Themenabend

Sauerländer sprechen über verheerende Kyrill-Nacht

Waldbauer Stefan Belke aus Winkhausen ist einer der Gesprächspartner, die Moderatorin Carmen Thomas auf der Bühne interviewt.

Waldbauer Stefan Belke aus Winkhausen ist einer der Gesprächspartner, die Moderatorin Carmen Thomas auf der Bühne interviewt.

Foto: Peter Beil

Schmallenberg.   Betroffene aus dem Sauerland tauschen sich in Schmallenberg über ihre Erfahrungen mit Kyrill aus – für einige hatte der Orkan drastische Folgen.

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In einer einzigen Nacht im Januar 2007 brachte Orkan Kyrill ganze Waldgebiete zu Fall, mehr als 15 Millionen Festmeter Holz waren es im gesamten Land. Beim Themenabend „Zehn Jahre nach Kyrill“ in der Schmallenberger Stadthalle haben Waldbauern, Förster, Rettungskräfte und Politiker nun erzählt wie sie die Sturmnacht selbst, aber auch den Schreck am Morgen danach und die Arbeiten der folgenden Jahre erlebt haben. Nach einer Schweigeminute für die sechs Toten und 170 Schwerverletzten moderierte Carmen Thomas in mehreren Gesprächsrunden.

Verzweiflung in der Nacht

Am Nachmittag des 18. Januar 2007 herrscht auch in Winkhausen zunächst trügerische Stille. Seit Tagen warnen Wetterexperten eindringlich vor Orkan „Kyrill“, noch ist davon aber nichts zu spüren. Waldbauer Stefan Belke ist trotzdem in Eile – er will all seine Tiere möglichst schnell versorgen, bevor der Sturm doch in der angekündigten Härte heranbraust.Das passiert tatsächlich, gegen 19 Uhr fällt der Strom aus, das Rauschen, Klappern und Knacken rund um den Hof wird immer lauter. „Am Abend war es Verzweiflung, weil man einfach nichts machen konnte“, berichtete Belke nun beim Themenabend.

Schreck am Morgen

Der Schock kommt am nächsten Tag beim Anblick des Waldes: „In der Nacht ist ein Teil unserer Existenz zerstört worden“, berichtet Waldbauer Stefan Belke. Ein Großteil des Baumbestandes in seinem Wald liegt am Boden – wie bei vielen anderen im gesamten Sauerland. Der Schreck verwandelt sich aber schnell in Tatkraft, alle packen gemeinsam mit an.

„Viele Landwirte waren Einzelkämpfer und sie mussten jetzt als Teamplayer auftreten“, sagte Belke. Auf Kyrill sei zwar wirklich keine gute Zeit für die Waldbauern gefolgt, heute könne er aber trotzdem etwas Gutes darin sehen: die Erfahrung von Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt. Von dieser Stimmung berichten mehrere Betroffene.

„Ich habe das erste Mal einen weinenden Forstdirektor gesehen am Morgen nach Kyrill und so etwas verbindet“, sagte Thomas Weber, Geschäftsführer des Sauerland-Tourismus. Während die Mitarbeiter des Forstamts in einer echten Notsituation waren, musste der Tourismus zunächst hinten anstehen. Erstmals konnten die Verbände nicht um Wanderer werben, im Gegenteil – sie mussten sie ausdrücklich vor dem Betreten des Waldes warnen. „Wir hatten große Sorge um die Menschen, die nicht einschätzen konnten, welche gefährlichen Kräfte die Natur hat“, sagte Weber.

Organisation der Hilfe

Während und vor allem unmittelbar nach dem Orkan ging es im gesamten Kreisgebiet darum, alle Einsatzkräfte zu mobilisieren und schnell ein möglichst umfassendes Hilfsnetzwerk aufzubauen. „In der Nacht mussten wir irgendwann aufgeben, abbrechen“, berichtete Kreisbrandmeister Bernd Krause. Am Morgen ging es darum, sich einen Überblick und Zugang zu abgeschnittenen Dörfern zu verschaffen. Landrat Dr. Karl Schneider erinnerte sich an „großes Entsetzen im Kreishaus“. Bürokratie habe keine Rolle gespielt: „Ich habe gesagt: Wir müssen Hilfe organisieren – und zwar ganz pragmatisch.“

Von einem „Trauma“ sprach Forstamts-Mitarbeiter Antonius Vollmer. „Die Leute haben einen großen Teil ihres Einkommens verloren und in dem Moment mussten wir helfen, den Schaden zu begrenzen“, sagte er. „Es war so viel Holz, dass wir es auch überörtlich anbieten mussten.“ Denn die heimischen Sägewerke wie das von Hans-Georg Pieper aus Olsberg-Assinghausen können die Mengen an Holz, die ihnen ihre Stammlieferanten anbieten, kaum verarbeiten. „uns ist schnell bewusst geworden, dass diese Holzmengen gar nicht auf dem normalen Markt unterzubringen sind“, sagte er. Der Betrieb in zwei Schichten und Nasslagerplätze können für etwas Entspannung sorgen, die Preise sinken dennoch und die Zwickmühle für die Sägewerke bleibt: Es ist einfach zu viel Holz da, aber sie wollen die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Waldbauern nicht zerstören.

Blick in die Zukunft

Zehn Jahre nach Kyrill fragen sich die Sauerländer, was bei einem kommenden Sturm passieren kann. „Südwestfalen hat noch nie so zusammengestanden wie in der Zeit rund um Kyrill, davon ist viel mitgenommen worden“, sagte Bürgermeister Bernhard Halbe. Auf eine solche Situation könne man nie zu hundert Prozent gefasst sein, man sei aber heute besser vorbereitet. Der Eindruck, der nach den Gesprächen des Themenabends auf Einladung des Regionalforstamts Oberes Sauerland blieb, war vor allem von zwei Aspekten geprägt: Ehrfurcht vor den Kräften der Natur und Vertrauen in den Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft der Sauerländer.

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