SUCHT

Warum gehört der Rausch beim Schützenfest eigentlich dazu?

Ein Jugendlicher sitzt hinter Flaschen mit Alkohol. Der Missbrauch ist gesellschaftlich toleriert, sagt der Chefarzt - bis jemand abhängig wird.

Ein Jugendlicher sitzt hinter Flaschen mit Alkohol. Der Missbrauch ist gesellschaftlich toleriert, sagt der Chefarzt - bis jemand abhängig wird.

Foto: Jens Büttner

Bad Fredeburg.  Weniger junge Leute nehmen Drogen - wenn, dann aber umso mehr. Ein Gespräch mit Chefarzt Dr. Dieter Geyer aus Bad Fredeburg.

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland rund 1300 Menschen an ihrem Drogenkonsum gestorben – das bedeutet einen Anstieg um neun Prozent zum Vorjahr. Warum wir aus seiner Sicht mehr Prävention und eine konsequentere Haltung zum Thema brauchen, erklärt Dr. Dieter Geyer im Interview. Der Chefarzt der Fachklinik Fredeburg und der Holthauser Mühle lobt in diesem Zusammenhang ausgerechnet Kanzlerkandidat Martin Schulz.

Die Zahl der Drogentoten in Deutschland ist laut aktuellsten Zahlen gestiegen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Dr. Dieter Geyer: Die Zahl ist jahrelang zurückgegangen und jetzt wieder leicht gestiegen. Eine eindeutige Erklärung gibt es dafür nicht. Die meisten Todesfälle hängen immer noch mit dem Konsum von Opiaten zusammen, aber: Der Konsum von Heroin sinkt eigentlich seit Jahren. Man muss berücksichtigen, dass die meisten Drogentoten etwas älter sind als der Durchschnitt der Konsumenten, deshalb spielt die Schwächung des Körpers durch Infektionskrankheiten eine Rolle. Durch Aufklärung ist die Ansteckungsrate zurückgegangen, da geht zum Beispiel ganz einfach darum, keine gebrauchten Spritzen zu nutzen. Ansonsten sind es Phänomene, die man nicht erklären kann. Möglicherweise spielt die Reinheit der Stoffe eine Rolle.

Welche Drogen sind momentan angesagt?

Insgesamt ist der Drogenkonsum schwankend, wir hatten in den 80er- und 90er-Jahren eine Ecstasy-Welle und wir erleben heute eine Steigerung im Konsum von Cannabis und den neuen psychoaktiven Substanzen, auch Legal Highs genannt. Dazu gibt es aber keine verlässlichen Zahlen. Was wir bei allen Drogen, auch den legalen wie Tabak und Alkohol, feststellen: Weniger junge Leute steigen in den Konsum ein, aber diejenigen, die es tun, dann umso heftiger. Oft gibt es auch einen Mehrfachkonsum von Cannabis, Alkohol und Amphetaminen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, deren Gehirn noch nicht ausgereift ist, erhöht das das Risiko von psychischen Krankheiten, zum Beispiel Schizophrenie.

Was kann in der Vorbeugung ihrer Meinung nach besser gemacht werden?

In der Prävention muss es immer darum gehen, das Motiv des Drogenkonsums zu hinterfragen. Die Mehrheit der Abhängigen steigt wegen persönlicher Probleme, auch Traumata und Angststörungen, ein. Sie werden mit solchen Situationen allein gelassen und greifen dann zu Drogen. Klassische Prävention ist es deshalb stark zu machen, Halt zu geben. Und wir müssen unseren Konsum hinterfragen. Der klassische Rausch ist zum Beispiel nach wie vor beim Schützenfest tradiert. Das ist die Frage, ob wir das weiter so handhaben wollen oder erkennen, dass es Schwachsinn ist. Das Problem ist immer, dass gerade die Personen ohne ausreichende psychische Stabilität viel ausprobieren. Man muss über die Motive reden – warum führe ich einen solchen Bewusstseinszustand herbei und wie kann ich das anders erreichen, zum Beispiel über Sport. Aber eine drogenfreie Gesellschaft werden wir niemals haben.

Sind Sie selbst aufgrund Ihres Berufs völlig abstinent?

Nein. Ich rauche nicht und nehme keine Drogen, aber trinke hin und wieder ein Glas Wein. Wir leben in einer Kultur, in der Alkohol dazugehört. Schwierig ist aber, dass wir Alkoholmissbrauch gesellschaftlich tolerieren – bis zu dem Zeitpunkt, an dem jemand abhängig wird, dann wird er stigmatisiert. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass zum Beispiel jemand wie Martin Schulz offen über seine frühere Alkoholabhängigkeit spricht. Er hat sie überwunden und zeigt sich jetzt wieder stark, so etwas ist wichtig für die Prävention.

Da sind wir bei der Politik – was kann sie tun, um den Drogenkonsum wieder zu senken?

Wir könnten den Jugendschutz ernster nehmen, da ist noch Luft nach oben.

Inwiefern?

Es gelingt Jugendliche immer noch, harten Alkohol zu kaufen, obwohl der erst ab 18 Jahren freigegeben ist. Gesetze sind der eine Punkt, der andere ist eine offene Diskussion. Wenn im Fußball „Keine Macht den Drogen“ proklamiert wird und gleichzeitig eine Brauerei die Übertragung sponsert, dann ist das verlogen. Man muss die Drogen für Jugendliche entzaubern, zum Beispiel indem man auch Tabakwerbung verbietet. Da kann die Politik eine klarere Stellung beziehen und sich vom Einfluss der Lobbyisten befreien.

>>>Weitere Informationen

  • Dr. Dieter Geyer ist seit 20 Jahren Chefarzt der Fachklinik Fredeburg und der Fachklinik Holthauser Mühle.

  • Der 62-jährige Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie ist spezialisiert auf das Gebiet der Suchtmedizin.

  • In beiden Fachkliniken werden Patienten mit verschiedenen Abhängigkeitserkrankungen behandelt, neben Drogenabhängigkeit zählt auch die Glücksspielsucht zum Behandlungsspektrum.

  • Alkoholabhängige machen den größten Teil der Suchtpatienten in der Fachklinik aus – jedes Jahr werden hier rund 1000 Betroffene therapiert.

  • Die Therapie erfolgt geschlechter- und altersspezifisch.

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