Integration

Syrischer Flüchtling singt im MGV Nuttlar

Zu Manaf Alahmads Lieblingsliedern zählt „Halleluja“ von Leonard Cohen. Die Sänger haben den 20-Jährigen ins Herz geschlossen und sogar für einen Anzug gesammelt, damit der Syrer bei offiziellen Auftritten mit auf die Bühne kann.

Zu Manaf Alahmads Lieblingsliedern zählt „Halleluja“ von Leonard Cohen. Die Sänger haben den 20-Jährigen ins Herz geschlossen und sogar für einen Anzug gesammelt, damit der Syrer bei offiziellen Auftritten mit auf die Bühne kann.

Foto: Frank Selter

Nuttlar.   In Nuttlar ist „Willkommenskultur“ nicht nur ein Wort, dort wird sie praktiziert. Mit Erfolg! Im Männergesangverein singt mit Manaf Alahmad inzwischen der erste syrische Flüchtling.

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Knapp ein Jahr ist es jetzt her, als Manaf Alahmad mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien flieht. Über die Balkanroute kommt er am 23. Oktober in Deutschland an. Sein neues Leben beginnt am 3. November 2015 in Nuttlar. Hier wohnt er seitdem mit seinen Eltern, drei Brüdern, vier Schwestern und seinem Cousin unter einem Dach. Dort fühlt er sich wohl. Dort fühlt er sich sicher. Dort hat er sein Lächeln wiedergefunden. Mit seinen 20 Jahren ist der Syrer inzwischen sogar das jüngste Mitglied im Männergesangverein und singt in beiden Chören - im Gemischten Chor „Sing for Joy“ und auch in dem traditionellen Männerchor.

„Nuttlar ist nicht gut, Nuttlar ist super“, sagt er in gebrochenem Deutsch, streckt seinen rechten Daumen in die Höhe und bringt all diejenigen, die sich seit Monaten rührend um die Familie kümmern, zum Lachen.

Zwei Tage nach dem Einzug der Familie Alahmad ist Mechthild Einhäuser die Erste, die bei ihren neuen Nachbarn anklingelt. „Ich habe immer die Kinder hinter den Fenstern gesehen, da habe ich ihnen ein Puzzle vorbeigebracht“, sagt sie. Der Beginn einer neuen Freundschaft. „Es war direkt um mich geschehen“, erinnert sich die Nuttlarerin. Helga Terlohr und Anja Busch erging es nicht anders. Seit jenen Tagen unterstützen die drei Familien die Alahmads, wo immer es nötig ist. Anja Buschs Kinder Emma (14) und Leo (11) gehen dort wie selbstverständlich ein und aus und helfen beim Deutsch lernen - aus „Frau Einhäuser“, Frau Terlohr“ und „Frau Busch“ sind längst „Tante Mechthild“, „Tante Helga“ und „Tante Anja“ geworden. Und „Frau Becker-Schmuck“ ist inzwischen zu „Oma Gerda“ geworden. Auch sie kümmert sich als Nachbarin um die Familie Alahmad.

Mit dem Rad trällernd durchs Dorf

„Das ist genau das, was das Leben auf dem Dorf ausmacht“, betont der MGV-Vorsitzende Martin Tillmann. „Hier ist ‘Willkommenskultur’ nicht einfach nur ein Wort, hier wird sie praktiziert“, sagt er, während sich hinter ihm der Probenraum langsam füllt. Zu den aktiven Sängern gehört inzwischen auch der 20-jährige Manaf. Wie es dazu kam? „Ganz einfach“, erinnert sich Helga Terlohr. „Wir haben einem Nachbarn zum Geburtstag auf der Straße ein Ständchen gesungen. Manaf hat zugeschaut und da haben wir ihn einfach mitgenommen“, sagt sie und lacht. Er sei schließlich vorher schon immer mit dem Rad singend durchs Dorf gefahren.

