In Klausur

Mit dem dicken Mercedes von Papa zum Slalom an die Tanke

Christoph Mikus, Inhaber der Avia-Tankstelle Nuttlar, im Gespräch mit WP-Redakteur Frank Selter

Christoph Mikus, Inhaber der Avia-Tankstelle Nuttlar, im Gespräch mit WP-Redakteur Frank Selter

Foto: Uli Bock

Nuttlar.  Christoph Mikus betreibt seit 20 Jahren die Avia in Nuttlar. Der Mann von der Tanke, die rund um die Uhr offen hat, hat viel zu erzählen.

Christoph Mikus betreibt mit der Avia in Nuttlar die größte Tankstelle in der Gemeinde Bestwig. Und auch an zwei weiteren Orten ist er inzwischen vertreten. Für die Zeit nach der Eröffnung der A46 ist er gerüstet - und nicht nur dafür. „Du musst immer am Ball bleiben“, sagt der 55-Jährige.

Herr Mikus, Sie als Profi müssen das wissen: Wann tanke ich am günstigsten?

Christoph Mikus: Die Zeiten, in denen man hier heiße Tipps geben kann, sind eigentlich vorbei. Die Preise gehen rauf und runter. Sicher sagen lässt sich eigentlich nur, dass der Spritpreis in den Ferien steigt. Als Tankstellenbetreiber beobachtest du die Preisentwicklung gar nicht mehr so genau wie früher. Damals mussten wir fahren und gucken, was der Mitbewerber macht. Heute stellt sich das alles automatisch ein. Wir reagieren innerhalb von 15 Minuten auf drei Tankstellen im Umkreis. Wenn man in diesem Bereich auf dem Hinweg also irgendwo einen günstigeren oder höheren Preis sieht, wird der mit Sicherheit auf dem Rückweg schon angepasst sein.

Haben Tankstellen bei steigenden Elektroauto-Zahlen überhaupt eine Zukunft?

Ich denke, so richtig wird sich das erst durchsetzen, wenn wir es nicht mehr erleben. Bei Schulungen ist das E-Auto zwar immer wieder Thema, aber nur in einem ganz geringen Maße. Es wird da keine Hektik verbreitet. Fakt ist aber tatsächlich, dass der Spritverkauf durch den geringeren Verbrauch der Fahrzeuge rückläufig ist. Deswegen machen wir uns natürlich schon Gedanken in Richtung E-Mobilität. Vorstellen könnte ich mir zum Beispiel Ladestationen für E-Bikes an der Tankstelle. Ich bin für neue Ideen immer zu haben. Auch eine Waschanlage für Fahrräder wäre denkbar. An anderen Orten gibt es das bereits.

Wie hat sich das Tankstellengeschäft in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Es ist sehr bistrolastig geworden. Unser Bistro mit seinen 30 Plätzen hat uns hier weit nach vorn gebracht. Und auch der Shop ist immer wichtiger geworden. Du musst dir immer wieder was einfallen lassen, damit die Leute kommen - sei es mit neuen Energy-Drinks, die wir im Umkreis als erstes hatten, oder mit unseren Waschaktionstagen, an denen du dienstags und donnerstags für sechs Euro waschen kannst. Nur vom Spritverkauf allein kannst du jedenfalls nicht leben.

Aber bei den Spritpreisen müssen Sie das Geld doch eigentlich mit der Schubkarre in den Keller fahren?

(lacht) Das können wir gerne mal ausrechnen: Bei einer Kartenzahlung hast du eine Einnahme von 0,9 Cent pro Liter. Wenn ein Lkw-Fahrer 800 Liter tankt, hat ein Tankstellenbetreiber nach Abzug der Steuern also ungefähr 6 Euro verdient. Das war’s. Und bei uns kannst du davon noch einen Euro abziehen, weil die Lkw-Fahrer einen Kaffee umsonst bekommen. Aber ich will da gar nicht drüber meckern. Geld ist Geld. Es ist allerdings schon so: Wenn wir an Tabakwaren und Sprit ein bisschen mehr verdienen würden, müsste ich keine Brötchen mehr schmieren. Den Hauptumsatz machen wir mit unserer Waschanlage, dem Bistro und dem Verkauf von Getränken.

Machen Sie sich Sorgen wegen der Eröffnung der A46?

