Pocken

Ohne Angst: Der Mann, der die Pockenkranken in Meschede fuhr

Hier wird am Mescheder Krankenhaus ein an Pocken Erkrankter in das Seuchenfahrzeug gebracht. Links ist einer der Fahrer in seinem Spezialanzug zu sehen – ob es Werner Eickler oder Jo Willmes war, ist nicht mehr zu klären.

Hier wird am Mescheder Krankenhaus ein an Pocken Erkrankter in das Seuchenfahrzeug gebracht. Links ist einer der Fahrer in seinem Spezialanzug zu sehen – ob es Werner Eickler oder Jo Willmes war, ist nicht mehr zu klären.

Foto: Archiv

Meschede.  1970 meldet er sich in Meschede freiwillig, um die Krankenwagen mit den Pocken-Patienten zu fahren. Hier ist die Geschichte von Werner Eickler.

Für ihn ist das eine Selbstverständlichkeit gewesen. Werner Eickler meldet sich 1970 freiwillig zum Einsatz gegen die Pocken. Er ist einer von zwei Fahrern, die damals die Krankenwagen mit den an Pocken-Erkrankten fuhren. „Angst? Angst darf man nicht haben“, sagt der heute 80-Jährige.

Mit dem Seuchenfahrzeug unterwegs

Der damals 30-jährige gebürtige Mescheder arbeitet als Rettungsassistent für den Kreis Meschede. Als sich der Pockenverdacht bestätigt, wird aus dem Kreis Soest ein spezieller Krankentransportwagen ausgeliehen – von diesem für Infektionstransporte eingerichteten Fahrzeug existieren zu dem Zeitpunkt nur wenige in der Bundesrepublik.

Der Fahrer aus Soest übernimmt eine erste Fahrt, und muss dann prompt selbst in Quarantäne ins Haus Dortmund. Jetzt benötigt der Kreis Meschede eigene Fahrer. Werner Eickler und Josef „Jo“ Willmes (†) melden sich freiwillig: „Für uns ist das keine Frage gewesen, das war selbstverständlich“, erinnert sich Eickler. Anderen helfen sie ja sonst auch ständig: Beide sind aktive freiwillige Feuerwehrmänner im Löschzug Meschede.

Das Auto nennt Eickler „das Seuchenfahrzeug“ – wie es auch in der Zeit von allen genannt wurde. Es ist innen komplett mit Blech ausgeschlagen, bei den Fahrten bei eingeschalteter Heizung wird es sehr heiß. Es hat eine Isolierkabine für den Patienten. Der Mercedes kann innerhalb einer Stunde thermisch desinfiziert werden. „Wir haben sämtliche Fahrten in der Pockenzeit gemacht“, sagt Werner Eickler. Ständig wird dabei Schutzkleidung getragen. Sauerstoff erhielt er aus der Pressluftflasche. Jeden Tag muss er Blut zur Kontrolle abgeben, das Blut wird dann zur Untersuchung vom Autorennfahrer Karl von Wendt als Kurier nach München in ein Institut gefahren.

TBC-Fahrten machten ihm mehr Sorgen

Eickler ist gegen die Pocken geimpft, Angst sich anzustecken hat er nicht. Größer sei die Sorge gewesen, erinnert er sich, als er kranke Bergleute aus dem Ruhrgebiet hinauf in die Lungenheilstätte nach Beringhausen (die spätere Veramed-Klinik) gefahren hat – und zwar nicht mit einem Seuchenfahrzeug, sondern mit dem normalen Krankenwagen: „Die hatten offene Tuberkulose. Das war für uns als Fahrer genauso eine Gefahr.“

Zur Vermeidung von TBC wurde ihm geraten: „Stecken Sie sich eine Zigarette an, dann holen Sie sich nichts...“ Im Rückblick empfindet er diese Fahrten persönlich für viel gefährlicher als in der Pockenzeit, als er ja besonders geschützt war. Es bleibt bei nur zwei Fahrern, noch mehr will der Kreis nicht abstellen: „Sonst hätte es ja Engpässe bei den anderen Krankenfahrten gegeben.“ Eickler und Willmes kommen also selber mit den Kranken, die sie fahren, in Quarantäne, auch in die Pockenbehandlungsstelle nach Wimbern – die kompletten sechs Wochen des Pockenausbruchs verbringen sie dort. In einem Nebengebäude des Krankenhauses in Wimbern werden ihnen Zimmer eingerichtet: „Die Nonnen hatten für uns ihre Zimmer geräumt.“

Nachher ein Tag Sonderurlaub

Sechs Wochen lang gilt für die beiden Mescheder Helfer: „Wir durften das Gelände nicht verlassen.“ Das Seuchenfahrzeug steht nebenan auf Abruf bereit. „Die Tage waren schon sehr langweilig“, erinnert sich Eickler. Es wird viel ferngesehen in diesen Tagen. Einmal kommen die Kameraden des Löschzugs aus Meschede nach Wimbern, sie stellen einen Kasten Bier für Eickler und Willmes ab. Unterhalten dürfen sie sich nur aus der Ferne. Kontakt mit den Erkrankten in Wimbern haben sie in der Quarantänezeit nicht: „Um Gottes willen, nein!“

Das Bild vom Seuchenfahrzeug mit dem Soester Kennzeichen sprach sich herum, Auskünfte geben durften die beiden Mescheder nicht.

Dann wird die Quarantäne aufgehoben – Eickler und Willmes kommen auch frei, gemeinsam mit der letzten Patientin: „Dann war die Bude leer.“ Werner Eickler kommt nach Hause, kann sich endlich wieder seiner Haus-Baustelle widmen. Über 600 Überstunden sind für ihn in der Pockenzeit angefallen. Eickler erhält einen Tag Sonderurlaub, damit er sich mal wieder seinen Alltagsgeschäften widmen kann: „Der Tag war schnell vorbei.“

18 Helfer erhalten 1972 für ihren Einsatz gegen die Pocken das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, darunter die beiden Oberfeuerwehrmänner Eickler und Willmes aus Meschede. Wenn Eickler heute die Treffen der Ehrenabteilung (er lacht, und nennt sie „Gnadenabteilung“) der Feuerwehr besucht, trägt er es an seiner Uniform. 61 Jahre lang gehört er der Feuerwehr in Meschede an. Anderen zu helfen, ist für ihn eben zeitlebens immer eine Selbstverständlichkeit geblieben.

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