Martin Tillmann lässt auf sein neues Chor-Mitglied nichts kommen. Da könne sich so manch einer eine Scheibe von abschneiden. „Manaf ist immer pünktlich und hat noch nicht bei einer einzigen Probe gefehlt“, sagt er und klopft dem 20-Jährigen anerkennend auf die Schulter. Manaf Alahmad lächelt schüchtern. Er hat das Lob des Vorsitzenden so schnell nicht verstanden.

Ins Herz geschlossen

Inzwischen ist der Probenraum voll. Weil heute wegen ihm die Zeitung da ist, darf sich Manaf Alahmad ausnahmsweise wünschen, welches Lied zuerst gesungen wird. Er wünscht sich „Halleluja“ von Leonard Cohen. Rascheln. Zielstrebig werden die Notenblätter herausgesucht. Bei „Halleluja“ müssen alle ablesen. Bei den deutschen Stücken ist das anders. Dann ist der 20-Jährige oft der einzige mit einem Zettel in der Hand. „Das macht aber gar nichts“, sagt Tillmann. Das sei bei jedem anderen Neuen im Chor genauso.

Nicht nur die Nachbarn, auch die Sänger haben den 20-Jährigen ins Herz geschlossen. Zuletzt haben die Vereinsmitglieder zusammengelegt, damit er sich einen eigenen Anzug für die offiziellen Auftritte kaufen kann. Bei der ersten öffentlichen Darbietung im Juni war er noch mit einem geliehenen Anzug dabei. Damals hat seine ganze Familie in der Schützenhalle gesessen und den Auftritt stolz verfolgt. Auch die Teilnahme an der zweitägigen Vereinsfahrt im kommenden Jahr wollen die Sängerinnen und Sänger dem 20-jährigen Syrer durch eine Umlage ermöglichen. „Das gehört doch schließlich dazu“, sagt Heinz Wiemann. Er kennt Manaf Alahmad schon länger. Als sein Nachbar hat er sich am Anfang mit viel Engagement darum gekümmert, das Haus der Alahmads einzurichten. Wiemann singt im MGV nicht nur neben Manaf, sondern ist auch im SGV aktiv. Die Abteilung Nuttlar mit dem Vorsitzenden Wolfgang Rickes, der auch für die Gemeinde Bestwig Koordinator für die Möbel der Asylanten ist, kümmert sich um die Flüchtlinge im eigenen Ort, aber auch in Bestwig und Velmede. Manaf Alahmad hilft unter anderem beim Möbeltransport, beim Aufbau und beim Zeichnen der Wanderwege. Er sei ja froh, wenn er etwas zu tun habe, sagt der 20-Jährige. Zu gern würde er arbeiten. Aber er dürfe ja leider nicht.

Zur heutigen Probe ist erstmals auch Manafs Schwester Walaa mitgekommen. Die 17-Jährige sitzt in der letzten Reihe und beobachtet das Geschehen aufmerksam. Mitsingen möchte sie heute nicht. Noch nicht. Denn der MGV gibt die Hoffnung nicht auf, auch sie bald in den Reihen seines Gemischten Chores „Sing for Joy“ begrüßen zu dürfen. So ganz kann sich die 17-Jährige aber noch nicht überwinden. „Und schließlich macht sie ja auch schon Zumba“, sagt Helga Terlohr, lächelt die 17-Jährige an und drückt sie an sich.

Schützenfest war zu viel

Gemeinsam mit den Buschs und den Einhäusers haben die Terlohrs zuletzt auch viele andere Dinge für die Alahmad-Kinder möglich gemacht. „Wir waren zu Ostern Eiersuchen am Hennesee, wir waren gemeinsam im Fort Fun und an den Bruchhauser Steinen“, sagt Helga Terlohr. Und auch zum Schützenfest haben sie die Alahmads mitgenommen. „Da haben sie allerdings etwas sparsam geschaut“, erinnert sich Helga Terlohr. „Das war dann doch vielleicht ein bisschen viel auf einmal.“

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