Justiz

Prozess in Meschede: 63-Jähriger würgt 73-Jährigen

Foto: Franz Luthe

 Foto: Franz Luthe

Calle.   Ein 63-Jähriger bremst mit dem Auto einen 73 Jahre alten Radfahrer aus, schlägt und würgt ihn. Ein Rosenkrieg soll dabei eine Rolle spielen.

Zwischen Calle und Wennemen ist ein 73 Jahre alter Radfahrer von einem Autofahrer ausgebremst, geschlagen und gewürgt worden. Das Amtsgericht Meschede hat den 63-jährigen Täter wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung zu einer Bewährungsstrafe und einer Geldbuße verurteilt. Nicht aufklären konnte das Gericht die Hintergründe: Sie scheinen in einem Rosenkrieg in Calle zu liegen.

„Das war nur eine Warnung“

Einige Caller verfolgten auch den Prozess. Der Angeklagte aus Wallen teilte sofort mit, er wolle nichts aussagen, nicht einmal zur Höhe seiner Einkünfte. Weil sonst niemand den Vorfall im Juni 2017 beobachtet hatte, blieb es damit allein bei der Aussage des 73 Jahre alten Opfers aus Calle. Der Mann wollte morgens von Calle über Wennemen mit dem E-Bike über den Radweg nach Meschede fahren.

Kurz vor Wennemen, etwa in Höhe der Abbiegung ins Ruhrtal, überholte ihn der 63-Jährige im Auto, machte kehrt, fuhr bis an die Leitplanke an den Radfahrer heran, um ihn zu stoppen: „Er ist sofort aus dem Auto gesprungen und hat mich niedergeschlagen.“ Es gab Faustschläge ins Gesicht, dabei würgte der Jüngere den Älteren. Der 63-Jährige sagte, „das war nur eine Warnung“ – und ließ den Verletzten liegen und fuhr weg. Drei Tage war der 73-Jährige im Krankenhaus.

Kein Streit im Vorfeld

Eine Warnung? Warum? Wovor? Das wurde nicht klar. Das Opfer hatte keine Erklärung. „Sie hatten keinen Streit?“, fragte Richterin Christina Sellmann. „Nein“, er habe gar nichts zu tun mit dem Angeklagten. Der 73-Jährige erinnerte sich, dass der 63-Jährige mal seine Tochter beleidigt habe – „er hat schmutzige Sachen abgelassen“. Heraus kam nur, dass der Angeklagte offenbar ein Freund von dem ehemaligen Mann dieser Tochter ist. Der 73-Jährige meinte: „Da müssen irgendwelche Zusammenhänge sein.“

Keine Belastungstendenz

„Das Vorgehen ist brutal“, sagte Rechtsanwalt Otto Entrup als Nebenkläger für den 73-Jährigen: „Es hat nicht gereicht, zu würgen – er musste auch noch schlagen.“ Er wies auf die Folgen hin: Der alte Mann traue sich nicht mehr allein auf die Straße; der sagte selbst, „am schlimmsten ist es jetzt, wenn der Mann mir wieder entgegenkommt“ – zuletzt Ende Dezember, als der wieder gehupt, angehalten und seinen Weg verfolgt habe.

Staatsanwältin Stephanie Westermeyer räumte ein: „Die Hintergründe erschließen sich mir nicht.“ Sie glaube aber dem Opfer, es gebe keine „Belastungstendenz“: „Er will dem Angeklagten nichts Böses.“ So habe der 73-Jährige erst auf Nachfrage gesagt, dass er auch gewürgt worden sei – und das ist als potenziell lebensbedrohend eigentlich der schwerste Vorwurf. Sie forderte sechs Monate Haft auf Bewährung und 4000 Euro als Geldbuße – weil der Angeklagte eingangs seine Einnahmen verschwieg, schätzte sie kurzerhand eine Summe.

Überraschung in letzter Minute

Erst im Schlussplädoyer nahm Martin Pauckner als Verteidiger des Angeklagten Stellung zu dem Vorfall – und forderte einen Freispruch. Denn zur Überraschung aller sagte er erst jetzt, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt Kaffee bei einem Bekannten in Bestwig getrunken habe: „Der Vorfall hat nicht stattgefunden. Das ist ein Lügenmärchen.“

Die Verletzungen habe sich der 73-Jährige beim Sturz vom Fahrrad zuziehen können. Er bezeichnete den Mann als „Prozesshansel“. Denn die Familie des 73-Jährigen („in erster Linie die Tochter“) hätte „mehrfach für Unfrieden“ in Calle gesorgt – er sprach von „einem Rosenkrieg vom Feinsten“: „Die Familie betreibt einen Krieg.“ In den sei sein Mandant reingezogen worden.

Bewährung, Geldbuße an „Weißen Ring“

Richterin, Staatsanwältin und Nebenkläger waren erstaunt: Das alles wurde erst gesagt, nachdem die Beweisaufnahme beendet war – und damit viel zu spät und nicht mehr von Bedeutung für das Verfahren. Und auch erst am Ende legte der 63-Jährige noch einen Schwerbehindertenausweis vor, mit dem er beweisen wollte, dass er gar nicht der böse Schläger sein könne.

Richterin Christina Sellmann ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie folgte dem Antrag der Staatsanwältin bei der Bewährungsstrafe und auch bei der Geldbuße, die der „Weiße Ring“ erhalten wird: „Das Gericht hat keinen Zweifel, dass es sich so zugetragen hat.“ Auch wenn das Motiv „etwas“ im Dunkeln bleibe: Die Aussage des Opfers sei glaubwürdig.

>>>HINTERGRUND<<<

Der Angeklagte wurde verurteilt wegen gefährlicher Körperverletzung und wegen Nötigung.

Gefährliche Körperverletzung wird mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren geahndet. In diesem Fall galt der Absatz 5 des entsprechenden Paragrafen 224 des Strafgesetzbuches – nämlich eine Körperverletzung „mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung“, in diesem Fall das Würgen des Opfers.

Hinzu kommt die Nötigung des 73-jährigen Radfahrers, dem sich der Autofahrer in den Weg gestellt hatte. Paragraf 240 im Strafgesetzbuch regelt das: „Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

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