papa, Catharina (13), Hania (11), Lena (8), Mats (5) und Berta, der Labrador.

  • Es gibt einen Spendenverein für Hania.
  • Die Gemeinnützigkeit ist beantragt (wichtig für Quittungen).
  • Kontakt: spendenvereinhania@web.de (auch das Paypal-Konto läuft über diese Adresse).
  • Konto: „Spendenverein Hania Raulf“, Sparkasse Meschede, IBAN DE50 46451012 0100 0001 32.

Marc Raulf (43) wischt durch die Fotos auf seinem Handy: Ein Bild vom

17. Dezember zeigt die Schwestern Hania und Catharina kuschelnd auf dem Sofa. Hania im Minnie-Mouse-Schlafanzug, Handy in der Hand und strubbeligen Haaren. Das nächste Bild zeigt die Intensivstation: Monitore, ein Krankenhausbett und ein Plüscheinhorn mit Regenbogenmähne. „Das Bild habe ich nach Hause geschickt, damit die Kinder wissen, dass Hani lebt“, sagt der vierfache Vater Marc Raulf.

An den 18. Dezember 2018, der Tag, an dem der schreckliche Unfall passiert ist, hat er kaum Erinnerungen. Weil das Unterbewusstsein einen Vorhang vor das Unfassbare schiebt. Hania wurde unter dem Rolltor der heimischen Garage eingeklemmt und schwerst verletzt.

Hania ist an jenem Dienstag mit ihrer Mutter in der Stadt. Weihnachtsgeschenke kaufen. Weil die Zehnjährige in einen Hundehaufen getreten ist, läuft sie nach Hause. Sie will die Schuhe wechseln und dann mit dem Fahrrad zurück fahren. Von der Straße Am Gaswerk sind das maximal fünf Minuten. Als die Tochter nicht zurück kommt, ruft die Mutter ihre Freundin und Nachbarin Sandra Goesmann an. „Kannst du mal schauen?“ Sandra Goesmann schaut – und erblickt Blaulicht, Feuerwehr und Sichtschutzwände.

„Boah Papa“

Ein Rettungshubschrauber fliegt Hania nach Dortmund in eine

Spezialklinik. Sie liegt im Koma, drei Wochen schwebt das Kind in Lebensgefahr. „Es kann sein, dass ihre Tochter nicht mehr aufwacht“, sagen die Ärzte. Aber Hani wacht auf. Im Januar. Sie atmet, schluckt, kann ihre Hände und Füße ansteuern, reagiert auf vertraute Menschen. „Gestern hat sie fünfmal genießt und dann „Boah“ gesagt. Typisch Hani. ‘Boah Papa’, hat sie immer gesagt“, erzählt Marc Raulf und lacht. „Hani macht jeden Tag Fortschritte. Und Rückschritte. Aber es geht insgesamt vorwärts. Wir wissen, dass sie irgendwann wieder ein halbwegs normales Leben führen wird. Allerdings sprechen wir hier nicht von Wochen, sondern von Jahren.“

Das Familienleben steht seit Dezember auf dem Kopf: Unter der Woche lebt die Mutter bei Hania in der Reha in Hattingen, am Wochenende tauscht das Paar: Sie ist in Meschede bei den drei Kindern, er im Krankenhaus bei Hania. Raulf arbeitet beim Sozialverband VdK, die Stunden konnte er reduzieren. Doch ohne die Hilfe von Familie und Freunden, allen voran die Großeltern und die Familie Goesmann, würde es nicht gehen. Denn der Alltag der Familie geht trotz Reha weiter: Mathe-Test, Wäsche aufhängen, Sofakuscheln und Konfirmation. Nähe schafft der Videochat. Oft steht das Handy mit eingeschalteter Kamera auf dem Tisch, damit die Mama beim Essen dabei sein kann.

Pastor Schlappa und die Wellen

Wenige Wochen nach dem Unfall klingelt Pastor Reinhold Schlappa. an der Tür. Er fragt, wie es Hania und der Familie geht. Fragt, ob er helfen kann. Der katholische Geistliche kennt die Kinder aus der Schule, Raulfs selbst sind evangelisch. Gemeinsam mit Sandra Goesmann, Patentante der Kinder, hat er die ersten Aktionen initiiert. Er ahnte schon, dass große Summen auf die Familie zukommen werden. Im Gottesdienst betet

Schlappa für die Familie. Weihnachten spricht er mit seinem Freund Sigi Pluta über das Schicksal. Pluta arbeitet bei der Mescheder Firma ITH und organisiert dort eine Spendenaktion. 7000 Euro kommen zusammen. Und das ist nur der Anfang: Von der Benefiz-Karaoke-Party im Pils Pub am 25. Mai, bis hin zur Spendendose in der Würstchenbude am Schafstall, ist alles dabei. Rührend: Die 23 Kommunionkinder der Marien-Grundschule legen Geld zusammen.

Im Sommer aus der Reha

Schlappas Anwesenheit verleiht einem Raum Ruhe. Schlappa spricht mit

leisen Worten: „Meine Aufgabe liegt darin, einen Stein ins Wasser zu werfen. Es entstehen Wellen, die immer größer werden.“ Es sind diese Wellen, die die Familie sprachlos machen. „Ich bin so dankbar“, sagt Marc Raulf. Er möchte am liebsten allen persönlich danken, weiß aber, dass das kaum möglich sein wird. In einem Kalender hat er alles notiert. Er selbst hätte nie um Spenden gebeten. Für ihn bleibt ein bittersüßes Gefühl von Dankbarkeit und Scham zugleich. „Ich kann meine Familie ja ernähren, es fehlt uns an nichts.“ Doch das Haus ist nicht barrierefrei. Ebenerdig muss ein Zimmer angebaut werden. Das zahlt keine Versicherung. Mit 20 Jahren hatte Raulf zwar eine Unfallversicherung abgeschlossen, von Kindern war da aber noch keine Rede. „Der Umbau wird etwa 80.000 Euro kosten“, rechnet er vor. Die Rampe für den Rollstuhl kostet 14.000 Euro. Und ein Auto mit Rampe wird auch nötig sein.

Im Sommer kommt Hania nach sechs Monaten Reha nach Hause. Der Umbau ist dann nicht fertig. „Wir improvisieren. Das schaffen wir auch noch“, sagt Marc Raulf zu Sohn Mats (5), während er ihn auf den Schoß hebt. Catharina kommt mit einem blauen Plakat in die Küche. Hanias Freunde haben es für ihren 11. Geburtstag gebastelt. Ihr bester Freund Lennard schreibt: „Liebe Hania, ich freue mich auf unser Wiedersehen. Egal, wie lange es dauert, lass uns immer Freunde bleiben. Ich denke jeden Tag an dich und hoffe, dass es dir bald besser geht.“

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