Psychologie

Über schäbige Kommentare nach Suizidversuchen in Oesterberge

Suizidgefährdete Menschen brauchen professionelle Hilfe. Wer sie durch Kommentare oder Rufe zum Selbstmord treibt, hat oft selbst Probleme.

Foto: Peter Steffen

Suizidgefährdete Menschen brauchen professionelle Hilfe. Wer sie durch Kommentare oder Rufe zum Selbstmord treibt, hat oft selbst Probleme. Foto: Peter Steffen

Oesterberge/Warstein.  Nach Suizidversuchen eines Mannes in Oesterberge gab es schäbige Kommentare im Internet. Warum Menschen so etwas machen, weiß Dr. Volkmar Sippel.

Drei Mal innerhalb weniger Wochen hat ein Bewohner einer sozialen Einrichtung von St. Georg in Oesterberge damit gedroht, vom Dach zu springen und sich so das Leben zu nehmen. Im Internet kommentieren Menschen das Verhalten mit den Worten „Soll er doch springen - nur die Härtesten überleben.“ Warum machen Menschen so etwas? Das wollten wir von Dr. Volkmar Sippel wissen. Er ist ärztlicher Direktor der LWL-Kliniken in Warstein und Lippstadt.

Warum machen Menschen so etwas?

Zunächst ist festzuhalten, dass es solche Massen- und Verrohungsphänomene schon immer gab. Das Internet wirkt hier wie ein Durchlauferhitzer. Man könnte auch sagen, wie ein Stammtisch auf Speed. Prozesse, die normalerweise langsamer werden, werden durch dieses Zusammenrotten von Gleichgesinnten beschleunigt und mit jeder Bestätigung in der eigenen Meinung sinkt die Hemmschwelle ein Stück. Darunter sind tatsächlich Menschen, die glauben, dass es sich um ein Stammtischgespräch handelt und die sich der Reichweite und der Tragweite gar nicht bewusst sind. Massenphänomene sind kaum erforscht. Es gibt Hypothesen, dass der Mensch in der vermeintlichen Anonymität der Masse auf seine niederen Instinkte und Triebe zurückfällt, weil der Einzelne nicht mehr sichtbar wird, nicht mehr lenkt und vom Strom der Masse einfach mitgezogen wird. Man neigt dazu, das Internet zu verteufeln. Aber es gibt auch viele Menschen, die über das Internet Hilfsangebote wahrnehmen. Das ist in Deutschland noch nicht so verbreitet, aber in Skandinavien und in England sind Hilfsangebote über professionelle Internetplattformen sehr beliebt und außerordentlich wirksam. Es gibt dort sogar ganze Therapieprogramme. Das Internet ist nur ein Verstärker für Prozesse, aber es schafft keine grundsätzlich neuen Phänomene.

Kann man zwischen Menschen unterscheiden, die so etwas im Internet posten, und denen, die im wirklichen Leben durch Rufe zum Springen animieren, wie es zuletzt in Baden-Baden geschehen ist?

Aus meiner Erfahrung senkt die vermeintliche Anonymität, die das Internet bietet, die Hemmschwelle erheblich. Die Menschen können sich dort immer noch einreden, dass es sich um eine virtuelle Spielerei handelt. Die Hemmschwelle, sich persönlich hinzustellen und zu rufen, ist wesentlich höher - obwohl die Motive eventuell ähnlich sind. Motive können hier zum einen sein, dass sich Menschen in ihrer Privatsphäre gestört fühlen und der Ansicht sind, dass sie in eine Sache hineingezogen werden, die sie gar nicht wollen. Oder es ist die pure Lust zu sehen, dass gerade etwas Schlimmes passiert. Es ist schwierig zu sagen, was solche Menschen bewegt. Das kann vielleicht auch ein Ausdruck der Angst vor der eigenen Suizidalität oder der eines Familienmitgliedes sein.

Was macht es mit einem suizidgefährdeten Menschen, wenn er solche Kommentare liest oder animierende Rufe hört?

Für diese Person ist es sicherlich ein Spott über seine Verzweiflung. Nachvollziehbar ist so etwas aus meiner Sicht vielleicht noch ein bisschen, wenn ähnlich gesinnte suizidale Menschen sich in Suizidforen gegenseitig bestätigen. Es ist aber etwas anderes, wenn jemand, der vermeintlich gesund ist, an einem Menschen, der sich in einer solch verzweifelten Situation befindet, seine Aggressivität auslebt.

Also empfinden suizidgefährdete Menschen solche Rufe und Kommentare eher als Spott und nicht als tatsächliche Aufforderung, zu springen?

Die Gründe, warum ein Mensch suizidal wird, sind vielfältig. Es gibt nicht den suizidalen Menschen. Ähnlich ist aber allen, dass sie in eine Art Tunnel hineinkommen, an dem als Ausweg nur noch der Suizid steht. Also die Endstrecke vor einem Suizid ist sehr ähnlich - unabhängig davon, aus welchen Motiven sich ein Mensch zu dieser Tat getrieben fühlt. Wenn man Menschen ihre animierenden Rufe und Kommentare wohlwollend auslegt, etwa nach dem Motto „Ich störe dem suizidalen Menschen die Show, dann hört er schon auf mit seinem Gehabe“, muss man sagen, dass so etwas nicht funktioniert. Aus meiner Erfahrung fühlen sich suizidale Menschen durch solche Reaktionen erst Recht allein gelassen und ein Stück für die Motive ihres Suizides bestätigt - nämlich, dass sie allein auf der Welt sind und es keine Solidarität gibt.

Wie ist es in solchen Fällen oder auch bei Unfällen mit Schaulustigen? Wird damit nicht schlicht ein menschliches Bedürfnis nach Neugier befriedigt, das zu sehr tabuisiert wird?

Das menschliche Bedürfnis nach Schaulust ist natürlich vorhanden. Man ist als Zuschauer aber nie neutral, sondern bestärkt allein durch seine Anwesenheit diejenigen, die etwa die Arbeit der Rettungskräfte behindern, auch wenn sie nicht selbst aktiv dazu beitragen. Jeder Mensch sollte sich dieser Verantwortung in jedem Fall bewusst sein.

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Dr. Volkmar Sippel ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und ärztlicher Direktor der Kliniken Warstein und Lippstadt.

Sippel ist 49 Jahre alt und bringt umfangreiche - auch internationale Erfahrung - auf dem Fachgebiet der Psychiatrie und Psychotherapie mit.

Die LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Warstein ist eine Einrichtung des Psychiatrie-Verbunds des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).

Die Klinik hält das k omplette Spektrum psychiatrischer Angebote mit den Abteilungen Allgemeine Psychiatrie, Depressionsbehandlung, Integrative Psychiatrie und Psychotherapie, Gerontopsychiatrie sowie Suchtmedizin und Suchtrehabilitation vor.

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