Pandemie

Lungenfacharzt Köhler würde Corona-Maßnahmen stoppen

Professor Dr. Dieter Köhler aus Schmallenberg, ehemaliger Ärztlicher Leiter des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft, im Gespräch zum Thema Coronavirus, Maske und Aerosole.

Professor Dr. Dieter Köhler aus Schmallenberg, ehemaliger Ärztlicher Leiter des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft, im Gespräch zum Thema Coronavirus, Maske und Aerosole.

Foto: Ute Tolksdorf

Winkhausen.  Der Schmallenberger Lungenfacharzt Professor Köhler hat eine klare Meinung zu Corona-Maßnahmen: Er würde sie stoppen und Hotspots zulassen.

Prof. Dr. Dieter Köhler hat mehr als 25 Jahre die Lungenfachklinik „Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft“ geleitet und Erfahrung mit beatmeten Patienten. Außerdem habilitierte er sich und forscht bis heute zum Thema Aerosole. Er berät Mitglieder des Corona-Krisenstabes der Bundesregierung. Der Winkhausener könnte also in Zeiten des Coronavirus ein gefragter Gesprächspartner sein. Doch zuletzt hatte er alle öffentlichen Anfragen abgeblockt. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der streitbare Mediziner nun doch: über das Corona-Virus, die Maske, Wahnvorstellungen der Corona-Leugner und Wissenschafts-Ideologie.

Sie haben über Aerosole geforscht, können Sie einem Laien die Wirkung beschreiben?

Prof. Dr. Dieter Köhler: Aerosole sind in der Luft schwebende kleine Partikel, Staub oder Tröpfchen. Das können Pollen sein, die Asthma verursachen oder Salzkristalle, die wir in der Meeresluft schmecken oder Zigarettenrauch. Manchmal sind darin auch gefährliche Viren enthalten.

Was hat das mit dem Corona-Virus zu tun?

Man hat lange unterschätzt, dass das Corona-Virus, das nur geringfügig größer als ein Influenza-Virus ist, vor allem von Personen abgeatmet wird, die noch keine Symptome aufweisen. Ein Fakt übrigens, der in der Influenza-Forschung seit zwölf Jahren bekannt ist, für den Corona-Krisenstab aber eine neue Erkenntnis war. Man kann die Verbreitung gut am Beispiel des Zigarettenrauchs erklären, denn dieser hat etwa die gleiche Partikelgröße wie die abgeatmeten Virusaerosole: Der wabert in einem schlecht gelüfteten, niedrigen Raum auch lange deutlich sichtbar, während er an der Luft oder in hohen Räumen, wie Supermärkten und Kirchen direkt verschwindet, weil das Virus mit der warmen Ausatemluft nach oben steigt.

Welche Situationen sind also gefährlich?

Mit Bürgermeister Bernhard Halbe habe ich in Schmallenberg einige Turnhallen-Lüftungen inspiziert und ihn gebeten, einen Zigarillo mitzubringen. Man konnte genau sehen, wie schnell der Qualm sich verzog. Gefährlich dagegen sind Fahrstühle, niedrige Kneipenräume, schlecht gelüftete Busse. Und da hilft auch kein Abstand, denn das Virus verteilt sich schnell im ganzen Raum, eben wie Zigarettenrauch. Da ist es über mehrere Meter ansteckend. Es gibt den Bericht über eine erkrankte Frau, die allein in einem Fahrstuhl fuhr. Im Anschluss haben sich dort 71 Personen infiziert, die den Fahrstuhl danach benutzt haben.

Desinfektion ist also gar nicht so wichtig?

Nein, die wird überschätzt. Auch Plexiglasscheiben bringen nichts - denken Sie an den Zigarettenrauch, der quillt daran vorbei… Unbelüftete Räume, die sollte man meiden. Ansonsten ist die Maske das Einzige, was hilft.

Und welche Maske sollte man nutzen?

Das haben wir am Kloster Grafschaft aktuell mit Dr. Dominic Dellweg getestet. Die verbreiteten medizinischen Masken erreichen einen Wirkungsgrad von 60 bis 70 Prozent, die erreicht übrigens auch die Falke-Maske, weil sie ein virusdichtes Vlies enthält. Selbstgenähte Masken ohne Vlies sind dagegen relativ wirkungslos. Sie halten Aerosole nur zu 20 Prozent ab. Plastikschilde - das wird klar nach dem Vergleich mit dem Zigarettenrauch - bieten null Schutz.

Im Übrigen werden draußen die abgeatmeten Viren rasch verdünnt, so dass es praktisch nie zu Ansteckungen kommt. In einer großen Untersuchung mit fast 7500 Ansteckungsquellen war nur eine draußen - der Rest erfolgte immer in Innenräumen. Deswegen braucht man außerhalb von Räumen auch keine Masken.

Was macht das Virus so gefährlich?

