Zehn Jahrenach Kyrill

Verband zieht aus dem Orkan wichtige Lehren für die Zukunft

Der Wald nach Kyrill bei Remblinghausen

Der Wald nach Kyrill bei Remblinghausen

Foto: Georg Hennecke

Meschede.   Der Waldbauernverband fürchtet, Kyrill war nicht der letzte Orkan im Sauerland. Die Verantwortlichen haben wichtige Lehren daraus gezogen.

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Am Abend des 18. Januar 2007 hatte der Waldbauernverband zu einer Versammlung eingeladen. Klaus Bauerdick, heute Vorsitzender der Bezirksgruppe HSK, erinnert sich: „Da riefen sie am späten Nachmittag schon von den Höfen an: ,Komm’ schnell nach Hause. Hier sind Bäumen gefallen.“ Die zweite Veranstaltung in Sundern wurde abgesagt und als Karsten Drews-Kreilman, Kreisgeschäftsführer des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes über Breitenbruch nach Hause fuhr, sah er die Randbäume, die wie Mikadostäbe abknickten. „Das war wie in einem Horrorfilm.“

Der Schock

Am nächsten Tag versuchten Bauerdick und auch sein Vertreter Paul Noeke die Schäden zu sichten. „Ich bin über Stämme geklettert und herumgeirrt“, erzählt Noeke. „Alle Waldwege waren weg. Ich hatte völlig die Orientierung verloren.“ Und dabei habe eine „gespenstische Ruhe“ geherrscht. „Der Schock saß tief“, weiß Drews-Kreilman, „und verwandelte sich bald in Trauer.“ Der bäuerliche Waldbesitz war ja über Generationen gewachsen. „Ich habe noch nie so viele gestandene Männer hier in den Beratungen weinen gesehen.“ Viele Waldbesitzer hätten ihre Existenz, ihren Job, ihre Alterssicherung verloren.

Die Bewältigung

„Als sich der Schock gelegt hatte, war es unsere Aufgabe, Kyrill zu bewältigen“, sagt Bauerdick. Erstmal sei es darum gegangen, die Wege freizuräumen, um die Schäden überhaupt bestimmen zu können. Verband, Waldbauern, Forstleute und Forstbetriebsgemeinschaften packten an. Das Holz - im HSK waren etwa fünf Millionen Bäume gefallen - musste aufgearbeitet und vermarktet werden. „Wir waren die am stärksten betroffene Region. Das war eine schwierige Zeit.“

Solidarischer Verkauf

Solidarischer Verkauf war das Zauberwort. „Es sollte nicht dazu kommen, dass der Erste viel mehr für sein Holz bekommt als der Nachbar, der es später aus dem Wald holt“, erläutert Paul Noeke. In seiner Forstbetriebsgemeinschaft Freienohl, Oeventrop, Uentrop klappte es: Fast alle 150 Waldbesitzer zahlten in einen Topf. „Zusätzlich holten wir uns ein Unternehmen, das Logistik und Abrechnung der großen Holzmengen für uns übernahm.“ Ende 2008 waren dort alle 70 000 Festmeter Kyrill-Holz vermarktet. Rund sieben Mal soviel wie normal.

Der Verband

Auch für den Landwirtschafts- und Waldbauernverband war Kyrill eine neue Erfahrung und eine große Herausforderung. „Wir wollten das Holz bestmöglich vermarkten“, sagt Karsten Drews-Kreilman. Uns war klar, das ging nur, wenn man zusammenhielt.“ Daneben kümmerte sich der Verband um steuerliche Erleichterungen für seine Mitglieder und arbeitet gruppenübergreifend daran, dass es hohe Werbungskostenpauschalen gab.

Er kämpfte auch dafür, dass bundesweit soldarisch der Holzeinschlag zurückgenommen werden sollte. Zur Enttäuschung der Sauerländer ohne Erfolg. Bauerdick: „1990 beim Sturm Lothar hat das noch funktioniert. Diesmal war es politisch nicht durchsetzbar.“

Geholfen hätten aber die EU-Gelder betont Noeke. Rund 65 Millionen Euro flossen damals aus dem Katastrophenfonds nach NRW für die Instandhaltung der Wege und für den Wiederaufbau.

Die Lehren

„Wir haben aus Kyrill gelernt, wie wichtig es ist, sturmstabile Mischwälder aufzubauen“, sagt Paul Noeke. Trotzdem sei und bleibe die Fichte der Brotbaum des Sauerlandes. Aber auch Douglasie, Lärche und Küstentanne seien vermehrt gepflanzt worden. Und mit dem Klimawandel komme auch die Edelkastanie im Sauerland häufiger vor. „Wir erleben jetzt, zehn Jahre nach Kyrill, eine neue Vielfalt in unseren Wäldern.“ Manche landwirtschaftliche Fläche, die vor Jahrzehnten zu Wald umgewandelt worden sei, hätten die Landwirte nun zurückentwickelt. „Den Wunsch vieler Landschaftsschützer Talauen zu entfichten, hat Kyrill ganz umsonst übernommen“, sagt Noeke trocken. Der Waldbauernverband initiierte einen Flyer, der für zukünftige Orkan-Schäden alle wichtigen Informationen zusammenfasst. „Wir als Verband konnten zeigen, dass Gemeinschaft stark macht“, ist Drews-Kreilman überzeugt. Alle Lehren seien wichtig, „denn der nächste Sturm kommt bestimmt. Schon jetzt sagen die Meteorologen, dass wir überreif sind.“

HINTERGRUND

Kyrill erreichte Spitzengeschwindigkeiten von 137 km/h

Von einem Orkan spricht man ab 117,7 km/h.


Sechs Menschen starben in der Kyrillnacht in NRW, acht Menschen bei den Aufräumarbeiten.

153 Verletzte gab es in der Kyrillnacht, 800 Verletzte bei den Aufräumarbeiten.


41 500 Einsätze des Katastrophenschutzes wurden gefahren, 13 500 Einsätze der Polizei


25 Millionen Bäume stürzten um, das entsprach 14,7 Millionen Festmeter. Im gesamten Jahr 2015 lag der Holzeinschlag in NRW bei 3,35 Millionen Festmetern.

2,4 Milliarden Euro betrugen laut Bundesverband der Versicherungswirtschaft die Gesamtschäden.

Die Bezirksregierung Arnsberg war zentraler Ansprechpartner für alle Städte und Gemeinden in NRW, die Unterstützung durch EU-Fördergelder bekommen wollten. Im Zentrum der Förderung stand der Wiederaufbau und die Instandsetzung der Infrastruktur.


An EU-Fördergeldern für NRW flossen 59 939 646 Euro. Später wurde diese Summe aufgrund der großen Schäden erhöht auf 65 320 174,03 Euro.


Quelle: www.bezreg-arnsberg.nrw.de/kyrill

Weitere Texte zum Thema:

Ein Kyrillopfer erinnert sich finden Sie hier

Ein Waldbauer berichtet von der schweren Zeit des Wiederaufbaus steht hier

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