Verbrechen

Tod im Maisfeld bei Meschede: „Brutalität und Gefühlskälte“

Der Angeklagte im Fall des Toten im Maisfeld bei Meschede-Schüren - hier am letzten Verhandlungstag im Landgericht Arnsberg mit Justizwachtmeister, Dolmetscherin und seinem Anwalt Thorsten Hönnscheidt aus Dortmund.

Der Angeklagte im Fall des Toten im Maisfeld bei Meschede-Schüren - hier am letzten Verhandlungstag im Landgericht Arnsberg mit Justizwachtmeister, Dolmetscherin und seinem Anwalt Thorsten Hönnscheidt aus Dortmund.

Foto: Jürgen Kortmann  / WP

Meschede.  Seit April ist im Fall des Toten im Maisfeld bei Meschede verhandelt worden: Jetzt kommt das Landgericht Arnsberg zu einem überraschenden Schluss.

Das reichte nicht aus für eine Verurteilung: Der Angeklagte im Fall des Toten im Maisfeld bei Schüren ist am Mittwoch freigesprochen worden.

„In der Gesamtabwägung halten wir die Einlassungen des Angeklagten nicht für unglaubwürdig“, so Petja Pagel, Vorsitzender Richter des Schwurgerichtes am Landgericht Arnsberg, zur Begründung. Seit April war gegen den 38 Jahre alten Polen verhandelt worden, der in einer Bauarbeiterunterkunft in Meschede-Voßwinkel einen 45-jährigen Ukrainer erschlagen haben soll.

Staatsanwalt fordert fast acht Jahre Haft

Staatsanwalt Klaus Neulken hatte sieben Jahre und neun Monate Gefängnis für den Angeklagten gefordert. Für ihn war das eine Tat, „die an Rohheit, Brutalität und Gefühlskälte nicht zu übertreffen ist“. Mit 13 Schlägen gegen den Kopf ist der Ukrainer im August 2019 getötet worden, zwei davon schlugen den Schädel in Trümmer. Stärkstes Indiz für Neulken gegen den 38-Jährigen waren Spuren an einem Vorschlaghammer - für ihn die Tatwaffe. Daran wurden DNA-Spuren des Angeklagten und Blutspuren des Opfers gefunden. Der Angeklagte hatte auch zugegeben, den Hammer angefasst, will ihn aber nur zurück in den Verschlag mit Werkzeug gestellt zu haben. Dort entdeckte die Polizei den Hammer sofort.

War das aber die Tatwaffe? „Selbst der dümmste Täter muss auf die Idee kommen: Die Tatwaffe muss weg!“, sagte Verteidiger Thorsten Hönnscheidt (Dortmund). So, wie es in der Version seinen Mandanten auch geschehen sein soll: Der Angeklagte hatte zuvor schon einen anderen Mitbewohner der Unterkunft, einen 28 Jahre alten Polen, beschuldigt, auf den Ukrainer mit einem Axtstiel eingeschlagen zu haben. Den Stiel habe der 28-Jährige danach auch verbrannt.

Hönnscheidt betonte, die DNA-Spuren seien nur unten am Griff des schweren Hammers gefunden worden: Dieses rohe Verbrechen „konnte man aber schlecht nur mit einer Hand am Hammer ausführen“. Auch eine Gutachterin hatte in dem Prozess ausgesagt, dass die Verletzungen auch von einem Axtstiel stammen könnten. Hönnscheidt sagte: „Die Indizien schreien geradezu nach Zweifeln.“


Ungereinigt neben dem Tatort
Der Grund für die tödliche Auseinandersetzung konnte im Prozess nicht gefunden werden. Vor der Tat waren die Bewohner an dem freien Wochenende angeln gegangen, abends haben sie den Fisch zusammen gebraten – und es gab viel, viel Wodka. Dann folgte der Streit.

Bei der Leiche wurden noch 2 Promille Alkohol festgestellt, ähnlich viel - unterstellte auch Staatsanwalt Neulken - hätten wohl die anderen getrunken. Die Vierte Große Strafkammer teilte die Bedenken zu der Tatwaffe: Tagelang hätte sie dann ungereinigt neben dem Tatort gelegen - „es kann sein, dass ein Täter so dämlich ist, das ist nicht ausgeschlossen“, so Pagel. Aber: Es könne eben auch stimmen, wie es der Angeklagte behauptete. Er hatte ja selbst geholfen, quasi aus Solidarität, Blut am Tatort zu entfernen und sauberzumachen – warum sollte er dann die Waffe nicht auch gereinigt haben, wenn er sie benutzt hätte?

Hauptverdächtiger mit europäischem Haftbefehl gesucht

Hauptverdächtiger ist jetzt der 28-Jährige, der mit einem europäischen Haftbefehl gesucht wird. Die gleiche Kammer hatte den Mann im vergangenen Jahr, obwohl er da schon verdächtigt wurde, freigelassen - damals reichten ihr die Gründe für seine Untersuchungshaft nicht aus. Daran wiederum ist auch der Angeklagte schuld: Er hatte zunächst geschwiegen, die Beschuldigungen gegen den 28-Jährigen machte er erst, als das Verfahren gegen ihn Fahrt aufnahm.

>>>HINTERGRUND<<<

In dem Prozess wurde am letzten Verhandlungstag erstmals auch in Nebensätzen zumindest etwas über das Opfer bekannt.

Ein anderer Bauarbeiter aus der Ukraine (inzwischen in Russland unauffindbar) hatte gegenüber der Polizei ausgesagt, dass der Mann erst im August 2019 aus der Ukraine nach Meschede gekommen sei und sofort Arbeit auf Baustellen des Wuppertaler Unternehmens gefunden habe, für das die Bauarbeiter tätig sind.

„Er war sehr zurückhaltend“, so sein Kollege. Getrunken habe er nur selten etwas, höchstens Bier.

Der Tote hat in der Ukraine einen Zwillingsbruder, er hinterlässt in der Ukraine eine Frau und zwei Kinder.

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