Erinnerung

Mit Rad und selbstgebauter Drei-Gang-Schaltung nach Italien

Mia Fischer ist mit ihrem Bruder Franz-Josef Willmes mit dem Fahrrad von Schmallenberg bis nach Italien gefahren - vor 65 Jahren. Fotos und ein Tagebuch erinnern sie an die aufregende Zeit.  

Mia Fischer ist mit ihrem Bruder Franz-Josef Willmes mit dem Fahrrad von Schmallenberg bis nach Italien gefahren - vor 65 Jahren. Fotos und ein Tagebuch erinnern sie an die aufregende Zeit.  

Foto: Laura Handke

Schmallenberg.   Mia Fischer und ihr Bruder radeln 1954 von Schmallenberg aus rund 3000 Kilometer durch die Welt. Von Heustadeln, Kuh-Weckern und der großen Liebe

„Von Schmallenberg bis Winterberg haben wir geschwitzt wie die Bären. In Gießen hatten wir den ersten Durst. Um 3 Uhr hatten wir Hanau erreicht.“ Mia Fischer sitzt am Küchentisch und blättert in ihrem alten Tagebuch. Kleine Fotos in schwarz, weiß liegen daneben, fein säuberlich gestapelt.

Auf ihnen zu sehen sind Mia Fischer und ihr Bruder Franz-Josef Willmes mit zwei Drahteseln, beladen mit Campingkochgeschirr, einem Zelt und ein paar Taschen. „Unsere große Reise ist jetzt genau 65 Jahre her. Mein Bruder hatte die Drei-Gang-Schaltung selbst eingebaut“, erinnert sich die 84-Jährige und lacht.

Damals war sie erst 19, ihr Bruder 17. Rund 3000 Kilometer strampelten die Geschwister mit ihren Rädern nach Italien und zurück - in 27 Tagen. „Wir hatten nur 300 Mark dabei. Zurück kamen wir ohne Geld, dafür mit braun gebrannten Gesichtern und vielen schönen Erinnerungen“, sagt sie. Sie erlebten Gewitter, schneebedeckte Alpen und sonniges Italien.

Jeden Tag Tagebuch geführt

Wie sie auf die Idee gekommen ist, das weiß die Schmallenbergerin noch ganz genau. Die Geschwister wollten etwas von der Welt sehen. „Einmal waren wir bis Wuppertal gefahren, um unseren Onkel zu besuchen, ein anderes mal bis zum Tegernsee“, sagt sie und grinst. „Da dachte ich, wir könnten doch auch mal weiter weg. Mein Bruder war sofort begeistert.“

Dann nahm sich die damals 19-Jährige einen Atlas und zog eine Linie von Schmallenberg bis Neapel in Italien. Die Reiseroute. „In einem dicken Campingführer haben wir uns dann Schlafplätze markiert. Und dann sind wir einfach losgefahren.“

Mia Fischer blättert durch ihr Tagebuch. Dort hat sie all ihre Erinnerungen dokumentiert, während sie abends mit einer kleinen Taschenlampe in der Hand im Campingzelt saß. Am ersten Tag erreichten sie nach circa 180 Kilometern bereits Hanau, am zweiten nach 170 Kilometern Rothenburg.

Tag 4: Um sechs Uhr abends waren wir an der österreichischen Grenze. Als das erledigt war kam ein Gewitter. Wir haben dann noch im Zollhaus gesessen und ein Grenzer hat mir eine Sonne zum Wärmen gegeben.

In Heustadel übernachtet

Mia Fischer und Franz-Josef Willmes übernachten in dieser Nacht in

einem Heustadel. „Wir waren so kaputt und nass, wir hatten einfach keine Lust, ein Zelt aufzubauen“, erinnert sie sich heute zurück und lacht.

Über Scharnitz fuhren die Geschwister am nächsten Tag bis nach Innsbruck, über den Brennerpass, dann einen Teil durch die Dolomiten, bis sie an Tag 6 der Reise mit ihren vollbepackten Rädern gegen Mittag schließlich Bozen in Italien erreichten.

Tag 6. Die Sonne brannte furchtbar. Die Geschäfte haben hier keine Türen, sondern so bunte Schnüren, durch die man einfach durchgeht.

Italienische Dörfer durchradelt

In hohem Tempo fahren die zwei weiter durch viele italienische Dörfer. Stoppen nur, um zu rasten oder zu essen. Über Riva, durch kleine romantische Fischerdörfer entlang am Gardasee bis Lazise, durch die Poebene bis nach Mailand und weiter nach Arona, wo die Geschwister zwei Tage bleiben. Sie zelten auf einem Zeltplatz, kaufen ein, genießen das sonnige Wetter, trinken Wein.

Tag 11. Franz-Josef ist feste am pennen. Unser Zelt haben wir jetzt doch abgebrochen und fahren weiter.

Mailand ist der Gesamtwendepunkt ihrer Reise. Eigentlich wollten die Geschwister bis Neapel fahren, aber ein Sturm habe ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht, erzählt Mia Fischer. Der Rückweg beginnt.

Alm-Übernachtung und Zukunftspläne

Am elften Tag erreichen die Geschwister die Schweizer Grenze, tauschen 17325 Lire in 128 Franken. Am ersten Campingplatz in der Schweiz schlagen sie ihr Lager auf.

Am nächsten Tag fahren sie am Lago Maggiore entlang bis kurz vor Faido, dann über den St. Gotthardpass Richtung

Zürich.

Tag 13. Auf einmal werden wir wach, um uns herum ein Gebimele und Geklingele. Wir hatten mitten in einer Alm gezeltet. Eine Kuh guckte ganz dumm durchs Mückenfenster.

Es regnet viel. Immer wieder stellen sich die zwei Reisenden irgendwo unter, fahren in den nächsten Tagen weiter, bis sie an Tag 17 bereits den Schwarzwald und abends Freiburg erreicht haben.

An Tag 21 erreichen Mia Fischer und Franz-Josef Willmes Koblenz, an Tag 23 Bonn.

Nach 27 Tagen wieder zu Hause

Tag 23. Wir suchten ein Fahrradgeschäft, da bei meinem Rad zwei Speichen zerbrochen waren.

Es sollte die einzige Panne auf der langen Reise bleiben. Denn an Tag 27 erreichen die Geschwister wieder ihre Heimatstadt: Schmallenberg.

Wenn Mia Fischer jetzt an ihre Reise zurückdenkt, umspielt ein Lächeln ihre Lippen. „Es war einfach so eine tolle Erfahrung“, sagt sie. „Das hätte ich sonst alles nie erlebt.“

Es sollte aber auch ihre letzte lange Radtour bleiben. Eine nächste - nach Spanien - sei zwar geplant gewesen, aber es kam etwas dazwischen: „Nur ein paar Tage nachdem wir wieder da waren habe ich nämlich meinen Mann kennengelernt. Und der hatte ein Motorrad“, sagt die 84-Jährige.

Aber mit dem Zug sei sie dann doch noch einmal bis Neapel gefahren - „zusammen mit meinem Mann und meinem Bruder.“

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