Die haben wir uns vor Jahren gemacht, als bekannt wurde, dass die Autobahn nun tatsächlich gebaut werden soll. Damals hat sich ergeben, dass wir als zweites Standbein die Avia in Assinghausen übernehmen konnten. Und seit einem Jahr haben wir als drittes Standbein noch den Tankpoint in Elspe kurz vor den Karl-May-Festspielen. Natürlich wird es so sein, dass mit der Autobahn weniger Durchgangsverkehr durch Nuttlar rollt. Deswegen wollen wir uns hier vor Ort noch stärker auf die Stammkunden - und von denen gibt es ja auch eine ganze Menge - konzentrieren. Sei es durch die Waschanlage, den Bistrobereich oder die Sportwetten, die wir seit einiger Zeit anbieten. Da gibt es eine ganze Menge Möglichkeiten. Eine Tankstelle wird ja ohnehin immer mehr zum Aufenthaltsort.

Was macht denn den Charme einer Tankstelle als Aufenthaltsort aus?

Es ist nicht so zwanghaft wie im Café. Wir haben zum Beispiel viele Vertreter, die sich morgens zum Kaffee bei uns treffen. Weil zwei Fernseher laufen - einer mit SkySportNews einer mit n-tv - nutzen das viele für einen kurzen Zwischenstopp auf dem Weg zur zur Arbeit und lassen sich berieseln. Du musst inzwischen einfach ein bisschen Entertainment haben. Und ich glaube, dass das bei uns ganz gut ankommt. Man glaubt ja gar nicht, wie viele Leute sich bei uns kennen gelernt haben. Und genau das ist das Schöne: Jede Kneipe hat eine gewisse Klientel. Aber in eine Tankstelle kommt jeder. Hier sitzt die ältere Frau, die auf ihre Wagenwäsche wartet, und kommt ganz zwanglos mit Jugendlichen ins Gespräch. Das ist immer wieder schön zu sehen - auch, dass irgendwann aus einem „Sie“ ein „Du“ wird.

Über Ihre Homepage suchen Sie Mitarbeiter. Warum sollte ich mich bewerben?

Weil es ein schönes Arbeiten ist und wir tolle und nette Kunden haben. Einige unserer Stammkunden haben sich bei dem letzten Überfall zum Beispiel Vorwürfe gemacht, dass sie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt nicht da waren. Wir haben einen Kundenstamm, der quasi schon mit auf die Tankstelle aufpasst und sich so gut auskennt, dass er anderen Kunden hilft. Außerdem lernst du in der Tankstelle eine ganze Menge fürs Leben - vom Umgang mit Menschen bis hin zum Brötchen schmieren. Ich hatte mal einen Studenten, der hat mich gebeten, seiner Mutter nicht zu sagen, dass er das jetzt kann, weil er das Zuhause sonst auch machen muss. Das ist kein Witz.

Sie haben den letzten Überfall angesprochen. Was würden Sie dem Täter sagen, wenn Sie ihn treffen?

Das sind ja meistens Leute, die selbst einen Knacks und entsprechend Druck haben. Eigentlich kann man gar nicht so blöd sein, eine Tankstelle zu überfallen. Hier hängen 32 Kameras und hier ist immer was los. Deswegen musst du auch immer damit rechnen, dass einer reinkommt. Der hatte ein Riesenglück, dass das geklappt hat. Treffen will ich solche Leute eigentlich gar nicht. Ich finde es nur traurig, dass die wegen so ein bisschen Geld in Kauf nehmen, dass unsere Angestellten im schlimmsten Falle eine Knacks bekommen.

Sie haben als einzige Tankstelle rund um die Uhr geöffnet, da erlebt man doch sicherlich eine ganze Menge? Gibt es Highlights?

Ach, da gibt es ganz viele, aber die gehören alle nicht in die Zeitung (lacht). Spontan fällt mir da aber ein junger Mann ein, der im tiefsten Winter bei Eis und Schnee mit dem dicken Mercedes von Papa über unser Tankstellengelände gecruist ist und die Zapfsäulen als Slalomstangen benutzt hat. Aber wir haben früher ja auch viel Mist gebaut. Wenn es bei solchen Sachen bleibt, ist das schon in Ordnung.

  • Christoph Mikus ist gelernter Bürokaufmann und war lange Zeit selbstständiger Einzelhändler.
  • Der 55-Jährige betreibt seit 20 Jahren die Avia-Tankstelle in Nuttlar, seit 8 Jahren die Avia in Assinghausen und seit einem Jahr auch den Tankpoint bei den Karl-May-Festspielen an der Bundesstraße in Elspe.
  • An allen drei Standorten beschäftigt er insgesamt 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  • Mikus’ Lebensgefährtin Silke ist ebenso in das Tankstellengeschäft involviert wie deren Kinder Jana (22) und Sarah (29). Und auch Mikus’ Sohn Kevin (24) und dessen Freundin Rabea (22) sind beteiligt. Entsprechend wenig Sorgen macht sich Christoph Mikus um seine Nachfolge.

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