Erstmal muss man sagen, je weniger Viren man einatmet, desto weniger wird man krank. Außerdem scheint das Virus sich zurzeit abzuschwächen. Aber es kann grundsätzlich - so wie Grippeviren auch - eine schwere Lungenentzündung verursachen. Die größte Gefahr ist es, wenn man dann intubiert wird. Und da diese Behandlungsart in den ersten Monaten weltweit propagiert wurde, hatten wir so hohe Todeszahlen. Mindestens 100.000 Menschen weltweit sind allein deshalb gestorben. Auch die meisten Langzeitschäden lassen sich auf die Intubation zurückführen. Ich behaupte: Viele Langzeitschäden wurden durch die Ärzte und die Intensivstationen erst ausgelöst. Und andersherum hat Deutschland so wenig Tote, weil hier traditionell im Vergleich wenig intubiert, sondern wenn, dann mit Maske beatmet wird. Schon 2005 habe ich dazu im Deutschen Ärzteblatt einen Aufsatz veröffentlicht.

Warum wurde trotzdem weiter beatmet?

Weil man es immer so gemacht hat und auch mitunter weil es Geld bringt. In der Beatmungsmedizin handelt es sich um ein ideologisch vermintes Gelände.

Würden Sie sich sofort impfen lassen, wenn ein Impfstoff auf dem Markt ist?

Wahrscheinlich ja. Aber der Impfstoff wird erstmal vermutlich nur bedingt nutzen. Auch die Grippe-Impfung hilft nur wirklich gut, wenn man sich über Jahre kontinuierlich impfen lässt, um so einen möglichst breiten Pool an Antikörpern zu entwickeln.

Was hilft es, das Immunsystem zu stärken, Sport zu treiben, sich gesund zu ernähren, nicht zu rauchen?

All das stärkt Ihre Gesundheit und verlängert statistisch gesehen Ihr Leben. Aber es hilft nicht gegen das Coronavirus.

Was sagen Sie zu Ihren ärztlichen Kollegen und Corona-Leugnern wie Professor Sucharit Bhakdi?

Sie sehen das Geschehen nur aus ihrer Brille. Bhakdi ist beispielsweise Epidemiologe. Manches, was er sagt, stimmt. Zum Beispiel haben wir tatsächlich keine Übersterblichkeit. Was aber auch daran liegt, dass wir durch die Hygiene-Maßnahmen, die Influenza-Toten gering halten konnten. Und sicher gab und gibt es Kollateral-Schäden dadurch, dass Patienten nicht zum Arzt gehen. Von den mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Folgen gar nicht zu sprechen. Es gibt auch eine enge Beziehung zwischen Wohlstand und niedrigem Krankenstand. In der Rückschau ist es leicht zu sagen, der Lockdown war falsch. Es war aber nicht absehbar, wo das hingeht. Deshalb halte ich die Maßnahmen von damals für richtig. Heute jedoch würde ich alles stoppen und mögliche Hotspots zulassen. Das können wir managen.

Wo irrt Bhadi?

Bei seiner Vermutung, dass der Feinstaub die Leute geschwächt hätte. Die ersten Ausbrüche hatten wir unter anderem im Elsass und in Tirol. Dort ist die Luft hervorragend. Der Zusammenhang zwischen Feinstaub und dem Coronavirus resultiert nicht aus der Luftverschmutzung, sondern dass da, wo viel Feinstaub ist, auch viele Menschen auf engem Raum leben.

Wie gehen Sie selbst in Ihrem Umfeld mit Corona-Leugnern um, die hinter den Maßnahmen die große Weltverschwörung der Impfstoffindustrie, von Bill Gates, der Finanzwirtschaft oder der Bundesrepublik sehen?

Für mich sind das Paranoiker, sie haben eine wahnhafte Störung. Das gibt es viel häufiger als man denkt. Mindestens 10 Prozent der Menschen haben zumindest zeitweise eine solche Wahnstörung. Das stabilisiert ihr Leben. Mit solchen Menschen zu diskutieren, ist quasi unmöglich. Dazu sagte der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler schon 1920: „Eher überzeugt ein Wahnhafter 100 Gesunde, als dass 100 Gesunde einen Wahnhaften überzeugen.“

>>>HINTERGRUND

Professor Dr. Dieter Köhler war von 1986 bis 2013 Ärztlicher Direkter des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft.

Der 72-jährige Mediziner und Diplom-Ingenieur für Nachrichtentechnik war und ist in vielen Bereichen ehrenamtlich engagiert.

Köhler ist verheiratet hat zwei erwachsene Kinder und drei Enkel und lebt mit seiner Frau in Winkhausen.

Im Jahr 2018 hatte Köhler im Streit um die Dieselfahrverbote ein Positionspapier zu den Gefahren des Feinstaubs verfasst, für das er von vielen Seiten heftig kritisiert wurde. Er hatte damals erklärt, dass die gesundheitlichen Gefahren von Feinstaub und Stickoxiden zu vernachlässigen seien. Danach sagte er erstmal alle Interviewanfragen ab. Zurzeit schreibt er ein Buch über Feinstaub und Wissenschafts-Ideologie.

Kurz und Knapp

Die Maske ist...
der einzige reale Schutz vor Ansteckung in Innenräumen

Vor Fakenews schützen...

der gesunde Menschenverstand und sich zu informieren

Pandemien werden…

ausgelöst durch Viren, die von noch Gesunden abgeatmet werden

Forschung ist...

oft so stark ideologisiert, dass man neue Erkenntnisse selbst wider besseres Wissen nicht mehr abändert.

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