Vor 40 Jahren

So tapfer kämpfte das Sauerland gegen die Eiszeit 1979

Thorsten Fabri und Beate Vollmer im Schnee. Aufgenommen im Winter 1979 in der Gartenstraße in Dorlar.

Thorsten Fabri und Beate Vollmer im Schnee. Aufgenommen im Winter 1979 in der Gartenstraße in Dorlar.

Foto: Privat

Meschede.   Als der Winter 1979 das Leben einfriert, proben Kinder den Aufstand. Mit Sitzblockaden verteidigen sie ihre Rodelbahn gegen den Räumdienst.

Vor 40 Jahren, als die Fenster noch einfach verglast waren, hatte der Winter das Sauerland fest in seiner Hand. Ein Rückblick.

Silvester ‘78

Am 30. Dezember sind es noch vier Grad plus. Doch in der Silvesternacht fällt das Thermometer auf minus 24 Grad. Der Mescheder Hubertus Schulte trifft sich mit seiner Clique im Vereinsraum des Reitvereins in Enste. Die jungen Leute feiern ausgelassen. Trotz Kälte. Im Vorraum friert ein Eimer Wasser komplett durch. Die Heizung wird mit 50-Pfennig-Stücken in Schwung gehalten. „Das ging anfangs noch ganz gut, nur irgendwann wurden die sehr knapp und alles rückte sehr nah zusammen“, erinnert sich Schulte heute. Ganz zum Schluss bleibt den Freunden nur noch ein kleiner elektrischer Frostwächter auf der Damentoilette. „An dem haben wir uns abwechselnd die Hände gewärmt.“

Auch Margret Kotzerke, damals 20 Jahre alt, weiß noch, wie es sich anfühlt, wenn die Kälte ins Schlafzimmer kriecht. „Der Winter kam über Nacht mit einer Heftigkeit, die ich nie gesehen hatte. Wir hatten das Schlafzimmerfenster auf Kipp. Die einbrechende Kälte weckte uns auf. Auf dem Fußboden lag Schnee. Unglaublich! Es gab keine Heizung in den Schlafzimmern. In das Zimmer unserer kleinen Tochter stellten wir eine fahrbare Stromheizung, damit ihr Näschen nicht einfror. Waren das Zeiten! Den kältesten Tag zeigte das Thermometer bei Mammut (Kühltechnik Vorderwülbecke in der Grimmestraße) mit minus 23 Grad an.“

sitzt in der gleichen Nacht mit ihren Töchtern und Foxterrier „Sir“ auf einem Campingplatz im Valmetal fest. Dem Hund friert trotz Heizung die Pfote im Napf ein. Weil die Eier gefroren sind, muss sie sie mit einem Hammer aufschlagen. Erst ein SOS-Ruf an Ehemann Hans, der in Kamp-Lintfort Dienst schieben muss, bringt nach zwei Tagen die Erlösung aus der Eiswüste.

Schneeberge Anfang Januar

Nach der Kälte kommt der Schnee. In Meschedes Partnerstadt Le Puy richten Schneestürme großen Schaden an, Dächer stürzen unter der Schneelast zusammen. Das Stromnetz bricht zusammen. So dramatisch wird es im Sauerland zunächst nicht. Petra Schmidt aus Eslohe erinnert sich an jede Menge Schnee. Mit ihrem Vater versucht sie die Einfahrt frei zu schaufeln. Doch als sie unten ankommen, müssen sie oben wieder anfangen. „Es war unglaublich.“

In Schmallenberg und Eslohe sind die Schneeschipper pausenlos im Einsatz. In Bestwig wird alles zu riesigen Bergen auf dem Schützenplatz aufgetürmt. In Meschede wird der Schnee mit schweren Raupen gepackt und auf Lastwagen in die freie Natur gekarrt. In der Ruhrstraße witzelt einer der 35 Männer des städtischen Bauhofs beim Schippen: „Den lagern wir ein und verkaufen ihn nach Winterberg.“

In Eversberg macht sich der Bauhof jedoch keine Freunde: Mit Streusalz und Raupe wurde die „beste Rodelbahn weit und breit“ zerstört. Ein Dutzend Kinder versuchen die Piste, die den alten Weg nach Wehrstapel runter führt, mit Besen und Schaufeln zu retten. Die Zeitung berichtet am nächsten Tag. „Irgendwo müssen die Kinder doch Schlitten fahren dürfen“, schimpfen Eltern. Ein paar Tage vorher hatten Bergstadt-Kinder bereits den Aufstand geprobt und per Sitzstreik ein Räumfahrzeug gestoppt, um eine Rodelpiste am Feuerwehrhaus zu retten. Die Stadt hat schließlich ein Einsehen und hält sich von Eversbergs Rodelpisten fern.

Eisfrei am 8. Januar 1979

Der Wetterdienst meldet Tauwetter und warnt gleichzeitig vor Glatteis und Eisregen. Der Kultusminister Jürgen Girgensohn ordnet eisfrei an, bis sich das Wetter bessert. Mehrere Kinder werden dem Minister nachher Dankesbriefe schreiben. Die Kinder im Hochsauerlandkreis bleiben drei Tage zu Hause.

Die Müllabfuhr in Schmallenberg und Eslohe kommt nicht in Gang. Besonders die Straßen im Raum Meinkenbracht – Altes Testament – Eslohe verwandelt sich in eine Eispiste. Zu schlimmen Unfälle kommt es jedoch nirgendwo. Die Polizei lobt die vorsichtige Fahrweise der Autofahrer. Am 11. Januar findet wieder Unterricht statt. Der Skiclub Wilzenberg fiebert den Westdeutschen Meisterschaften der Jugend entgegen: 700 Langläufer und hundert Staffeln sind gemeldet. Die Bedingungen in Grafschaft und Schanze top.

Während sich der Schnee auf den Straßen langsam in Matsch verwandelt, bleiben die Wälder tief verschneit. Förster und Jagdpächter füttern das Wild mit Runkeln.

Das Ende im März

Anfang März beruhigt sich die Wetterlage. Der Sauerländer an sich lässt sich von Schnee nicht aus der Ruhe bringen. Aber der Winter 1978/79 war besonders. Und einem Zauber trauert Margret Kotzerke hinterher: Den Eisblumen an der einfachen Fensterverglasung.


>>>>Hintergrund<<<<

- Über Skandinavien hatte sich Ende Dezember 1978 kalte Luft aufgestaut, die sich lange gegen die milden Schichten in Mitteleuropa nicht durchsetzen konnte.
- Doch dann brachte die Kälte heftige Schneemengen nach Norddeutschland und abrupte Kälte ins Sauerland. Am Kahlen Asten wurden -24,1 Grad gemessen.

- „Der gesamte Winter brachte maximale Schneemengen von 80 bis 85 Zentimetern“, weiß Julian Pape vom Wetterportal Sauerland. Im Pockenwinter 1969/70 wurde der bisherige Schneehöhen-Rekord von 2,39 Meter gemessen. Pape: „Damals wurden sogar Lawinen am Kahlen Asten gesprengt.“

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